„Die FIFA geht dorthin, wo das Geld ist“
Fußball-Blogger Martin Blumenau im Interview über Geld und Gerechtigkeit beim Fußball
Martin Blumenau, der Autor des Fußball-Journals auf FM4, hat etwas übrig für Gerechtigkeit. Was Fußball damit zu tun hat, erklärt er im Interview, das mokant.at noch vor der aktuellen EM mit ihm führte. Bei Cappucino und Topfentorte erzählt Blumenau, warum das Phänomen Fußball weltweit fasziniert und weshalb Hooligans nur am Rande etwas mit dem Fußballspiel zu tun haben. Blumenau wundert nicht, dass Fußballverbände kontroverse Austragungsorte für Meisterschaftsspiele wählen: „Die FIFA geht dorthin, wo das Geld ist.“ Grund für die schwache Performance der österreichischen Nationalelf sei vor allem der Rückstand bei der Nachwuchsförderung. Trotzdem ist der Fußball-Nerd vorsichtig optimistisch.
mokant.at: Biedere Familienväter, die im Stadion ausrasten, leere Straßen während Welt- und Europameisterschaften, Hooligans. Fußball scheint wie kein anderer Sport durch alle sozialen Schichten hindurch zu emotionalisieren. Wieso?
Martin Blumenau: Dafür gibt es einen Menge Gründe. Fußball ist ein sehr einfaches Spiel, das nach sehr klaren Regeln funktioniert. Fußball wird beinahe flächendeckend weltweit gespielt und ist fast überall eine extrem wichtige Sportart. Das macht Fußball zu einem globalen Kommunikator. Die FIFA (Fußballweltverband; Anmerkung der Redaktion) hat mehr Mitglieder als die UNO, die UEFA (Europäischer Fußballverband) hat mehr Mitglieder als die EBU (European Broadcasting Union), die den Songcontest ausrichtet.
Zusätzlich funktioniert Fußball als Mannschaftssport über ein soziales Gefüge, das eine ideale gesellschaftliche Realität abbildet. Eine mögliche gesellschaftliche Realität, die innerhalb von Regeln, an die sich alle halten, funktioniert. Was mehr ist als das wirkliche Leben, im wirklichen Leben geht es nicht so gerecht zu wie im Fußball. Darüber hinaus muss sich die Faszination auch noch über eine emotionale Ebene erschließen. Sonst würden Kinder nicht sowohl in Gambia, als auch in Europa, mit David Beckham T-Shirts herumrennen. Das Spiel mit dem runden Ding spricht offensichtlich Menschen an, warum genau, da müsste man einen Anthropologen fragen.
mokant.at: Schiedsrichterfehlentscheidungen, Niederlagen von klar besser spielenden Mannschaften, wie beim jüngsten Champions-League-Finale. Spielt Ungerechtigkeit im Fußball nicht eine größere Rolle, als in anderen Sportarten?
Martin Blumenau: Nein, Gerechtigkeit spielt eine zentrale Rolle, nicht Ungerechtigkeit. Und eben die Fähigkeit, sich dann an Entscheidungen zu halten, auch wenn sie in dem Moment ungerecht oder falsch sind. Auch das ist das Akzeptieren von Regelwerken, inklusive der Unterstellung, dass niemand hier versucht ungerecht zu sein.
mokant.at: Dennoch erscheint die Niederlage der Bayern im Champions-League-Finale gegen Chelsea als ungerecht.
Martin Blumenau: Aber das ist doch fantastisch.
mokant.at: Aber eben auch ungerecht.
Martin Blumenau: Natürlich. Es ist ein gutes Beispiel: Einer der unsympathischsten Vereine der Welt, Bayern München, bekommt durch so ein Ereignis Sympathien. Weil sich alle einig sind: Hier hat die klar bessere Mannschaft durch eigenes Unvermögen, durch Unglück und ich weiß nicht was, verloren. Das stört das Gerechtigkeitsempfinden, das man durch den Fußball hat, deshalb überträgt sich dann Sympathie. Entsprechendes würde im wirklichen Leben nur zu einem gewissen Grad funktionieren. Weil eben Fußball ein System ist, das auf Gerechtigkeit aufbaut, kann das emotional so hoch gehen.
mokant.at: Ist das auch ein Grund für das Phänomen der Hooligans, das ja nur aus dem Fußball bekannt ist?
