Milky Chance: „Unter der Dusche singe ich Oper“

(c) Sarah Furtner

Philipp Dausch von Milky Chance spricht im Interview darüber, wie es ist, mit guten Freunden auf Tour zu sein und warum er seine eigenen Lieder nicht hört..

Die Geschichte von Milky Chance liest sich wie, naja, eine Geschichte: Es waren einmal zwei junge Abituranten aus Kassel, die nach ihrem Abschluss mit Freunden im VW-Bus durch Europa tuckern wollen. Davor nehmen sie im Kinderzimmer noch ein paar selbstgeschriebene Lieder auf und stellen sie auf Youtube. Als die Videos innerhalb kürzester Zeit die Millionenmarke erreichen, werden die Reisepläne auf Eis gelegt. Obwohl Plattenfirmen anfragen, gründen die beiden lieber mit ein paar Freunden ein eigenes Label.

Zwei Jahre später zählen Clemens Rehbein und Philipp Dausch alias Milky Chance zu den vielversprechendsten deutschen Newcomern. Ihre Musik entzieht sich jeder Einordnung und findet sich irgendwo zwischen Singer/Songwriter, Electro-Pop, Reggae und Folk wieder. Wir haben uns nach ihrem Auftritt beim Szene Openair mit Philipp über positive Melancholie, Operngesang unter der Dusche und den Touralltag mit Freunden unterhalten.

(c) Sarah Furtner

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mokant.at: Wie lange braucht Clemens morgens im Bad?
Philipp: Überhaupt nicht lange, die Haare sind immer so. Alles natura. Der steht auf, wuschelt sich einmal so durch und dann stehen die so.

mokant.at: Bist du überrascht, dass die Babyshambles heute nicht spielen?
Philipp: Nee. Ihr etwa schon? Ich glaub, der Pete Doherty spielt allgemein so zehn Prozent seiner Konzerte. Haben wir auch schon öfter mitbekommen, dass der nicht gekommen ist.

mokant.at: Umso besser, dass ihr es hierher geschafft habt.
Philipp: Ja, das war aber auch knapp. Hätte auch schiefgehen können, denn wir standen ziemlich oft und ganz schön lange im Stau. Aber es ging zum Glück nochmal gut. Wir sind direkt vom Bus auf die Bühne.

mokant.at: Gewöhnt man sich irgendwann daran, dass so viele Mädels in der ersten Reihe stehen und euch anhimmeln? Ist das ein komisches Gefühl oder gefällt euch das?
Philipp: Naja… wir haben da nicht so den Blick dafür. Uns ist eigentlich egal, ob da jetzt Mädels oder Jungs oder Kinder oder Dicke oder Dünne stehen. Es ist einfach schön, wenn Menschen vor der Bühne stehen und sich freuen. Und wenn das Mädels sind, ist das auch cool.

mokant.at: Ihr seid extrem schnell ziemlich bekannt geworden. Wie haltet ihr euch bei dem ganzen Trubel rund um eure Band am Boden?
Philipp: Vieles blenden wir glaub ich unterbewusst aus – oder auch relativ bewusst inzwischen. Ansonsten, wir wohnen immer noch in der gleichen Stadt aus der wir herkommen. Wir haben die gleichen Freunde und gehen immer noch bei Mama essen am Sonntag. Wir haben einfach unseren Alltag zuhause nicht verändert. Manches blenden wir einfach aus und machen einfach, ohne groß drüber nachzudenken und Fragen zu stellen.

mokant.at: Wenn du zwei Jahre in die Vergangenheit reisen könntest, bevor das alles anfing, welchen Ratschlag würdest du dir selbst geben?
Philipp: Ich denke, ich würde alles gleich machen. Ich glaube, wenn man immer daran zurückdenkt, was man anders hätte machen können, wird man nur unzufrieden. Ich glaube, es ist alles gut so, wie es passiert.

mokant.at: Wie ist es so, mit einem richtig guten Freund auf Tour zu sein?
Philipp: Gut! Also, ich könnt’s mir nicht anders vorstellen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich diesen Alltag mit Leuten hätte, die nicht so nah bei einem sind und mit denen man keine emotionale Basis hat, wäre das glaub ich noch viel, viel anstrengender und nicht so gut möglich.

