01. Mai 2012 | Gesellschaft

Marinaleda - eine Utopie?

 
marinaleda.com
Marinaleda sagt von sich, die wahr gewordene Utopie zu sein
mokant.at collage > fotos: Thomas Grötschnig, Michel Mehle
Ist Marinaleda eine Diktatur?

In Marinaleda bestimmen alle gemeinsam die Zukunft. Zumindest auf den ersten Blick.

 

In der kleinen Halle haben sich etwa zweihundert Menschen versammelt. Es sind ältere Frauen und Männer in einfacher Arbeitskleidung. Ihre Hände sind groß und kräftig, ihre Gesichter faltig und von der Sonne gebräunt. Sie sitzen auf den kleinen Klappstühlen, die sorgsam aufgereiht in Richtung des Rednerpultes stehen. Sie unterhalten sich ausgelassen. Der ein oder andere wirft zwischendurch schon einen Blick auf die Tribüne. Sie wissen, dass dort gleich Jose Manuel Sanchez Gordillo erscheinen wird. Ihr Bürgermeister. Er wird ihnen sagen, was zu tun ist. Er hat es die letzten 40 Jahre gewusst. Er wird es auch heute wissen, wenn sie über die nächste Regierung Andalusiens entscheiden sollen.

 

Der sozialistische Traum

Als der Bürgermeister die Bühne betritt, wird es langsam ruhig im Saal. Er hat sich in den Farben seines Dorfes gekleidet. Rot steht für den Sozialismus. Weiß für den Frieden und Grün für die Hoffnung auf eine bessere Welt. Er stellt sich vor das überdimensionale Wandgemälde, das sich hinter dem Rednerpult von einer Seite zur anderen erstreckt. Es zeigt den Marsch der Arbeiter auf „El Humoso“. „Der Rauchige“ ist ein 1.200 ha großes Stück Land, das Sanchez Gordillo damals mit eben diesen Dorfbewohnern besetzt und schließlich gewonnen hatte. Damit hatte alles begonnen. 1980, als ihm 700 Menschen durch die Hitze Andalusiens zur Finka des Großgrundbesitzers „Duque de Infantado“ folgten. Sie besetzten die leerstehende Finka und traten in einen Hungerstreik. Sie machten damit auf die schändlichen Arbeitsbedingungen auf den Feldern der Großgrundbesitzer aufmerksam, unter denen Marinaledas Bewohner litten. Die Alten erinnern sich noch gut an diese Zeit. Hunger war an der Tagesordnung. Bildung gab es keine. Sanchez Gordillo hatte es sich in den Kopf gesetzt, das zu ändern. 

 

 


 

„Sie werden uns Terroristen nennen“

Arbeit sollte nicht mehr dazu dienen, Einzelne auf Kosten Vieler zu bereichern. Arbeit sollte ein Grundrecht des Menschen sein. Für alle zugänglich und in Würde. Über 10 Jahre kämpften die Bewohner Marinaledas für dieses Ziel. Sie marschierten ein ums andere Mal nach „El Humoso“. Auch dann, wenn die Guardia Civil, die Spanische Polizei, versuchte sie mit Knüppel in ihr Dorf zurück zu prügeln. Schließlich schafften sie es. 1991, als die Sowjetunion zusammenbrach, gab die Regierung Andalusiens nach, kaufte dem Duque das Land ab und übergab es der Bevölkerung von Marinaleda. Wenn die Alten davon erzählen, spiegelt sich Stolz in ihren Gesichtern. Das Gemälde vom Marsch auf „El Humoso“ ragt jetzt wie ein Symbol alter Kraft hinter dem Bürgermeister hervor. Jetzt, als er wieder um ihre Stimmen kämpft. Es ist derselbe Kampf wie damals. Auch die Feinde sind dieselben geblieben: „Sie werden uns Terroristen nennen, weil wir nicht für die Schulden der Banken bezahlen wollen! Die Sozialdemokraten spielen dieses Spiel mit, weil auch sie Kapitalisten sind! Deswegen dürfen wir keine Regierung mit ihnen bilden. Und deswegen will ich jetzt eure Meinung hören: Die Leute, die glauben, dass die Vereinigte Linke nicht mit den Sozialdemokraten regieren darf, heben jetzt die Hand!“ Unter den gemalten Arbeitern von „El Humoso“ erhebt sich ein Meer aus Händen. „Gegenstimmen?“ Keine.