Martin Blumenau: Das hat damit gar nichts zu tun. Der Hooliganismus ist eigentlich ein Randphänomen, das mit den Millionen Fernsehzuschauern gar nichts zu tun hat. Da geht es darum, dass sich eine kleine, in sich abgeschlossene, aufregungs- und erlebnisorientierte Gruppe mit anderen verabredet, um sich eine aufs Maul zu hauen.
Dass das im Bereich des Fußballs stattfindet, liegt vielleicht daran, dass hier noch gewisse Freiräume vorhanden sind. Fußball ist darüber hinaus ein global organisierter Sport, wo man überall jemand findet, mit dem man sich klopfen kann. Meine These, sowohl zu Hooliganismus, als auch zu Aufregungen à la „Oh mein Gott - der Schiedsrichter, was für eine Fehlentscheidung“ ist folgende: Diese Dinge haben innerhalb des Systems eine gewisse Logik. Sie werden aber medial dann so hochgespielt, um von für den Fußball wichtigeren, aber vielleicht unangenehmen Dingen abzulenken.
mokant.at: Was meinst du da genau?
Martin Blumenau: Warum hängt der deutsche Innenminister das Thema Hooligans nach einem, an internationalen Verhältnissen gemessen, harmlosen Platzsturm vor einem Monat beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC so hoch und spricht von Hooligans? Wo in der 97. Minute die Fans glauben, der Schiedsrichter pfeift ab und auf den Platz rennen, dabei wäre es noch zwei Minuten gegangen. Da geht es vielmehr um die Frage, wer den Polizeieinsatz zahlt. Das ist ein Mächtespiel zwischen Vereinen, Verband, Politik, Kommunen und so weiter. Das Hooligan-Phänomen wird hier gerne verwendet, um davon abzulenken.
mokant.at: Kommen wir noch einmal auf das Thema Gerechtigkeit zurück. Wären zusätzliche Hilfsmittel für die Schiedsrichter, wie etwa Torkameras oder Videoaufzeichnungen, wünschenswert?
Martin Blumenau: Das halte ich alles für Schwachsinn. Selbst in Sportarten, wie zum Beispiel dem American Football, wo sich Schiedsrichter in Wiederholungen alles nochmal anschauen, Mannschaften Entscheidungen sogar beeinspruchen können und alles exakt geregelt ist, gibt es immer mindestens zwei strittige Entscheidungen, wo dann alle empört sind. Du kannst Hilfsmittel aufbauen, so viele du willst, es wird immer strittige Entscheidungen geben, wie auch das Hawk-Eye (computergestütztes System zur Ballverfolgung im Sport; Anmerkung der Redaktion) im Tennis zeigt. Ein gewisses Quantum an Fehlern ist selbst da drinnen.
mokant.at: FIFA-Chef Sepp Blatter schlug kürzlich auch vor, das Elfmeterschießen abschaffen zu wollen. Was hälst du davon?
Martin Blumenau: Blatter ist ein Populist. Er erzählt das, von dem er weiß, dass es so viele Menschen wie gerade möglich nachplappern werden. Und in dem Fall hat er das Champions-League-Finale genutzt, um einen populistischen Vorschlag zu bringen. Das Elfmeterschießen ist zwar nicht gerecht, aber was war davor? Bis tief in die 1960er Jahre wurde nach der Verlängerung eine Münze geworfen. Da hat das Elfmeterschießen schon noch mehr sportlichen Wert.
mokant.at: Kommen wir zum österreichischen Fußball: Hier schienen in der Vergangenheit selbst Nachwuchsspieler oft ausgesprochen gut verdient zu haben. Gemessen an der Performance sowohl der Nationalmannschaft, als auch der österreichischen Vereine kommt das dem Zuschauer mitunter doch recht unverhältnismäßig vor. Man hat sogar oft den Eindruck, dass das viele Geld Erfolg verhindert, so nach dem Motto „Ich hab meinen geilen BMW und genug Geld, wofür soll ich mir noch den Arsch aufreißen“.
Martin Blumenau: Das stimmt, aber stimmt auch wieder nicht. Erstens sind diese Jungfußballer, die die schicken Autos fahren, ja kein österreichisches, sondern ein internationales Phänomen.
mokant.at: Aber in den meisten anderen Ländern, wie Deutschland, wird wenigstens erfolgreicher Fußball gespielt.
