Ehrenamtlich: Flüchtlingen eine Zukunft geben (2)

Die Sprache des Landes sprechen, in dem sie jetzt wohnen, ist für viele Flüchtlinge der erste Schritt in ein besseres Leben. Doch Deutschkurse sind nicht billig. Die Grazer Drehscheibe Volksgarten schafft Perspektiven.

Alphabetisierung als erster Schritt
Im Pfarrhaus hat inzwischen der Unterricht begonnen. An den Tischen und auf dem Boden im Kreis sitzen die Schüler auf Kissen und lernen. Es werden Buchstaben geschrieben und Aussprache geübt. Jemand stimmt das ABC-Lied an, aber den meisten Männern (zwischen 25 und 45) ist es peinlich, zu singen. Es bleibt bei diesem einen Versuch.

Unterteilt werden sie nach ihrem Kenntnisstand: es gibt die Alphabetisierungsgruppen, eine Anfängergruppe, den Unterricht für Fortgeschrittene und seit Kurzem auch eine Grammatik-Lerngruppe. Mittlerweile wurden die Räumlichkeiten auch noch erweitert. Eine Alphabetisierungs- und die Grammatikgruppe wurden bereits ausgelagert. Am besten gefüllt sind die Alphabetisierungsgruppen. Die Teilnehmer müssen teilweise unser Alphabet und die lateinischen Schriftzeichen erlernen, es gibt aber auch Einige, die überhaupt erst lesen und schreiben lernen müssen. Das sind meist auch die, die kein Englisch sprechen. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig. Die ersten Arbeitsmaterialien sind deshalb mit Bildern versehen, die einzige gemeinsame Sprache, die die Schüler und Lehrer zu Beginn haben. Zwar gibt es unter den freiwilligen Helfern ein paar, die Persisch oder Arabisch sprechen, das ist jedoch eher die Ausnahme.

Lehrerfahrung sammeln
Die Rückmeldungen zum Projekt sind durchwegs sehr positiv. Die Kurse sind bei den Flüchtlingen unter anderem deshalb so beliebt, weil sie so flexibel sind. Zwar wird eine Anwesenheitsliste geführt, Konsequenzen für Nichterscheinen gibt es aber keine. Das Konzept einer freiwilligen, kostenlosen Basis kommt sehr gut an. Und auch die freiwilligen Helfer sind begeistert. Die Finanzierung der Kurse erschien am Anfang schwer, doch die Idee, Studenten um Hilfe zu fragen, wirkte Wunder. Auf einen Email-Aufruf an Studierende der Karl-Franzens-Uni Graz erhielten die Verantwortlichen eine überwältigende Menge an Rückmeldungen. Für Viele scheint es ein Bedürfnis zu sein, zu helfen und ihr Wissen weiterzugeben. Fereydun sagt auch: “Vor allem die Lehramtsstudenten nutzen diese Chance, um praktische Erfahrungen im Lehrberuf zu sammeln.” Mittlerweile gibt es 25-30 Ehrenamtliche, die regelmäßig den Unterricht leiten, Andere kommen seltener, wenn es die Zeit zulässt.

Im Unterrichtsraum ist Pause. Einige der Männer und Frauen sitzen zusammen. Viele von ihnen kommen aus Afghanistan, dem Iran oder Syrien.

(c) Laura Schilling

Lernpause in der Grazer Drehscheibe

Die meisten sprechen Persisch. In Gesprächen mit ihnen kommen die kulturellen Unterschiede zum Vorschein. Alle sind hinreichend erstaunt darüber, dass eine 24-jährige Frau in Österreich nicht unbedingt verheiratet sein muss, oder bereits Kinder hat. Dennoch ist die Atmosphäre ausgelassen und neugierig, niemand scheint damit ein Problem zu haben, es ist nur in ihren Ländern anders üblich.

Zum Ende des Unterrichts hört man aus allen Ecken “Bis nächste Woche!”, “Tschüss” und “Auf Wiedersehen”. Das Projekt der Drehscheibe Volksgarten Graz ist einzigartig. Es verlässt sich nicht auf Fördermittel, sondern stützt sich vor allem auf die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Und nicht nur die Schüler, auch alle freiwilligen Helfer profitieren von dieser Allianz.

Drehscheibe Volksgarten schafft Perspektiven

Bilder: (c) Laura Schilling


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