09. Februar 2011 | Politik

Ehre. Freiheit. Vaterland.

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„Rechtsextreme Verbindungen dominieren den WKR“, sagt Schiedel

Heribert Schiedel über den Korporationsball und Antisemitismus in Burschenschaften

 

„Das Wissen in der Bevölkerung über Burschenschaften ist gering“, zieht Heribert Schiedel eine bedenkliche Bilanz. Seit Jahren beschäftigt sich der Rechtsextremismus-Forscher vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) mit Burschenschaften, Antisemitismus, Rassismus und der FPÖ. Burschenschafter würden versuchen, „mit der Wahrheit zu lügen“, indem sie Teile ihrer Vergangenheit verschweigen, meint Schiedel. Im Interview spricht er außerdem über Rechtsextremismus in der Justiz und warum die österreichische Bevölkerung eher für die „deutschnationale Elite in der Hofburg“, als für „krawallmachende“ Linke ist. Da Schiedel seit einigen Jahren bedroht wird, möchte er sein Gesicht dabei nicht öffentlich zeigen.

 

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mokant.at: Am Freitag fand unter Protesten der Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) statt. Was genau ist eigentlich der Wiener Korporationsring?
Heribert Schiedel: Der Wiener Korporationsring ist ein Zusammenschluss von deutschnationalen, völkischen, schlagenden Verbindungen. In diesem Dachverband sind nicht nur Burschenschaften, sondern auch andere deutschnationale Verbindungen, aber die Burschenschaften geben den Ton an. Sie sind mitgliedermäßig am stärksten, sie sind auch die politischste Gruppe in diesem Milieu. Der WKR als Ganzes ist zwar nicht rechtsextrem, aber rechtsextreme Verbindungen dominieren ihn.

mokant.at: Wie stark ist das Wissen über Burschenschaften in der Bevölkerung vorhanden? Man hat das Gefühl, dass dem Ball mehr Akzeptanz entgegengebracht wird, als der Gegen-Demonstration.
Heribert Schiedel: Das Wissen ist leider immer noch sehr gering. Die Meinung in der Bevölkerung schwankt zwischen Verharmlosung und Alarmismus, wo alle in einen Topf geworfen werden. Beides ist falsch und gefährlich. So gab es in Graz vor nicht allzu langer Zeit eine Beschädigung eines katholischen Verbindungslokals, wobei die vermeintlichen „Antifaschisten“ dann behaupteten, sich nicht geirrt zu haben. Nun ist tatsächlich vieles an Männerbünden grundsätzlich zu kritisieren, aber gerade im politischen Alltag sollte doch genau unterschieden werden, ob man es mit einer konservativen oder rechtsextremen Verbindung zu tun hat. Im gegenteiligen Fall wird nur ein weiteres Zusammenrücken im Korporiertenmilieu vorangetrieben. Dies wiederum erleichtert den rechtsextremen Verbindungen, sich hinter den gemäßigten zu verstecken.

Burschenschafter repräsentieren ein sozial herrschendes, bürgerliches Milieu, das sind zum Beispiel Ärzte oder Anwälte. Wenn die auf bloß mediale Darstellung angewiesene Bevölkerung jetzt die Wahl hat zwischen lauten, Krawall machenden Demonstrierenden, die zudem mit der Polizei in Konflikt geraten und der sogenannten Elite in der Hofburg, dann wählt sie eher Zweiteres. Die Tatsache, dass der Ball in der Hofburg stattfindet, ist für viele Zuseher entscheidend: Wer in solchem Rahmen feiern darf, kann ja nicht so schlecht sein.

Was das Gedankengut angeht, so sind offener völkischer Antisemitismus und Deutschnationalismus heutzutage nicht mehr mehrheitsfähig. Der Bevölkerung sind die soziale Sicherheit und das Österreichische wichtig. Explizit Deutschnationale gibt es in Österreich maximal fünf Prozent. Viele Menschen können mit den Riten der Burschenschafter, wie etwa der Mensur, nichts anfangen und belächeln sie, dieses Belächeln kann dann aber auch zu einer Verharmlosung führen.

 

wikipedia.org/Georg Mühlberg: "Renommierbummel" (um 1900)
mokant.at: Welche Rolle spielt Antisemitismus bei deutschnationalen Burschenschaften?
Heribert Schiedel: Ist deutschnational an sich und immer auch antisemitisch? Nein, das muss man verneinen. Die völkische Radikalisierung des Deutschnationalismus war und ist jedoch nie ohne Antisemitismus zu haben. Bei Burschenschaften haben wir heute ganz selten offenen Antisemitismus, vielmehr wird er in Codes artikuliert. Aber als – wie das eine FPÖ-Vorläuferpartei in der Ersten Republik formulierte – „negative Seite“ der Volksgemeinschaftsideologie ist er nach wie vor ein tragendes Element, eine der großen Konstanten im Milieu.

mokant.at: Johann Gudenus von der FPÖ meinte, Burschenschaften seien eine bürgerliche Bewegung. Wie passt das zusammen?
Heribert Schiedel: Das ist ein Beispiel dafür, wie mit der Wahrheit gelogen wird. Es stimmt, es gab eine bürgerliche demokratische Vergangenheit der Burschenschaften, aber sie war nach der Revolution 1848 vorbei. Die Burschenschaften arrangierten sich mit der alten Herrschaft, verleugneten die revolutionäre Vergangenheit und sagten, die Juden hätten sie zum Aufstand verführt. Man ist konservativ geworden, immer stärker nach rechts gegangen und damit wurde auch der Antisemitismus immer stärker.

Burschenschafter sagen auch immer: Korporationen sind 1938 verboten worden. Es stimmt, Korporationen, nämlich die katholischen, sind verboten worden. Die deutschnationalen Burschenschaften haben sich mehrheitlich feierlich selbst aufgelöst und sind im Nationalsozialismus aufgegangen. Die „Olympia“ hatte bereits 1933 das Führerprinzip angenommen und damit gewissermaßen den Anschluss vorweggenommen.

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