Martin Blumenau: Ich denke dabei nicht nur an die großen Ligen, sondern auch an vergleichbare Länder, wie die Schweiz oder Belgien. Es ist auch gerechtfertigt, denn Fußballer haben nur zehn, maximal fünfzehn Jahre, wo sie wirklich Geld verdienen können. Die überzogenen Gehälter haben schon ihre ökonomische Notwendigkeit. Aber natürlich verführt das viele Geld schon dazu, zu sagen: „Mir geht es jetzt so gut, ich muss mich nicht mehr anstrengen und mich weiterentwickeln“. Aber auch das ist ein internationales Phänomen. Andere Länder haben das schon über längere Zeit besser im Griff als Österreich.
Während der Goldgräberphase in den 1980ern, vor allem aber in den 90er Jahren, wo Hannes Kartnig und andere Fußballmäzene den Spielern noch die Tausender-Bündel ins Maul gestopft haben, ist viel Schindluder getrieben worden. Gleichzeitig ist relativ wenig in sinnvolle Nachwuchsarbeit, Bildung und Ausbildung investiert worden. Erst seit etwa zehn Jahren wird da wieder besser gearbeitet. Wir hinken natürlich Ländern wie den Niederlanden hinterher, wo bereits seit den 1970er-Jahren vergleichsweise gut und systematisch gearbeitet wird. Die Franzosen und Tschechen machen das seit den 80er-Jahren, die Schweizer seit den 90ern. Deswegen sind die auch alle besser. In Österreich funktioniert das eben erst seit den Nullerjahren.
mokant.at: Österreich liegt auf der FIFA-Weltrangliste nur auf Platz 73 hinter Ländern wie Haiti oder dem Irak. Was sind die Gründe dafür neben der zu spät einsetzenden Nachwuchsarbeit?
Martin Blumenau: Die FIFA-Weltrangliste stellt sich ausschließlich aus den Ergebnissen der A-Nationalmannschaften zusammen, weder Erfolge der Nachwuchsmannschaften, noch wie viele junge Alabas sich bei Bayern München gut machen, fließen dabei ein. Und die europäischen Länder werden von der FIFA strenger beurteilt. Aber trotzdem sagt die Liste etwas aus. Und das ist natürlich das Resultat der Katastrophenvorstellungen der Nationalmannschaft während der letzten Jahrzehnte, das ist das Resultat der Arbeit von Dietmar Constantini, Hans Krankl und teilweise auch von Josef Hickersberger. Während der 80er- und 90er-Jahre hat das österreichische A-Team, nach einer Blütezeit in den 1970er-Jahren, eine Stagnation erlebt.
Anderswo ist währenddessen irrsinnig viel passiert: Da sind zehn, zwölf gute afrikanische, fünf, sechs gute asiatische Mannschaften dazugekommen. Da haben die Südamerikaner, sieben Nachfolgestaaten aus dem ehemaligen Jugoslawien, acht Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und auch noch fünf europäische Staaten massiv aufgeholt und uns alle überholt. Und natürlich gab es nach der Stagnation den Absturz, wo sich Österreich zwischen Platz 66 und 99 in der FIFA-Rangliste eingependelt hat. Und das passt schon, da gehören wir auch hin. In den nächsten zwei Qualifikationen, der schon ausgelosten für die WM 2014 in Brasilien und für die nächste EURO 2016, muss der Sprung gelingen. Die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht mal so schlecht. Es kann ja nicht so schlecht weitergehen, es muss ja besser werden.
mokant.at: Siehst du auch Teamchef Marcel Koller als positiv für die Entwicklung des österreichischen Teams?
Martin Blumenau: Man darf jetzt nicht zu viel Erwartung hinein projizieren. Aber natürlich macht jemand, der mit einem internationaleren Blick an die Sache rangeht, schon mehr her als seine Vorgänger, die einen wirklich sehr eingeschränkten Wirtshaustisch-Fokus angelegt haben. Und es fehlt ja durch die Misswirtschaft im Ausbildungsbereich während der 90er und Anfang der Nullerjahre eine ganze Generation an Spielern, die jetzt so zwischen 25 und 35 Jahre alt wären. Wir haben jetzt eine Nationalmannschaft, wo der Großteil der Spieler unter 25 ist, mit wenig älteren Ausnahmen wie Ivanschitz oder Janko. Wenn man sich die EM-Teilnehmer anschaut, dann setzt sich ein 22-Mann-Kader aus maximal zwei Spielen über dreißig, einem guten Brocken von Leuten Ende und Mitte zwanzig und ein paar Jüngeren zusammen. Die österreichische Nationalmannschaft muss also erst in das, was einen guten Kader ausmacht, hineinwachsen.
mokant.at: Die EM findet aktuell in der Ukraine statt, 2018 gibt es eine WM in Russland, 2022 geht es für die Weltmeisterschaft nach Katar. Warum wählt die FIFA solche kontroversen Austragungsorte?
