„Wer will schon bequeme Position abgeben?“
Petra Unger von der Plattform „AUS!“ über Geschlechter-Klischees und Forderungen
Die Plattform „AUS! Aktion Umsetzung. Sofort.“ brachte am Samstag, den 19. März 2011, 15.000 Menschen auf die Wiener Ringstraße, die für Frauenrechte demonstrierten. Dabei wurden Forderungen zum Thema gemacht, die seit mehr als 100 Jahren existieren. Feministische Ideen sollten in all ihrer Vielfalt zu Wort kommen und das Veränderungspotenzial unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation aufzeigen.
Petra Unger vertritt die Plattform und steht Rede und Antwort zu gemeinsamen und individuellen Forderungen. Außerdem erklärt sie, was sie von einer neuen Männlichkeit erwartet, warum ein bisschen Geschirrabwaschen nicht ausreicht und wie sie zu aktuellen politischen Fragen steht, wie etwa der „Frauen-Quote“, und erkennt einen allgemein „konservativen Rückschritt“.
Petra Unger: Die Forderung ist: Umsetzung, sofort! Unsere Plattform heißt ja auch „Aktion Umsetzung sofort“ und unser Kurzslogan „AUS!“. Wir wollen nicht mehr warten, wir wollen nicht mehr betteln. Wir wollen eine Umsetzung von den vielen Forderungen, die da sind. Da ist ganz konkretes politisches Handlungsmaterial da, daher ist „AUS! Umsetzung. Sofort“ die wichtigste Forderung. Aber da gibts natürlich eine ganze Latte mehr, ich könnte noch Stunden reden über die vielen, vielen Forderungen, Schlagworte sind natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit und die Thematisierung der prekären Arbeitsverhältnisse sowie bessere Versicherungsleistungen.
mokant. at: Was sind Ihre persönlichen Forderungen?
Petra Unger: Meine ganz persönlichen Forderungen decken zwei Bereiche ab: Einerseits bin ich für die Aufhebung der Verjährungsfrist bei Missbrauch und andererseits bin ich im Bereich Asyl für Bleiberecht für alle! Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man die Verjährungsfrist bei Missbrauch aufheben muss. Weiters wären Schadensersatz und Therapie auf Krankenschein in diesem Bereich wichtig.
Der zweite Bereich, der mich besonders unruhig macht, ist die Migrantinnen-Situation. Daher fordere ich das Bleiberecht für alle, sowie den Asylstatus unabhängig vom Ehemann. Es ist schlichtweg ein Skandal, dass Österreich immer sagt, die Zuwanderinnen wollen wir nicht, die sind so wenig emanzipiert und unterdrückt. Gleichzeitig wird aber diese Unterdrückung einzementiert, indem die Frauen, sobald sie sich vom Ehemann trennen, sofort deportiert werden – und ich benutze bewusst das Wort „deportiert“ und nicht „abgeschoben“ – das ist absolut untragbar meiner Ansicht nach.
mokant.at: Welche Forderungen betreffen die aktuell geplanten Änderungen im Familienrecht?
Petra Unger: Besonders aktuell ist die Verhinderung der gemeinsamen Obsorge, das ist derzeit ein ganz problematisches Projekt der Justizministerin. Das ist meiner Ansicht nach ein Rückschritt hinter die Familienrechtsreform aus dem Jahr 1975, da sind wir dann beim alten Familienrecht aus dem Jahr 1811.
mokant.at: Woher kommt der Rückschritt Ihrer Meinung nach?
Petra Unger: Das ist in meinen Augen eine der Auswirkungen der schwarz-blauen Regierung sowie der rechts-konservativen Politik der letzten zehn bis fünfzehn Jahre. Die Väterrechtsbewegung hat es in kürzester Zeit geschafft, so eine mediale Öffentlichkeit auf der Mitleidsschiene zu bekommen, „wir armen Väter dürfen nicht zu unseren Kindern“. Da wird nicht erzählt, warum die Ehe geschieden wurde, was da passiert ist und dass jetzt persönliche Verletzungen auf der politisch-medialen Ebene instrumentalisiert werden. Was auch nicht erzählt wird, ist, dass es hier nicht nur um Rechte, sondern auch um Pflichten der Väter geht. Da ist gerade ein sehr konservativer Rückschritt zu beobachten und ich sehe das mit der allgemeinen konservativen Richtung, die Österreich genommen hat.
mokant.at: Ist die Demo vom 19. März eine Veranstaltung von Frauen für Frauen oder engagierten sich auch Männer?
