Naturschutz: Das große Sterben

(c) Katharina Kropshofer

Kennt ihr sie? Die Aktivisten, die uns ins Gewissen reden, dass wir Tierarten (durch Spenden) „retten“ müssen? Aber was bringt es uns eigentlich, wenn es weiterhin Pandas auf der Erde gibt? Ein Text über die Frage, wieso Artenschutz überhaupt relevant ist.

„Hey! Heute schon die Welt gerettet?“, fragt mich ein junger Mann, wahrscheinlich Mitte 20, mit dünnen Rastas, die lässig zu einem Dutt hochgebunden sind und der eine beige, kurze Hose mit vielen Taschen trägt. In der Hand hält er eine Greenpeace-Mappe, auf der ein Tiger abgebildet ist, der – ist das nur Einbildung? – sehr traurig aussieht. Die Leute rund um ihn blicken, so wie ich, genervt weg; nur wenige kommen mit ihm ins Gespräch. Dabei geht es um etwas scheinbar Wichtiges: „Retten wir die Tiger! Die letzten 400 im indonesischen Regenwald werden durch unser Verhalten bedroht und Artenschutz ist wichtig.“ Punkt. Oder doch eher Fragezeichen? Denn warum ist es denn wichtig, dass wir Arten schützen? Weil wir weiterhin Bilder von mysteriösen Tigern und flauschigen Pandas auf Facebook teilen wollen? Wäre es – hart ausgedrückt – nicht egal, wenn es keine Tiger mehr gäbe?

Die Sinnfrage
Laut der Umweltorganisation IUCN (International Union for Conservation of Nature) stehen auf der „roten Liste“ bedrohter Arten rund 80.000 Pflanzen und Tiere – 23.894 davon sind vom Aussterben bedroht. Sehr oft wird uns gesagt, wie wichtig es ist, Arten zu schützen, jedoch liefert kaum jemand eine verständliche Erklärung dafür.

Biodiversität, also (Arten-)Vielfalt, wird durch die „Convention on Biological Diversity“ als Variabilität, sprich Reichtum an Abwechslung, aller Organismen definiert. Arten entstanden immer in Anpassung an ihre Umwelt, sei es durch Mutationen, also Veränderungen ihrer DNA, die zufällig entstehen, oder durch Selektionsdruck, weil sie beispielsweise durch Konkurrenz um Ressourcen mit anderen Organismen dazu gezwungen sind, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Rekombination von Genen, zum Beispiel durch sexuelle Fortpflanzung, kann dabei natürlich längerfristig auch zu neuen Arten führen. Diese Diversifizierung von Arten und somit der Artenzahl kann dann wieder eine positive Rückkopplung auf die Umwelt haben, denn sie wird dadurch auch diverser. In der Fortsetzung dieses Kreislaufes kann durch weitere Anpassung durch Evolution, zumindest im klassischen Sinn Darwins, wieder eine Biodiversitätssteigerung geschehen. Diversität allein erklärt jedoch nicht unbedingt alles. Interessant wird es jedoch, wenn man den positiven Zusammenhang zwischen Artenvielfalt und Stabilität betrachtet. Denn je mehr Arten es gibt, desto stabiler wird das Ökosystem, weil quasi mehr Sicherheit entsteht, falls es zu Störungen kommt. Also kurz gefasst: Je heterogener, desto stabiler.

Worst Case Scenario?
Stabilität wird logischer, wenn man sich die Folgen überlegt, die durch das Aussterben einer Art anstehen können. Stirbt zum Beispiel eine Pflanzenart aus, hat das auch unweigerliche Konsequenzen für die Tiere, die auf ihr leben und in weiterer Folge auch für die Mikroorganismen, die in und auf den Tieren leben. Ernährt sich beispielsweise eine Tierart hauptsächlich von dieser Pflanze, sind automatisch beide bedroht. Suchen sie stattdessen einen neuen Lebensraum, im Fachjargon eine neue „Nische“, können darin automatisch wieder neue Arten durch Konkurrenz verdrängt werden. Ein Domino-Effekt. Noch folgenschwerer wird das, wenn sogenannte „Key Stone Species“ ausgelöscht werden. Diese werden definiert als Arten, die im Verhältnis zu ihrem Vorkommen einen überdurchschnittlichen Einfluss auf ihre Umwelt und andere Organismen in ihr haben. Oft modulieren und kreieren sie weitere Lebensräume.

