Adalat Khan: „Hilfe, Schutz und ein normales Leben“

Foto. (c) Astrid Aringer

Adalat Khan ist einer der Sprecher der Votivkirchenflüchtlinge – ein Interview über die Hintergründe und Ziele des Protests ein Jahr nach der Besetzung der Votivkirche

Vor mehr als einem Jahr marschierten etwa 500 Asylwerber von Traiskirchen zur Votivkirche, um gegen die Missstände im österreichischen Asylsystem zu protestieren. Die Reaktion der Öffentlichkeit war gespalten. Mehr als ein Jahr danach geht der Protest der Flüchtlinge weiter. Im Rahmen von Diskussionsveranstaltungen, Kunstprojekten und Demonstrationen versuchen die Flüchtlinge weiterhin auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Adalat Khan berichtet im mokant.at-Interview davon, wie alles begann, den Unterstützern der Protestbewegung und von seinem gespaltenen Verhältnis zur Caritas.

Foto: (c) Astrid Aringer

Foto: (c) Astrid Aringer

mokant.at: Warum habt ihr im vergangenen Jahr den Protest gegen das Asylsystem in Österreich gestartet?
Adalat Khan:
Der Auslöser für den Protest waren die Probleme im österreichischen Asylsystem. Niemand kann die reale Situation kennen, außer den Flüchtlingen im Asylsystem selbst. Es gibt viele Probleme mit den Lebensbedingungen in den Flüchtlingsheimen und -Pensionen. Aber auch mit den Leitern der Flüchtlingsheime, weil sie oft sehr unqualifiziert sind. Sie wissen häufig nicht über die Lage der Flüchtlinge Bescheid und sprechen kaum Englisch. Die Flüchtlinge wollen eigentlich nur ein normales Leben beginnen und in der Gesellschaft leben. In Österreich gibt es aber so viele Flüchtlinge aus verschiedenen Nationen, welche jahrelang in Österreich leben ohne eine Antwort auf irgendeine Frage erhalten zu haben  (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist der Asylstatus). Die verantwortlichen Behörden denken, wir können den Asylwerbern eine Unterkunft bereitstellen und das sind dann die Menschenrechte. Wir wollen mit unserem Protest nicht das ganze System in Österreich verurteilen, aber es gibt Dinge, die geändert werden müssen: Von den Lebensbedingungen, bis zu den langen, ungewissen Aufenthaltsdauern, ohne gültigen Asylbescheid.

mokant.at: Wie sehen die Lebensbedingungen der Asylwerber konkret aus?
Adalat Khan:
Die Asylheime und Pensionen sind oft sehr heruntergekommen und dreckig. Es gibt ein sehr schlechtes Dolmetschsystem. Meine Ethnie ist beispielsweise Paschtune, aber meine Nationalität ist Pakistani. Wenn ich als Pakistani Asyl beantrage, dann schicken sie einen Dolmetscher, der Inder ist! Aber Inder und Pakistanis haben kein gutes Verhältnis. Wie kann ich darauf vertrauen, dass der Dolmetscher in Ordnung ist und er den Behörden mitteilen wird, was ich sage? Sie schicken uns einen schlechten Dolmetscher und innerhalb von zwei Wochen kann man deswegen einen negativen Asylbescheid erhalten. Und leider gibt es in ganz Europa das Dublinsystem.

mokant.at: Also, dass man nur in dem Land Asyl beantragen darf, wo man erstmals eingereist ist?
Adalat Khan:
Ja, so ist es. Unsere Forderung: Wenn es nicht möglich ist, uns einen legalen Aufenthaltsstatus zu geben, dann sollen sie unsere Fingerabdrücke löschen. Damit wir gehen und es in einem anderen Land versuchen können.

mokant.at: Um noch einmal auf den Beginn des Protests zurückzukommen: Wer hat vorgeschlagen, zu demonstrieren?
Adalat Khan: In Australien, USA, Großbritannien, Belgien und Deutschland gab es bereits zuvor Proteste von Flüchtlingen. Menschenrechtsorganisationen und NGOs arbeiten in vielen europäischen Ländern und speziell auch in den USA mit Flüchtlingen. Uns haben Organisationen und politische Vereine geholfen.

mokant.at: Also waren es internationale Gruppen, die euch unterstützt haben?
Adalat Khan:
Es waren Leute aus der Gesellschaft, von verschiedenen Vereinen und politischen Organisationen. Wir bekommen beispielsweise offene Unterstützung von den Grünen, aber auch von der Sozialistischen Linkspartei. Sie geben uns politische Unterstützung und es ist nicht so, dass sie uns nur ausnützen wollen!

