Jeder Mensch ist ein Abgrund
„Woyzeck & The Tigerlilies“ aufgeführt im Museumsquartier Wien
Die meisten von uns kennen „Woyzeck“ aus ihrer Schulzeit. Neben manch anderem, ungeliebten Drama, das wir damals nicht verstanden, weil Lehrer und Eltern uns zwangen, es zu lesen und stillschweigend mühselige Stunden Theater zu ertragen, scheint „Woyzeck“ zu den ausgewählt Langweiligen zu zählen. Die Geschichte ist, bei aller Liebe, einfältig und vorhersehbar. Sie lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. „Woyzeck“, ein pychisch etwas instabiler Genosse seiner Zeit, ist Soldat, ernährt sich von Erbsen und hat ein Kind mit einer Frau, die offensichtlich weniger von Monogamie hält als er. Sie betrügt ihn, er rastet letzten Endes aus und bringt sie um. Als er realisiert, was er getan hat, bereut er seine Tat und wählt schließlich den Freitod.
Der einsame Prinz auf der Erbse
„Woyzeck“ ist die Geschichte eines Mannes, der zwar am Ende als Mörder dasteht, letztlich jedoch das eigentliche Opfer ist, gehetzt und gedemütigt von der Gesellschaft und verraten von dem letzten Menschen, den er liebt. „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“, hört man Woyzeck sagen und die Geschichte nimmt plötzlich einen tragischeren Ton an. Man wartet auf das unvermeidliche Ende. Doch in „Woyzeck & The Tigerlilies“ wartet man nicht nur, auf dem Theatersessel rastlos hin und her wippend wie in der Schule, man bangt. Wieso ist uns die Tür zu diesem dramatischen Werk in unserer Schulzeit immer verschlossen geblieben? Und wieso öffnet sie sich bei der modernen Inszinierung von „Woyzeck & The Tigerlilies“? Gründe dafür gibt es viele. Nicht zuletzt ist das hervorragende schauspielerische Talent Raphael von Bargens ausschlaggebend dafür, dass diese Inszenierung unvergleichbar zu den vorherigen ist. Der Hintergrund, bestehend aus Lichterketten, Zuckerwatte- und Würstelbuden und anderen Jahrmarkt-typischen Ständen wirkt surreal und erzeugt eine nahezu melancholische Atmosphäre, in die sich Martyn Jaques Stimme legt, wie ein Schatten.
Wer nicht friert, der ist bereits kalt
Die Tiger Lillies ziehen sich wie ein blutroter Faden durch das ganze Stück. Mit seiner schrillen Aufmachung begleitet Martyn Jaques den Titel-Antihelden Woyzeck auf seiner Reise vom braven Soldaten zum wahnsinnigen Mörder mit schauderhaft bissigen und schwarzhumorigen Kommentaren in Form von selbstkomponierten Songs. Dieses britische Trio passt zu dem Stück, wie die Erbsen in die Dose, als hätte Büchner selbst es so konzipiert. Denn schwarzhumorig ist der Woyzeck zweifellos. So tragisch und abgründig die Geschichte auch ist, einige Lacher wurden dem Publikum schon entlockt, was nicht zuletzt auch an dem exzellenten Ensemble liegt. Hier kann wirklich ohne mit der Wimper zu zucken gesagt werden, dass keine einzige Schwachstelle zu finden ist. Allen voran steht Raphael von Bargen als Woyzeck, der unglaublich viel Energie, Intensität und Emotion in diese Rolle mit einbringt und Woyzecks Persönlichkeit von der ersten bis zur letzten Sekunde ausfüllt. An seiner Seite glänzt Ruth Brauer als Marie, frech, energisch und erbärmlich, oft ihr Schicksal melancholisch besingend. Ben Becker schafft es in der Rolle des Hauptmanns das gesamte Publikum mit seiner Bühnenpräsenz, seiner ausdrucksvollen Stimme und seinem faszinierenden Schauspiel in den Bann zu ziehen, während er zusammen mit Marie und dem Doktor Woyzeck in den Wahnsinn treibt. Den Erbsenverschreiber verkörpert Joachim Bissmeier und macht den von Büchner etwas seltsam und fanatisch gezeichneten Doktor zu einer mitgefühlerregenden Figur, die gegen Ende genauso abstürzt, wie alle anderen. Der Rest der Kompanie um Woyzeck macht es dem leading Ensemble gleich, füllt die Figuren mit Charme und Charakter und macht aus diesem im Grunde doch unerquicklichem Stück einen perfekten Abend, wie man ihn sich besser nicht wünschen kann.




