Petra Unger: Wir haben uns zunächst, nach langen und heftigen Debatten, dafür entschieden, dass Männer mitgehen können und sollen. Damit öffnen wir den Weg für Bündnisse und arbeiten explizit gegen Ausschlüsse. Wenn wir gesagt hätten, das ist eine Demo allein für Frauen, wären einige Frauen nicht mitgegangen. Das wollten wir vermeiden, auch wenn wir dafür kritisiert wurden, die Veranstaltung für Männer zu öffnen, beispielsweise von einigen autonomen Frauen.
mokant.at: Wen konnten Sie noch zur Unterstützung Ihrer Vorhaben gewinnen?
Petra Unger: Wir haben uns mit den ganz großen Organisationen zusammengetan: dem „Österreichischen Frauenring“, der Dachorganistation österreichischer Frauenvereine, der von Anfang an dabei war. Auch mit der katholischen Frauenbewegung, der Frauenministerin, der SPÖ- und Grünen-Frauen sowie der ÖBG-Frauen. Sie alle verfügen selbst über dichte Organisationsstrukturen und können dadurch gut mobilisieren. Uns ist es auch gelungen mit der ÖBB soweit zu verhandeln, dass es ein billigeres Ticket nach Wien gab. Ich bin ein kleines bisschen unzufrieden damit, weiß ich doch aus der Zeit von Helga Konrad, dass es Gratisfahrten für Frauen auf der ÖBB gab, aber dennoch, am 19. März gab es Ermäßigung.
mokant.at: Also kamen auch viele Frauen und Frauenvereine aus den Bundesländern?
Petra Unger: Natürlich! Neben dem Zugticket, das genutzt werden sollte, gab es auch einige Frauen in den Bundesländern, die sich selbst organisierten und Fahrgemeinschaften mit Bus gebildet haben. Weiters brachten sich viele NGOs und Akteurinnen aus der Frauenkulturszene ein, ich denke, man soll diese Netzwerke wirklich nicht unterschätzen! Ebenso wie die neuen Medien, über die besonders junge Frauen mobilisiert werden konnten.
mokant.at: Besteht das Organisationsteam nur aus Frauen oder machen sich auch Männer stark?
Petra Unger: In unserem Kernteam sind etwa zehn bis zwanzig Frauen, die in die Organisation und die Plattform besonders involviert sind, neben dem Web-Team, den Journalistinnen und Pressefrauen. Die Planung hat im September 2010 begonnen, die Bereitschaft ist wirklich sehr beeindruckend. Unsere Treffen sind gezielt moderiert, die zu behandelnden Themen werden vorbereitet und da wo kein Konsens ist, wird abgestimmt. Es gibt keinen Mann im Kernteam, das war eine bewusste Entscheidung! Männer können mitgehen, aber wir organisieren unsere Demo! Nicht, dass wir es den Männern nicht zutrauen, es geht eher darum, dass der Aufruf an jene Männer geht, die sich besonders laut als emanzipiert bezeichnen: Macht etwas, werdet selbst pro-feministisch aktiv!
mokant.at: Hat der Aufruf gewirkt? Gibt es solidarische Projekte oder Pläne?
Petra Unger: Bis jetzt sehe ich weit und breit keinen Mann. Es gibt schon solidarisch denkende Männer und Vereine, wie zum Beispiel die Männerberatung, aber dass sich Männer organisiert hätten und Aktionen machen, das ist nicht vorhanden. Es ist höchst an der Zeit, eine profeministische Männerbewegung zu starten, die sich mit sich selbst, mit den Machtverhältnissen und Privilegien auseinandersetzt und sich Seite an Seite mit den Feministinnen für eine neue Männlichkeit einsetzt. Aber das sehe ich nicht. Das würde auch an der Identität und Verfasstheit der Männer in ihrer bisherigen Männlichkeit kratzen. Männer bekommen Rückenwind von einem System, das Menschen in einem männlichen Körper, mit einer bestimmten Sexualität, Heterosexualität, und einer bestimmten Hautfarbe, nämlich weiß, privilegiert.
mokant.at: Was wären die Kernfragen einer selbstreflexiven Männlichkeit?
Petra Unger: Da ginge es um Themen wie „Wie gehe ich mit meiner Männlichkeit um?“, „Wie lebe ich diese Männlichkeit und gibt es vielleicht noch andere Männlichkeiten?“ Da geht es vom persönlich-individuellen hin zum systemkritischen. Männer müssten, nachdem sie sich selbst hinterfragt haben, auch zurücknehmen, ein paar ihrer Privilegien abgeben und somit Platz für Frauen machen – aber wer will schon seine bequeme Position hergeben? Da sind die Männer rasch zufrieden mit sich selbst: „Ich wasch' auch manchmal Geschirr ab“, heißt es da. Aber gerade was die Statistiken zur Hausarbeit angeht, gehen Fremd- und Selbstwahrnehmung ziemlich auseinander.






