 

Ein möglicher Weg aus der Krise

Das Dorf, das gerade gegen eine Regierung der Linken mit den Sozialdemokraten in Andalusien gestimmt hat, ist fast in ganz Spanien bekannt. Sie vergleichen es mit dem Dorf von Asterix und Obelix, das seine Lebensweise gegenüber einer fremden Umgebung verteidigt. Nur, dass sich hier statt Galliern und Römern, Kommunisten und Kapitalisten gegenüberstehen. Für viele ist Marinaleda ein Symbol für einen anderen Weg geworden. Den, außerhalb des Neoliberalismus. Vielleicht auch für einen möglichen Weg aus der Krise. Nachdem die Dorfbewohner von Marinaleda „El Humoso“ gewonnen hatten, begannen sie die Güterproduktion zu vergemeinschaften. Sie gründeten eine Kooperative, die darauf ausgerichtet war, Arbeit für möglichst viele zu schaffen. Heute sind etwa 300 Personen, der Großteil der arbeitenden Bevölkerung, in ihr beschäftigt. Sie bauen Oliven, Artischocken, Paprika und Bohnen an und verarbeiten sie in eigenen Fabriken weiter. 

 

Die Bedingungen unter denen sie das tun, sind für alle gleich. 6,5 Stunden Arbeit am Tag, 32,5 Stunden die Woche, zu einem Gehalt von 1.200 Euro im Monat. Der Bürgermeister, der seit seinem Amtsantritt 1979 jedes Mal wieder gewählt wurde, brüstet sich damit, dass es in Marinaleda fast Vollbeschäftigung gibt, während der Rest von Andalusien unter einer Arbeitslosenquote von 35% erdrückt wird. „Auch wir spüren die Krise“, räumt er im Interview ein, „Aber hier verteilt sie sich auf alle. Wenn es nicht genügend Arbeit gibt, melden sich die Leute turnusmäßig arbeitslos. So wird die Krise nicht auf dem Rücken einzelner ausgetragen.“ Der 63 jährige mit Rauschebart und Palästinenserhalstuch a la Che Guevara bezeichnet sich als Antikapitalist und Utopist. „Die Linke muss eine utopische Partei sein. Aber sie muss diese utopischen Ziele auch erreichen können.“ 

 

Ein Haus kostet 15 Euro im Monat

Es sieht so aus, als hätte er diese Ziele erreicht. Das Dorf, mit Straßennamen wie „Che Guevara“ oder „Libertad“, besitzt mittlerweile die Infrastruktur einer Kleinstadt. Ein Kindergarten, eine Volks- und Mittelschule. Eine Fernseh- und Radiostation, zwei Schwimmbäder, mehrere Tennisplätze. Aufgrund der sozialen Idee, die hinter all dem steht, muss niemand mehr als 12 Euro Monatlich für die Benutzung einer öffentlichen Einrichtung bezahlen. Das Herzstück der kommunalen Sozialpolitik ist das Bauprogramm. Wer sich in Marinaleda ein Haus bauen will bekommt Grundstück, Maurer und einen Architekten gratis zur Verfügung gestellt. Unter deren Anleitung arbeiten sie dann an ihrem eigenen Haus. 90m2 Wohnfläche, 100m2 Hinterhof. 

 

Jedes dieser Häuser sieht exakt aus, wie das andere. Die Arbeitszeit, die die Bauherren am Bau verbringen, wird ihnen dabei vom Kredit gutgeschrieben. Solange sie dort leben, müssen sie dann 15 Euro im Monat für den Kredit zurückzahlen. „Es dauert Generationen bis das abbezahlt ist“, sagt Carmen. Sie arbeitet für die kommunale Verwaltung und lebt selbst in einem dieser 15-Euro Häuser. „Aber genau das ist der Sinn der Sache. Während ich das Haus abbezahle, kann ich es nicht verkaufen, sondern nur vererben. Das heißt, es kann nicht mit dem Grundrecht eines Menschen, mit dem Dach über dem Kopf spekuliert werden. Das ist die Idee hinter diesen Häusern. Und die finde ich richtig“. Auf die Frage, ob sie sich als Kommunist sehe, lacht sie: „Ich versuche jeden Tag einer zu sein.“ Dann wird sie wieder ernster. „Es ist schwer als kommunistische Insel, mitten im Kapitalismus zu existieren.“