mokant.at: Was meinen Sie damit, dass sie Sie nicht ausnützen wollen?
Adalat Khan:
Politisch aktive Menschen wollen uns Flüchtlinge nicht für ihre eigenen Ziele ausnützen. Wir sind ja keine Kinder, oder Babys, die man einfach ausnutzen kann. Sie können unsere Situation vielleicht gegen die verantwortlichen politischen Behörden verwenden und ihnen die Frage stellen, warum diese nicht über die Probleme der Asylwerber nachdenken. Wir brauchen auch die Unterstützung und Macht der politischen, demokratischen und zivilen Gesellschaft. Politisch organisierte Vereine und Menschen aus der Gesellschaft schenken uns ihre Zeit. Sie geben uns Plätze, wo wir Kampagnen und Demonstrationen vorbereiten können und veranstalten Diskussionen, an denen wir teilnehmen können. Das ist doch wohl kein Indiz dafür, dass sie uns für ihre Ziele ausnützen wollen. Eher können wir sie nützen, um Lösungen für ein normales Lebens zu finden.

mokant.at: Wie viele Asylwerber sind Teil des Refugeeprotests?
Adalat Khan: Am Anfang waren in etwa 500 Personen bei der Demonstration. Dann waren für circa einen Monat in etwa 250 Menschen im Votivpark. In dieser Zeit haben die Behörden dann schnell damit begonnen, zu kontrollieren und die Flüchtlinge unter Druck zu setzen. Plötzlich haben sie sehr viele negative Asylbescheide an uns ausgeschickt. Es sind dann in etwa 75 bis 80 Personen in die Votivkirche gegangen, weil die verantwortlichen Behörden beschlossen haben, den Votivpark zu schließen. Dort haben dann die Caritas und andere Organisationen damit begonnen, eine große Liste zu erstellen und die Leute in der Kirche zu registrieren. Es war für neue Flüchtlinge dann nicht mehr möglich, in die Kirche zu gelangen um am Protest teilzunehmen.

mokant.at: Zu Beginn des Protests waren die meisten Aktivisten der Bewegung aus verschiedenen Nationen. Jetzt stammen die meisten aus Pakistan?
Adalat Khan: In der Anfangszeit gab es eine multinationale Mehrheit. Später waren die meisten aus der Paschtunen-Gesellschaft, was auch meine Ethnie ist. Wir haben jetzt auch wieder einzelne Personen aus Afrika, aus arabischen Ländern und aus der afghanischen Community. Es gibt aber einen Grund, warum die meisten Aktivisten aus der Paschtunen-Gesellschaft aus Pakistan sind. Die Mehrheit der pakistanischen Flüchtlinge kommt aus der blutigen Region nahe der afghanischen Grenze. Ich habe mir angesehen wie die Anerkennungsrate für Asylwerber mit pakistanischer Nationalität in der Vergangenheit in Österreich war. Die Chance als Pakistani Asyl zu bekommen liegt bei etwa einem Prozent. Das ist wie ein Lotteriespiel! Die Behörden beziehen die reale Situation und die Konflikte in unserer Heimatregion nicht in ihre Entscheidung über den Aufenthaltstitel mit ein. Ich habe im Swat Tal gelebt. Das Swat Tal ist bekannt für seinen blutigen Krieg in den Jahren 2007 bis 2010. Von dort ist auch dieses Mädchen, Sie werden den Namen kennen: Malala Yousafzai (Anmerkung der Redaktion: Eine Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan, welche Weltberühmtheit erlangte).

mokant.at:  Malala Yousafzai ist eine Paschtune?
Adalat Khan: Sie ist eine Paschtune. Ich und meine Familie lebten in derselben Stadt wie sie! Ich zeige Ihnen dieses Bild (Anmerkung der Redaktion: zeigt ein Poster von Malala). Ihr Vater ist mein Freund, wir lebten in einer Stadt.

