guilty pleasure: Warum frau Liebesfilm schaut

Eine unfeministische Analyse wieso nicht selten der Liebesfilm – die Welt in Rosarot – regiert.

Julia Roberts findet sie am Strich, Meg Ryan hat sie in ihrem Posteingang und Sandra Bullock schreibt ihr über ein Postfach im Raum-Zeit-Kontinuum. Die Rede ist von der ganz ganz ganz ganz (…) großen Liebe. Begegnen tut sie uns in der Filmlandschaft in vielen unterschiedlichen Facetten, wobei die monetär erfolgreichste wohl die romantische Komödie, kurz „Romcom“, ist. Die Ära der Tragik- oder Historienromanze mag zwar größtenteils vorüber sein, jedoch gibt es einige Klassiker, die wir bei der passenden Gelegenheit immer wieder gerne abstauben. Die Gründe dazu werden in einer höchst unfeministischen Analyse der Frau-Liebesfilm-Dynamik erläutert. Dazu gibt es Punkte auf der Wahrheitsskala von eins (Lügenmärchen) bis zehn (die Wahrheit und nichts als die Wahrheit).

Grund 1: Druckausgleich (8 Punkte)
Es ist leichter verträglich, die Ventile bei Liebeskummer thematisierender Fiktion aufzudrehen als bei Weltschmerz, ausgelöst durch die reale Nachrichtenberichterstattung. Und manchmal muss da einfach einiges an Sorgen rausgeschwemmt werden – eine Variante der Entschlackung quasi. Und wie nach der Spargelkapselkur der Verdauungstrakt, fühlt sich nach ausgiebigem Liebesfilm-Geheule der Kopf frei und entgiftet an. Das tut gut. „Sometimes I look forward to a good cry,“ wusste schon eine im Krokodilkostüm eislaufende Natalie Portman in „Garden State“. Recht hat sie und meint dabei keine Reptilientränen.

Grund 2: BFF-Verpflichtung (3 Punkte)
Die beste Freundin will unbedingt in den Film oder unbedingt über einem Pint Ben&Jerry’s (um das Ami-Klischee vollständig zu erfüllen, praktischerweise ja jetzt auch bei uns überall erhältlich) die neu erworbene DVD einweihen. Außerdem geht es ihr gerade nicht so gut und frau muss doch schließlich für die BFF (= Best Friend Forever) da sein. Na dann schleppt man sich halt mit ins Kino, beziehungsweise schnappt sich einen Löffel (einen großen, weil die kleinen sind leider alle schmutzig) und so weiter und so fort. Wer sich immer noch das Beistandleisten als einzigen Grund für diese Manöver einredet, betrügt sich selbst. Eure Freundschaft kann noch so stark sein – niemand setzt sich aus reiner Gutherzigkeit ins Twilight-Quadruple-Feature.

Grund 3: Angebot (2 Punkte)
Auch im Kinoprogrammangebot gibt es Dürreperioden. Wenn der spontane Durst aufs Kinogehen aber dennoch so groß ist, muss frau eben gegebenenfalls zu anderen Bewässerungsmöglichkeiten greifen und einen Film ansehen, auf den frau sich in gemäßigterem Klima wahrscheinlich überhaupt nie einlassen würde. Na klar. Und der Gusto ist so spontan, dass drei Tage vor Kinostart der neuesten Nicholas-Sparks-Verfilmung ganze Säle ausreserviert sind. Da hebt wohl jemand nicht ab, wenn die Realität anruft (und wählt stattdessen die Kartenreservierungshotline).

Grund 4: Abschalten (4 Punkte)
Wer sich fünf oder weniger Tage die Woche vierzig Stunden durchs 9-to-5-Leben wirtschaftet oder regelmäßig um einen Sitzplatz im Audimax kämpfen muss, der hat sich eine Denkauszeit verdient. Jawohl, der stressige Alltag verlangt nach neurologischem Ausgleich, bei dem sich das geplagte Gehirn mal kurz in der Sonnenliege zurücklehnen und der schnellen Gratifikation frönen darf. Da das Ganze ein Indoor-Unterfangen ist und oft sogar in abgedunkelten Räumen stattfindet, wird zusätzlich sogar die stetig steigende UV-Gefahr ausgeschaltet. Somit tut man auch noch was für die Gesundheit und balanciert damit den eventuell negativen Effekt des filmbegleitenden Junkfoods aus. Wem eben beschriebene Rechtfertigungsmechanismen bekannt vorkommen, sollte eventuell ein-zwei Dinge auf Plausibilität googlen.

Grund 5: Nachhilfe (1,5 Punkte)
Frau motiviert sich gerne regelmäßig und autodidaktisch zu neuer Hoffnung in die bessere Hälfte. Gedankengang: Wenn Zac/Channing/Ryan/Ashton die Romantik erlernen können, kann das der Schnarcher nebenan doch wohl auch. Er braucht nur ein bisschen Inspiration, dann lässt er sich garantiert zu öffentlichen Liebesbekundungen und Frühstück ans Bett bringen hinreißen. Dass diese Idee vollkommen im Bereich des Möglichen liegt, zeigt die Beobachtung, dass die männlichen Begleiter oft mit Notizbuch in die Kinosäle pilgern, nicht wahr? Die Dame, die sämtlichen visuellen Wahrheiten zum Trotz einen Moleskine im iPad erkennt und glaubt, der Liebste hegt keinerlei Tröstungsagenda, der würde wohl selbst ein wenig Unterweisung gut tun. Und was gerne vergessen wird: öffentliche Liebesbekundungen sind in der Realität selten prickelnd.

Grund 6: Flucht = Hoffnung (9 Punkte)
Zu guter Letzt, der wohl wahrste Grund, warum frau Liebesfilm schaut: In Hollywood ist die Welt halt noch in Ordnung. Da kann die Protagonistin noch so kläglich beginnen, der Traumprinz kreuzt spätestens in Minute 16 auf und macht langsam alles interessanter, und am Ende sogar zauberhaft. Wer der Realität (temporär oder längerfristig) wenig Freuden in Sachen (Liebes-) Leben abgewinnen kann, der beziehungsweise die reist gerne mal für zwei Stunden in ein fiktionales Universum. Das Resultat ist benutzerdefiniert: Der Besuch im Filmland heizt entweder den Zynismus um ein paar Teelichter-Stärken an oder er schafft es, die Liebestouristin hoffnungsvoll zu stimmen. Denn wenn Ann/Katherine/Amanda/Jennifer Mr. Right finden, dann kann es doch auch uns passieren. Und wenn wir schon dabei sind, dann kann es auch gleich Zac/Channing/Ryan/Ashton sein!

Konklusio
Die Moral des Ganzen lautet: Frauen, steht zu eurer Filmwahl! Sagt jedem, der fragt, dass ihr heute Abend dem neuesten Hollywood-Schönling beim Verlieben zusehen werdet und dass ihr euch darauf freut, als würde es M&Ms (Schoko!) regnen! Ruft die Freundin an und schlagt die neue Romcom vor – sie wird der Begeisterung erleichtert zustimmen. Und am allerwichtigsten: Drückt an der Kinokasse nicht rum, und tut so, als wüsstet ihr den (zugegeben: oft peinlich eingedeutschten) Titel des Filmes nicht, wenn ihr Karten für Hinten-Mitte abholt. Erstens glaubt euch das keiner, am wenigsten die Kinomitarbeiter, und zweitens ist Mitte-Mitte sowieso viel besser.

 

Titelbild: flickr.com/CourtneyCarmody

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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