 

„Marinaleda ist im Prinzip fremdfinanziert“

Und tatsächlich. Der Traum bröckelt. Wer genauer hinsieht, merkt wie schwer es für Marinaleda ist, seiner sozialistischen Idee treu zu bleiben. Die Güter, die die Kooperative produziert, werden an „kapitalistische“ Handelsketten, wie die spanische „Carrefour“ verkauft. Teilweise musste die Kooperative auf maschinelle Produktion umsteigen und Arbeitsplätze abbauen, um weiterhin lukrativ zu bleiben. Sogar das kommunale Bauprogramm existiert nur, weil es jährlich mit bis zu 200.000 Euro von der andalusischen Regierung subventioniert wird. Der Vertrag läuft allerdings nur noch bis nächstes Jahr. Wegen der Wirtschaftskrise ist keine Verlängerung geplant. 

 

„Marinaleda ist im Prinzip fremdfinanziert. Die Kooperative, die Traktoren, die Schwimmbäder. Alles mit dem Geld der Andalusischen Regierung.“ Hypolito Aires hat den  Blaumann, den er sonst trägt, extra für das Interview durch ein frisch gebügeltes Hemd ersetzt. Er und sein Kollege Pradas sind die einzig übrig gebliebenen Sozialdemokraten in der Lokalregierung von Marinaleda. „Wir waren mal Sieben“, doch die Lügen des Bürgermeisters hätten sie an den Rand der Gemeinde gedrängt. Zu den Versammlungen gehen sie nicht. „Dort werden wir als Faschisten beschimpft. Und der Bürgermeister hält niemanden auf. Kommunikation ist nicht möglich.“ Es gäbe Leute, die sie wählen würden, doch aus Angst würde sich niemand öffentlich dazu bekennen. So verbringen sie die meiste Zeit in seiner Tankstelle am Rande des Dorfes und sprechen mit Journalisten, die etwas über die Schattenseiten des Modells „Sanchez Gordillo“ erfahren wollen. 

Reportage weiterlesen
Die „Schattenseite" der Utopie


Reportage und Fotos von

Fotos von: Thomas Grötschnig 

 

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Kommentare (3)

    Rainer Safferthal 11.05.2012 | 06:22

    "„Marinaleda ist im Prinzip fremdfinanziert“"

    So ist das halt. Sozialismus/Kommunismus ist nun mal nicht Überlebensfähig. Lernt man doch schon aus dem alten Spruch: "Das einzige was Sozialisten können ist Geld umverteilen".

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    alessa 22.05.2012 | 13:34

    ich glaube schon, dass Kommunismus überlebensfähig wäre. Aber nicht als Insel im Kapitalismus, sondern, wenn alles kommunistisch ist. Außerdem werden wir sehen, wie überlebensfähig der Kapitalismus auf Dauer ist. Im Moment scheint alles eine große Blase zu sein, die bald platzt.

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    GeoSand 29.05.2012 | 08:28

    @Alessa. Right. Nur: Die Blase ist bereits geplatzt, der Tsunami kommt noch. Kapitalismus ist ein System, das auf kein einziges der grossen und drängenden Menschheitsprobleme auch nur annähernd eine Antwort hat: Nicht auf den 'freien' Markt, der alles in den Abgrund reisst, nicht auf Landraub und Umweltzerstörung, schon garnicht auf den weltweiten Hunger: Hier fällt dem Kannibalensystem alle 5 Sekunden ein Kind unter 3 Jahren zum Opfer. Es gilt, den Kapitalismus endlich zu überwinden und - wie auch immer geartet und in übergreifender internationaler Zusammenarbeit, für menschenwürdige Umstände zu sorgen.

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