Martin Blumenau: Wenn man sich die Blatter-Administration anschaut, ist das nicht weiter verwunderlich: Die FIFA geht dorthin, wo das Geld ist. Deswegen auch Russland, das ist eine klare Entscheidung für die dortigen Oligarchen. Der Sprung von den Oligarchen zu den Scheichs ist ideologisch kein weiter. Und es geht auch um die Erschließung neuer Märkte und um die Infrastruktur des Weltfußballs. Das Geld, das durch Großveranstaltungen wie WM oder EM verdient wird, kommt ja - abgesehen von dem, was bei Funktionären und in dubiosen Quellen verschwindet – der Aufrechterhaltung des Fußballbetriebs zugute.
mokant.at: Dennoch stellen politisch kontroverse Länder wie die Ukraine auch Spieler vor Herausforderungen. Darf ich einem Politiker wie Janukowitsch die Hand schütteln und wie soll ich mich zur Politik äußern? Der Deutsche Fußballverband (DFB) regelt das mit einem verpflichtenden Verhaltenskodex. Wird Fußball in Zukunft politischer?
Martin Blumenau: Erstens war er das schon immer und zweitens ist das keine Zukunft, sondern die Gegenwart. Ich glaube nicht, dass es in Russland problematischer wird als in der Ukraine. Ich kann mich an die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien erinnern, wo damals eine brutale Militärjunta geherrscht hat. Auch da gab es im Vorfeld Diskussionen, wie man sich verhalten soll. Diese wurden wesentlich unprofessioneller, wesentlich potschater und dümmer geführt als heute. Der DFB ist in der Hinsicht sicher ein Vorreiter, weil sie sich marketingtechnisch für alle Eventualitäten etwas überlegen. Das ist ein hochprofessionell organisierter Verband, wie es in Europa noch drei bis vier andere gibt. Die werden auch mit politischen Problemen umgehen können, und die kleinen Verbände orientieren sich dann sowieso an den großen.
mokant.at: Somit hat eine instabile politische Lage in den Austragungsländern keinen wirklichen Einfluss auf den Fußball und die Veranstaltung?
Martin Blumenau: Nein, hat es historisch nie gehabt. Bei der WM 2018 in Russland sehe ich gar kein Problem. Die Russen werden ihr strahlendstes Gesicht zeigen. Katar ist schwer einzuschätzen. Da kann – wir haben es beim Formel-1-Grand-Prix in Bahrain gesehen – ziemlich überraschend etwas passieren. Bernie Ecclestone und der Formel-1-Zirkus haben da sehr potschat reagiert, das würde der FIFA nicht passieren. Die würden das geschickter lösen, weil sie in dem Bewusstsein agieren, dass sie ein Parallelkonstrukt zur UNO sind. Der FIFA ist bewusst, dass sie so etwas wie ein ethischer Kompass sind und ihre Verhaltensweisen als Vorgaben dienen.
mokant.at: Letzte Frage: dein Tipp für den Europameistertitel?
Martin Blumenau: Es gab im sehr empfehlenswerten deutschen Taktik-Blatt spielverlagerung.de eine ironische Anmerkung der Redakteure: Eigentlich könnte man Deutschland und Spanien Best-of-seven spielen lassen und alle anderen nach Hause schicken, weil die Qualität nicht entspricht. Diese Einschätzung hat natürlich was. Trotzdem bleibt die Frage, ob es die beiden ins Finale schaffen werden. In der Champions-League hat man gesehen, dass im Halbfinale beide spanischen Clubs, auch das unschlagbare Barcelona, rausgeflogen sind. Geht man nach der CL, dann könnte auch England gewinnen. Aber es läuft auf ein großes Duell zwischen Spanien und Deutschland hinaus.
Ist Sport einfach nur Sport?
Links dazu ...
Video zum Platzsturm bei Hertha gegen Düsseldorf
Taktikblatt spielverlagerung.de
Interview von
Fotos von






































