Politische Um-Bildung
Langsames Umdenken in der Politischen Bildung an heimischen Schulen
Wie viele Abgeordnete sitzen im Nationalrat? Wer ernennt die Landeshauptleute? Mit diesen und ähnlichen Fragen wurde die Politische Bildung an heimischen Schulen über Jahrzehnte an ihrem Ziel vorbeigeführt. Die Aufgabe, die Jugend zu staatsbürgerlicher Mündigkeit und aktiver Teilhabe an der Demokratie zu erziehen, fand in trockener Institutionenkunde ihr schnelles Ende. Doch die letzten Jahre brachten ein Umdenken. Nicht zuletzt die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre wurde von lauten Rufen nach Reformen begleitet. Dem folgend beauftragte das Unterrichtsministerium eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe Vorschläge auszuarbeiten, um die Politische Bildung ihrem Zweck gerecht zu reformieren.
Kompetenzen statt schnell entsorgtes Wissen
„Früher war der Unterricht auf den Erwerb von Wissen ausgerichtet, das widerwillig erworben und schnell wieder entsorgt wurde“, sagt Reinhard Krammer, Professor für Geschichtsdidaktik der Universität Salzburg und Leiter der damaligen Arbeitsgruppe. Um dem entgegenzuwirken, wurde ein kompetenzorientiertes Unterrichtsmodell entworfen. Mittels aktuellen inhaltlichen Beispielen soll die Jugend zu eigenständigem Urteilen, Artikulieren und Handeln befähigt werden. Dabei wird auch auf verstärkte Medienkompetenz gesetzt. Das zuvor dominante Arbeitswissen hat im neuen Modell lediglich anlassbezogenen und instrumentellen Charakter. „Ein kompetenzorientierter Unterricht ist an die Eigenständigkeit der Schülerinnen und Schüler gebunden. Er forciert projektorientierte und kommunikative Arbeitsformen, wie zum Beispiel Gruppenarbeiten“, so Krammer.
Umsetzung zögerlich
Zum Wintersemester 2008 wurde das Modell in den Lehrplänen implementiert. Gleichzeitig wird Politische Bildung seither auch im Geschichtsunterricht der vierten Untersstufe- beziehungsweise Hauptschulklassen unterrichtet. Doch obwohl die Lehrpläne bindend sind, erweist sich die Umsetzung im Unterricht als zögerlich. „Es teilt sich auf ein Viertel Aktuelles und drei Viertel Zahlen- und Datenwissen“, berichtet Thomas Gaar, BMHS-Landesschulsprecher der Steiermark. In den Gymnasien sei die Tendenz zur bisher gängigen Instititionenkunde noch stärker. „Die Umsetzung des Lehrplans wird von Schule zu Schule, von Lehrenden zu Lehrenden ganz unterschiedlich sein“, weiß auch Reinhard Krammer: „Ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen: Routinierte Lehrende werden sich im Schnitt schwerer tun, die seit jeher begangenen Wege zu verlassen als junge Lehrende, die schon in ihrer Ausbildung mit den neuen didaktischen Prinzipien vertraut gemacht wurden.“
Wochenstunden nicht ausreichend
Größtes Manko bleibt aber weiterhin der mangelnde Umfang in den Lehrplänen. Selbst anhand des neuen Lehrmodells ein akzeptables Kompetenzniveau zu erreichen, sei mit den verfügbaren Wochenstunden kaum möglich. Für Thomas Gaar liegt das Problem darin, dass die Politische Bildung kein eigenes Fach ist und ihre Zeit mit dem Geschichts- bzw. Rechtsunterricht teilen bis opfern muss. Ähnlich sieht es auch Reinhard Krammer. Er geht noch ein Schritt weiter und erklärt: „Politische Bildung ist nicht nur Aufgabe eines Faches, sondern mehr als Unterrichtsprinzip das Anliegen aller Unterrichtsfächer.“