Wiederholte Apokalypse
Ein Massenaussterben wie heute findet jedoch nicht zum ersten Mal statt. So hat es zum Beispiel schon im Tertiär, dem Erdzeitalter vor etwa 65 Millionen Jahren, ein nicht ganz erklärbares Event gegeben, das dazu führte, dass ca. 60 Prozent aller Arten ausstarben. Eine Spekulation geht davon aus, dass es einen Meteoriteneinschlag gab, der die Atmosphäre so zerstörte, dass Leben für viele Organismen unmöglich wurde. Man könnte nun aber argumentieren, dass sich die Natur auch davon wieder erholt hat. Wieso soll es dann heute anders sein?

Der Unterschied liegt in der Art der Störung. Verschiedene biologische Konzepte zeigen, dass ein gewisses Ausmaß an Störung sogar positiv für ein Ökosystem sein kann. Die sogenannte „Intermediate Disturbance Hypothesis“ besagt, dass eine Störung mittlerer Stärke, wie zum Beispiel ein Waldbrand, zu einer steigenden Artenzahl führen kann. Das liegt daran, dass von anderen Arten besetzte Gebiete wieder frei werden können und eine sogenannte Sukzession, also eine Abfolge an Wiederbesiedlung, stattfindet – womöglich sogar mit einer Chance für neue Arten. Die dominante Belastung für das Ökosystem heute ist jedoch kein natürlicher Waldbrand. Vielmehr sind wir heute mit anthropogenen, also menschlichen Störungen konfrontiert. Jeder weiß, dass es den Menschen erst relativ kurz auf diesem Planeten gibt (ganze 4 Sekunden, rechnet man das Erdalter auf 24 Stunden herunter). Eine Strategie, um mit Eingriffen dieser besonders invasiven Art umzugehen, ist für das System oft – noch – nicht greifbar. Eine Versicherung für eine intakte Umwelt ist durch Biodiversität natürlich nicht gegeben, jedoch steigt die Wahrscheinlichkeit mit jeder einzigen erhaltenen Art.

Naturschutz aus Egoismus
Die 24-Stunden-Analogie zeigt erneut unsere Unwichtigkeit auf diesem Planeten. Deswegen bin ich auch davon überzeugt, dass sich die Erde längerfristig wahrscheinlich schon von der „Plage Menschheit“ und deren negativen Auswirkungen auf unsere Umwelt erholen würde. Wer so argumentiert, den kann man vielleicht mit Egoismus vom Artenschutz überzeugen und diesen sozusagen als „Menschenschutz“ betrachten: Immerhin ist der Mensch ja auch eine Art in einem großen Ökosystem und deswegen, zumindest objektiv gesehen, schützenswert. Außerdem bekommen wir durch die Erhaltung anderer Arten auch etwas in Form sogenannter Ökosystemdienstleistungen zurück. Das sind Services aus der Natur, die sogar zur Erfüllung unserer „Millenium Goals“, wie zum Beispiel Armutsbekämpfung durch ausreichende Lebensmittelversorgung, dienen.

Zum Schluss stellt sich die Frage: Soll ich mich von den Öko-Aktivisten überzeugen lassen und für flauschige Pandas spenden oder nicht? Sieht man sich den Finanzbericht von Greenpeace an, steht dort, dass von einem Euro Spendengeld 89 Cent für Kampagnen- und Informationsarbeit verwendet wird. Kritik hagelte es auch durch einen Fall, bei dem ein Schweizer Mitarbeiter 3,8 Millionen Euro verspekulierte. Generell ist bekannt, dass die großen Natur- und Umweltschutzorganisationen ihr doch recht beträchtliches Budget für Marketingzwecke ausgeben. Jedoch muss das nichts Schlechtes sein: Denn durch ihre Arbeit rückt das gesamte Thema mehr in die Öffentlichkeit, wodurch auch kleinere, vielleicht effektivere und aktivere Projekte und Organisationen profitieren.

Wer die Tiger und Pandas schützt, schützt also auch sich selbst. Oder beruhigt zumindest sein schlechtes Gewissen.

Dieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Vor Ort kann er noch bis 29. Oktober 2017 diskutiert werden. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

1 Comment

  1. Fabian

    3. November 2016 at 09:20

    Man könnte noch anmerken, dass für gewöhnlich die Keiler auf der Straße den ersten Jahresbeitrag komplett und dann oft anteilsmäßig an den Jahresbeiträgen der nächsten zwei Jahre verdienen. Kenne Leute, die sehr, sehr gut damit verdient haben.

    Mich ärgert, dass aggressives Betteln verboten ist, bei „Spendensammeln“ gibt es dann Ausnahmen. Wenn, dann lieber online direkt an Organisation spenden. Dann lässt sich auch auswählen, ob man Organisationen unterstützt, die mit NLP-Tricks auf Fundraising gehen, oder alternative Initiativen unterstützt …

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