Wehren bewährt sich
Öko-Pionierin Freda Meissner-Blau erinnert sich an die Besetzung der Hainburger Au
Der Erfolg im Kampf gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf, zu welchem die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung in einem Referendum 1978 „Nein“ gesagt hatte, hat uns Naturschützern und Atomgegnern Mut gemacht. Wir hatten gelernt, dass die sogenannten Mächtigen im Staat keineswegs allmächtig sind und wir, die Ohnmächtigen, viel erreichen können, wenn wir zusammenstehen und für gemeinsame Interessen einstehen.
Als die Regierung 1984 den Bau eines riesigen Kraftwerks östlich von Wien inmitten von Auwäldern ankündigte, war die „Ökobewegung“ alarmiert. Der Strom fließt dort breit und mächtig, mit Inseln, Seitenarmen und Schotterbänken, umgeben von dichten Auwäldern – 1,2 Millionen gesunder Aubäume sollten gerodet werden. Die Au beherbergt eine reiche Tier- und Pflanzenwelt, darunter viele vom Aussterben bedrohte oder nur dort vorkommende Arten. Es handelte sich um das letzte Fünftel des frei fließenden Stromes; 80 Prozent der Donau waren in einer Generation verbaut worden. Die Donau sollte nun aus ihrem Bett umgeleitet werden: 22 Kilometer lange, 8 Meter hohe Dämme sollten aufgeschüttet, 18 Meter hohe Bauten sollten errichtet werden. Und das in einem Naturschutzgebiet, in dem „jede Veränderung der Landschaft, die zu ihrem Nachteil gereicht“ verboten sei (so der Gesetzestext). Doch in zweiter Instanz erließ der zuständige Landesrat entgegen seinem eigenen Naturschutzgesetz den Bewilligungsbescheid – rechtswidrig, aber dennoch rechtskräftig, da es kein Einspruchsrecht der Gegner des Baus gab.
Der gewaltlose Widerstand begann. Mit Schlafsäcken und Zelten zogen die ersten fünfhundert Au-Schützer Anfang Dezember in die Au. Zuvor nahmen an einer spontanen Versammlung von uns in der Au 10.000 Menschen teil, welche die Besetzung beschlossen. Wir erwarteten den Angriff im Morgengrauen. Es kamen prompt Holzfäller, Bulldozer, Gendarmen. Tafeln waren aufgestellt worden, mit dem Verbot, die Au zu betreten; hohe Geldstrafen bei Zuwiderhandeln waren angekündigt worden. Die Au-Schützer setzten sich vor die Maschinen, umringten die Bäume, deckten sie mit ihren Leibern, so, wie wir es von den Chipkofrauen in Indien gelernt hatten. Die Rodungsmannschaften zogen sich schließlich unverrichteter Dinge zurück. Dafür kamen in den nächsten Tagen Studenten und Professoren der Unis, Künstler, Schriftsteller, Maler und Schauspieler. Und immer mehr Au-Schützer. Zelte und Erdhütten wurden in sechs Lagern über die Au verteilt. Manche Tage und Nächte waren wir 3.500 bis 4.000 Frauen, Männer, Kinder aller Gesellschaftsschichten. Professoren hielten Seminare, die Dörfler der Nachbarschaft brachten Stroh, Wasser, Lebensmittel. Aus dem ganzen Land kamen Decken, Kleider, Vorräte aller Art. Es war inzwischen bitterkalt geworden, das Wasser in den Kanistern begann zu frieren und wir wärmten uns notdürftig an Lagerfeuern.
Im Parlament verhandelte die Regierung mit einer Delegation der Au-Schützer vergeblich dreizehn Stunden lang. Unter dem Druck der Gewerkschaft und Industrie wurde die gewaltsame Räumung versucht – am 19. Dezember, der bald der schwarze Mittwoch getauft wurde. Denn im Morgengrauen kamen mit der Polizei Antiterroreinheiten mit Hunden, Schlagstöcken und Wasserwerfern. Die Au-Schützer setzen sich auf die Zufahrtsstraße, klammerten sich aneinander, gehüllt in die Staatsfahne. Sie sangen die Bundeshymne, wurden geschlagen, über Böschungen gestoßen. Fernsehteams wurden die Kameras entrissen, ihre Geräte zerstört. Seitens der Au-Verteidiger gab es keinen einzigen Gewaltakt.
Schließlich gelang es der geballten Staatsmacht, ein fußballfeldgroßes Stück Au zu räumen. Die ersten Bäume fielen zu Boden. „Aufhören, aufhören!“ skandierten die Leute. Verletzte wurden ins Spital gebracht. Mehrere wurden verhaftet. Doch nachmittags um fünf versammelten sich in Wien 40.000 Menschen spontan am Heldenplatz zu einer Solidaritätskundgebung und zogen durch die Innenstadt. Viele weinten, andere forderten den Rücktritt der Regierung.
Die Besetzung der Au ging weiter. Als sich die Nachricht von einem neuerlich geplanten Polizeiangriff verbreitete, wurde über eine Telefonkette um Hilfe gebeten. In der Nacht zum 22. 12. waren 5.000 in der Au. Restaurants in Wien hatten geschlossen mit Zetteln im Fenster „Sind in der Au“. Busladungen von Schauspielern und Sängern kamen nach Theaterschluss, auch Zuschauer, oft noch in Abendkleidung. Sie wurden in Decken gehüllt, an die Lagerfeuer gesetzt und mit heißem Tee gelabt. Es war eine unbeschreibliche Welle friedvoller Zusammengehörigkeit, zuerst noch in gemeinsamer Angst, dann in gemeinsamer Freude: Der Polizeieinsatz war abgesagt worden. Der Innenminister hatte sich geweigert, ihn zu befehlen, und der Bundeskanzler verkündete einen „Weihnachtsfrieden“ bis zum 3. Januar, um dann eine Entscheidung zu fällen. Der Regierung sollte diese erspart werden: Der Höchstgerichtshof hatte die Fortsetzung der Baumfällung untersagt und die Behörde wegen eines nicht gesetzeskonformen Wasserrechtsbescheids als eigentlich Schuldigen genannt. Nicht wir, die Au-Schützer, waren die oft so geschimpften Gesetzesbrecher. Wir hatten allerdings nach unserem Slogan gehandelt: „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“
Heute fließt die Donau wie seit Tausenden Jahren breit und mächtig, die Au mit allen ihren biologischen Schätzen wurde zum Nationalpark erklärt und ein wunderschönes und kostbares Stück Österreich blieb intakt. Ich möchte hier mit einer etwas bangen Frage enden: Wäre diese damals praktizierte Art des Einstehens für ein gemeinsames Anliegen heute noch möglich?
Passend dazu ...
Öko-Party Deluxe
Von Autofahrern und Glühbirnen
Gastkommentar von Hannes Müllner: Pro Atomkraft
„Der Druck muss von uns kommen“
Link dazu ...
Info-Website zur Hainburger Au
Gastkommentar von
Freda Meissner-Blau

