mokant.at: Ihr Vater ist Ihr Freund?
Adalat Khan:
Ja. Er war in derselben Partei wie ich, in der Awame National Partei (ANP). Das ist auch ein großes Thema: Malala wird in Europa und der ganzen Welt als Flüchtling anerkannt. Das könnte den Menschen zeigen, dass wir Paschtune Menschenrechte und Schutz benötigen, aber wir werden nicht anerkannt! Malala hat bis zu dem Anschlag auf sie durch die Taliban niemanden aus ihrer Familie verloren. Aber ich habe viele Familienmitglieder, Freunde, Parteikollegen und auch mein Geschäft verloren. Und der Krieg in unserer Heimat ist nicht unser eigener Krieg, er kam von außen. Die USA sind in die Region gekommen um gegen die radikalen, religiösen Gruppen zu kämpfen. Es ist gefährlich, die Drohnen (Anmerkung der Redaktion: Luftangriffe) können 24 Stunden am Tag kommen. Es gibt auch Selbstmordattentate und niemand kann wissen, wann und wo ein Anschlag passieren wird. Es war nicht unsere freie Wahl nach Österreich zu flüchten. Okay, wir lieben Österreich, es ist ein schönes Land mit wunderbaren Menschen. Die Menschen sind hilfsbereit und sehr freundlich, aber das System gibt uns keinen legalen Asylstatus.

mokant.at: Voriges Jahr gab es auch ein Treffen mit der damaligen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Haben Sie auch mit ihr gesprochen?
Adalat Khan: Ja.

mokant.at: Was hat sie zu Ihnen gesagt?
Adalat Khan: Sie sagte zu uns: „Ihr könnt das System akzeptieren und in den Lagern oder Pensionen leben. Wir sind sehr stolz auf unser System. Wir haben ein sehr gutes System, welches besser als in Ungarn, Griechenland, Portugal oder Spanien ist und wir wollen nichts ändern.“ Ich denke es ist das erste Mal in der österreichischen Geschichte, dass Flüchtlinge mit den Politikern sprechen konnten. Aber sie wollen eben nichts verändern!

mokant.at: In anderen Medien konnte man lesen, dass es von eurer Seite Kritik an der Caritas gab. Wieso?
Adalat Khan:
Also meine Position ist, dass ich die Organisation Caritas nicht verurteilen möchte, weil sie Menschen helfen. Sie helfen Obdachlosen, kranken Menschen und in Kriegsgebieten. Es gibt aber Personen in der Caritas, welche keine Lösung für die Probleme der Flüchtlinge wollen. Ich bin auf einzelne Personen in der Caritas wütend, weil sie keine Lösung wollen. 

mokant.at: Was meinen Sie damit, dass sie keine Lösung wollen?
Adalat Khan: Sie haben zwei Gesichter. Manchmal handeln sie für die Behörden und Autoritäten und manchmal für die Flüchtlinge und hilflosen Menschen. Die Caritas ist nicht klar und eindeutig in ihren Handlungen.

mokant.at: Es gibt hier in Österreich auch Menschen, welche euren Protest als Provokation ansehen. Was würden Sie zu diesen Leuten sagen?
Adalat Khan: Wie ich schon einmal gesagt habe, wir sind auch normale Menschen. Ich würde diese Menschen bitten, sich daran zu erinnern, als es die selben Probleme in Österreich während des ersten und zweiten Weltkrieges gab. Und nur als Beispiel, wenn zehn oder 15000 Flüchtlinge aus Deutschland in verschiedenen Ländern keine Zuflucht bekommen hätten, dann hätten sie vielleicht in Afghanistan Asyl bekommen können. Das ist ein Naturgesetz, das Gesetz von Gott. Wir wollen die Gesellschaft nicht stören, wir wollen die Politiker nicht stören, aber das Flüchtlingsleben war nicht unsere freie Wahl. Wir haben uns nicht dazu entschieden, im „Paradies Europa“ zu leben, aber leider ist es nicht mehr möglich, ein normales Leben in der Region zu führen.

mokant.at: Sie meinen in Ihrer Heimatregion?
Adalat Khan: Ich meine mein Zuhause. Könnten Sie ihre Familie und Freunde ohne Grund innerhalb von zehn Tagen verlassen? Kann man sein Land ohne Grund verlassen? Unsere Unternehmen und unsere Gesellschaft in Pakistan sind zerstört. Wir sind 15.000 Kilometer weit gereist und wir haben beinahe 20.000 Euro für die Flucht bezahlt! Wenn manche Leute uns bezichtigen wollen, dass wir Wirtschaftsflüchtlinge sind, sollen sie sich meine damalige Geschäftsposition in Pakistan ansehen!

