Karlsplatz: Life of Pi

Spieglein, Spieglein an der Wand, wie viele Personen sind mit ihrem Job unzufrieden in diesem Land? Wer glaubt derartige Fragen könnten nur in Märchen von Spiegeln beantwortet werden, der irrt. In der Westpassage des Wiener Karlsplatzes haben 14 verspiegelte Wandflächen nämlich sehr wohl Antworten auf Fragen wie diese parat.

Karlsplatz, am Weg zur U-Bahn. Es ist kurz nach Mittag. Spiegel wohin das Auge reicht. Zwei Asiaten fotografieren einen davon, scheinen regelrecht begeistert. Nur wenige Meter weiter macht eine Lehrerin mit ihrer Schulklasse vor einem weiteren Spiegel halt. Sie erklärt ihren Schülern offenbar, was darauf zu sehen ist.  Tagtäglich werden zahlreiche Passanten von ihren eigenen Spiegelbildern regelrecht angezogen und fragen sich, was es mit den dort abgebildeten Zahlenreihen wohl auf sich hat.
Es handelt sich um das Medienkunstwerk Pi, des international anerkannten chinesischstämmigen Kanadiers Ken Lum. Seit 1. Dezember 2006 schmückt Pi nun bereits die Opernpassage zwischen den Abgängen zur U-Bahn und dem Ausgang beim Secessionsgebäude. Die 14 sogenannten Factoids (die Spiegel mit den roten Ziffern, Anm. d. Red.) konfrontieren ihre Betrachter sowohl mit trivialen

Spiegel Karlsplatz

(c) Christina Maria Stowasser

Themen aus dem Alltag, als auch mit ernsten globalen Entwicklungen. Wen interessiert, wie viele Schnitzel in Wien seit 1. Jänner konsumiert wurden, der ist hier genauso richtig, wie jeder, der die geschätzte weltweite Anzahl an Landminenopfern wissen möchte. Eine dort zu entnehmende Broschüre zum Kunstwerk verrät: “Durch die Verwendung von Spiegeln involviert Ken Lum das vorüberkommende Publikum direkt in den Informationsfluss, womit er die Spannung zwischen dem Erleben der Einzelnen und den allgemeinen Abläufen unter den Bedingungen der Globalisierung betont und zu einer kritischen Sicht anregt.”

SORA sorgt für präzise Schätzungen
Die Zahlen der Factoids ändern sich regelmäßig, je nach Thema teilweise sogar sekündlich. Die Schätzungen beruhen auf genauen Berechnungen des SORA-Institute (Social Research and Consulting-Institute, Anm.). Laut Projektleiter Daniel Schönherr sei SORA zu Beginn des Kunstprojekts im Rahmen einer Konzeptstudie unter anderem für die Datenrecherche verantwortlich gewesen. Seither würden einmal jährlich zum Jahreswechsel alle Daten und Algorithmen aktualisiert werden. “Grundlage der Factoids sind dabei stets offizielle Datenquellen oder Auskünfte von Einrichtungen”, so Schönherr weiter.

Spiegel Karlsplatz

(c) Christina Maria Stowasser

Nicht jeder Kriegstote zählt
Doch einige Factoids sind lange nicht so aktuell wie sie den Anschein erwecken. Ein kürzlich gefallener Kriegstoter beispielsweise wird nicht direkt in die Factoids eingerechnet. Aktuelle Auseinandersetzungen könnten laut Schönherr auf Basis der vorliegenden Daten nicht berücksichtigt werden, da es keine Datenbank gebe, die derart aktuell die Zahl der Kriegstoten erhebe und bereitstelle. Daher könne die laufende Aktualisierung des Factoids nur einen Anstieg im Mittel angeben. “Der letztjährige Syrienkonflikt zum Beispiel hat die Zahl der Kriegstoten für

(c) Christina Maria Stowasser

(c) Christina Maria Stowasser

dieses Jahr deutlich steigen lassen, ich gehe davon aus, dass auch die Konflikte in Israel und der Ukraine die Zahlen für nächstes Jahr leider weiter steigen lassen”, macht Projektleiter Schönherr klar. Ganz ähnlich verhält es sich bei den derzeit Verliebten in Wien. Ausgehend vom Liebesstil Eros (einer von sechs Liebesstilen des kanadischen Soziologen John Alan Lee Anm.), sowie der Bevölkerungsstatistik für Wien, errechne SORA die Anzahl der Verliebten und baue laut Schönherr für die Darstellung eine Schwankungsbreite von +/- 2,5 Prozent ein, “um die Flüchtigkeit des Verliebtseins zu erfassen.” Schwankungen nach Jahreszeit seien hingegen nicht berücksichtigt, da es keine eindeutigen Beweise für den Einfluss der Jahreszeiten auf das Verliebtheitsgefühl gebe.

Factoids

(c) Christina Maria Stowasser

Der Wochentag macht den Unterschied
Während beim Liebes-Factoid keine Jahreszeiten berücksichtigt sind, bezieht das Job-Factoid sogar Einflüsse der Wochentage mit ein. Die Berechnungen für das Factoid Mit ihrem Job Unzufriedene in Österreich würden laut SORA auf den Ergebnissen des Arbeitsklima Index sowie auf Erhebungen der Statistik Austria beruhen. Rund 15-20 Prozent der Arbeitnehmer hätten bei dieser Befragung Unzufriedenheit oder zumindest teilweise Unzufriedenheit geäußert. Für die Darstellung im Factoid seien laut SORA Schwankungen in der Tageszeit ebenso berücksichtigt worden wie Wochenendtage. Die Visualisierung der mit ihrem Job Unzufriedenen berücksichtige also sowohl jahreszeitliche als auch tägliche Schwankungen.

Pi = 3,14159 26535 89793 23846 26433 83279 50288…
Den Namen Pi wählte Ken Lum für sein

(c) Christina Maria Stowasser

(c) Christina Maria Stowasser

eigenwilliges Kunstwerk deshalb, weil die Zahl Pi (= das Verhältnis von Durchmesser zu Umfang eines Kreises) zur Errechnung von Kreis- und Kugeldaten dient. Pi steht daher für Ken Lum als universelles Symbol für die Welt und deren Prozesse der Veränderung. Das besondere an der Zahl Pi ist, dass es sich um eine irrationale Zahl handelt, sie also unendlich lang ist und eine komplette visuelle Darstellung daher nicht möglich ist. Als titelgebendes Element verbildlichte Ken Lum die

Spiegel Karlsplatz

(c) Dominik Knapp

Zahl Pi aber dennoch auf einer mehrteiligen Spiegelwand mit 478 fixen Kommastellen und den von einem Computerprogramm errechneten letzten zehn Kommastellen.

Wie die Zeit vergeht. Es ist kurz vor Mitternacht. Die ersten Obdachlosen machen sich mit Kartons schon ihre Schlafplätze bereit. Auch das ist Teil dieser Passage. Nun aber wirklich schnell zur U-Bahn, denn bald fährt keine mehr.

Titelbild: (c) Christina Maria Stowasser

 

Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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