(c) Sarah Furtner

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mokant.at: Wie viele Leute seid ihr denn im Tourbus?
Philipp: Kommt immer drauf an. Bei Festivals sind wir meistens neun bis zehn, aber wenn wir kleinere Auftritte haben in Clubs oder so, dann sind wir nur circa fünf.

mokant.at: Spielt ihr euch da gegenseitig Streiche?
Philipp: Ja, wir machen auch mal Späßchen.

mokant.at: Hast du irgendetwas zu erzählen?
Philipp: (sofort) Ne! Nix zu erzählen, nein.

mokant.at: Wir wollten eigentlich den Clemens noch was zum Songschreiben fragen, aber der ist ja nicht zum Interview gekommen.
Philipp: Vielleicht kann ich’s beantworten. Auch wenn ich selbst die Songs nicht schreibe, kenne ich seine Antworten inzwischen ganz gut (lacht).

mokant.at: Okay, also die Songs sind ja schon ziemlich melancholisch. Ist er traurig beim Liederschreiben?
Philipp: Nee. Also, Traurigkeit ist ja eine sehr starke Emotion und daraus kann er viel schöpfen an Kreativität. Aber es ist ja nicht so eine depressive Melancholie, sondern mehr so eine positive, hoffnungsvolle. Also eine Traurigkeit, die nach vorne blickt und Hoffnung kreiert. Deswegen ist er auch keiner, der, wenn er total traurig ist, schreibt, sondern es ist mehr so diese positive Energie, die man aus Traurigkeit schöpfen kann, die er dazu nutzt.

mokant.at: Wenn man die Liedtexte nicht hört, sondern nur liest, wirken sie ein bisschen wie kryptische Gedichte. Schreibt er außer Liedern noch andere Sachen?
Philipp: Er schreibt Gedichte. Ja, das kann er.

(c) Sarah Furtner

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mokant.at: Hat er vor, einen Gedichtband zu veröffentlichen? Das wäre jetzt ja wieder in.

Philipp: Nein, nicht dass ich wüsste. Aber zum Beispiel seinem Papa hat er ein total schönes Gedicht zum Geburtstag geschrieben, übers Rauchen. Das war sehr schön und auch sehr lustig.

mokant.at: Ein lustiges und schönes Gedicht übers Rauchen?
Philipp: Naja, er kann ja total schön Bilder kreieren mit seinen Worten. Und sein Vater ist halt ein alteingesessener Raucher und da hat er einfach sehr lustige Bilder kreiert übers Rauchen, das war schön.

mokant.at: Wir haben mal gehört, ihr wollt, dass man Milky Chance britisch ausspricht, also „Chance“ statt „Chänce“.
Philipp: Nee, das ist uns egal wie man das ausspricht, jeder wie er will. Wir haben in der Schule halt American English gelernt, deswegen benutzen wir es auch, aber wir finden British English auch ziemlich sexy. Aber wir können’s nicht sprechen, deswegen sagen wir „Chänce“. Wir finden’s aber auch cool, wenn Leute „Chance“ sagen.

mokant.at: Noch ein paar kurze Fragen: Wenn du einen Song wählen müsstest, den du für immer hören musst, welcher wäre das?
Philipp: Boah, das ist fies. Nee, das kann ich nicht beantworten. Da müsste ich lange drüber nachdenken, aber jetzt so auf die Schnelle würde ich vielleicht was Falsches sagen. Ich glaube, das würde ich bereuen.

mokant.at: Vielleicht einen von den eigenen?
Philipp: Nee, niemals.

mokant.at: Hörst du deine eigenen Songs nicht?
Philipp: Nee. Weiß nicht, das ist so… Naja, wir hören sie ja schon ganz schön oft, weil wir sie ja immer spielen und so.

mokant.at: Was lief denn gerade im Tourbus, als ihr hergefahren seid?
Philipp: Gar nichts. Wir haben tief und fest geschlafen.

mokant.at: Was ist dein Guilty Pleasure Song, den du heimlich unter der Dusche hörst?
Philipp: Ich singe eigentlich eher. Ich probiere ja immer, ein bisschen Oper zu singen unter der Dusche. Und meine allererste CD könnte man vielleicht als ein bisschen peinlich bezeichnen, aber eigentlich auch witzig. Es war Big Big World von Emilia. Das Lied habe ich sehr lange nicht mehr ausgepackt.

mokant.at: Was war das letzte Konzert, das du besucht hast?
Philipp: Zuletzt gesehen habe ich Alle Farben. Aber das letzte, wo ich wirklich hingegangen bin, weil’s mich total interessiert hat, war Woodkid.

mokant.at: Was ist deine Lieblingsserie?
Philipp: Ich bin gar kein Serienmensch, aber ich hab mal Californication gekuckt.

(c) Sarah Furtner

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mokant.at: Was machst du denn mit deiner Freizeit, wenn du keine Serien schaust?
Philipp: Ich lese.

mokant.at: Was denn und was kannst du empfehlen?
Philipp: Ich lese querfeldein, aber meine größte Passion sind Fantasybücher, muss ich gestehen. Zum Beispiel Die Elfen von Bernhard Hennen.

Artikel von Jennifer Tillmann und Rebecca Steinbichler

Titelbild: (c) Sarah Furtner

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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