mokant.at: Also Sie werden beschuldigt, ein Wirtschaftsflüchtling zu sein?
Adalat Khan: Man beschuldigt Leute aus den Entwicklungsländern immer wieder, dass sie aus ökonomischen Gründen ihre Heimat verlassen haben. Im Jahr 2011 wurde einer meiner Cousins von den religiösen Gruppen in Pakistan gekidnappt und meine Familie musste mehr als 300.000 Euro für seine Freilassung bezahlen! Wir sind keine Wirtschaftsflüchtlinge. Ich war in Pakistan politisch aktiv und ich konnte das blutige System in meiner Heimatregion nicht akzeptieren. Deswegen bin ich im Widerstand gewesen, aber dann hat man begonnen, diese Menschen zu töten. Selbstmordattentate, gezielte Tötungen und Unterdrückung durch das pakistanische Sicherheitssystem, sowie durch die religiösen Gruppen sind an der Tagesordnung.

mokant.at: Im Sommer 2013 wurden auch einige Leute aus der Refugeebewegung nach Pakistan abgeschoben. Steht ihr mit ihnen in Kontakt und wisst ihr, wie es ihnen geht?
Adalat Khan: Ja, acht Personen wurden abgeschoben. Eine Person wurde nach Ungarn gebracht und die anderen nach Pakistan. Fünf Personen wurden von den pakistanischen Behörden für drei, vier Monate in Gefängnisse gebracht und jetzt wurden sie möglicherweise freigelassen, aber wir haben keinen Kontakt mit ihnen. In Kontakt stehen wir mit zwei Leuten aus dem Swat Tal. Eine Person versucht wieder 15.000 oder 20.000 Euro zu bezahlen, um in ein anderes Land zu gelangen. Der andere Mann, sein Name ist Ali Nawab, lebt jetzt versteckt im Untergrund bei Familienmitgliedern oder bei Freunden, weil es für ihn unmöglich ist, ein normales Leben zu führen. Seine Familie gehört zu den meist verfolgten Personen durch die religiösen Gruppen. Sie haben viele seiner Familienmitglieder getötet und auch er ist in Lebensgefahr.

mokant.at: Hat der Protest seit dem letzten Jahr dennoch ihr Leben verändert?
Adalat Khan: Ja, es hat sich ein bisschen verändert. Vor allem in der Hinsicht, dass wir in sehr engen Kontakt mit der Gesellschaft gekommen sind. Sie können auf dem Poster lesen (Anmerkung der Redaktion: im Hintergrund), dass wir Menschenrechte und nicht soziale Kontrolle fordern. Unter sozialer Kontrolle verstehen wir, dass, wenn wir in den Flüchtlingslagern der verschiedenen Organisationen leben, von ihnen sozial kontrolliert werden. Sie wollen nicht, dass Asylwerber in zu engen Kontakt mit der Gesellschaft kommen. Wir sind durch den Protest jedoch in sehr engen Kontakt mit der Gesellschaft gekommen. Allerdings ist meine Teilnahme an dem Protest für eine positive Entscheidung meines Asylantrages ein Hindernis. Manche Politiker und wichtige Behörden wollen uns alleine deswegen keinen legalen Status mehr gewähren. Das ist der negative Effekt. Die positive Auswirkung ist aber, dass wir sehr viele Freunde gewonnen und Unterstützung aus der Gesellschaft bekommen haben. Es ist das erste Mal  in meinem zehn Jahre andauernden Flüchtlingsleben, dass ich mich wie ein Familienmitglied fühle.

mokant.at: Das drückt sich auch dadurch aus, dass sie jetzt hier bei dieser Familie wohnen?
Adalat Khan: Ja, seit ein paar Wochen wohne ich hier. Und das sind dann auch die guten Momente, die wir Flüchtlinge hier haben. Ich lebe ja hier jetzt wie ein Familienmitglied in diesem Haus. Diese Familie ist für mich jetzt wie meine Eltern, sie geben mir Unterkunft, sie versorgen mich mit grundlegenden Dingen und füllen manchmal sogar meinen Kühlschrank auf! Sie zeigen damit, dass wir auch normale Menschen sind. Wir sind weder Tiere noch ein anderer Menschenschlag.

mokant.at: Wenn Sie noch einmal mit den verantwortlichen Behörden im Innenministerium sprechen könnten, was würden sie zu ihnen sagen?
Adalat Khan:  Wir brauchen Hilfe, wir benötigen Schutz und ein normales Leben. Bitte gebt uns einen gültigen Aufenthaltstitel, damit wir ein normales Leben beginnen können.

Passend dazu: Reportage über Adalat Khan und die Votivkirchenflüchtlinge

Titelbild: (c) Astrid Aringer

Astrid Aringer war als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: astrid.aringer[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.