Corporate social responsibility: „Die neue bunte Sau“

Foto: (c) Aylin Pritz

Der freiwillige Beitrag von Unternehmen zur Nachhaltigkeit.

Seit einigen Jahren haben Unternehmen vermehrt den Wunsch ihre Nachhaltigkeit marketingwirksam zu präsentieren. Begriffe  wie Corporate Social Responsibility (Soziale Verantwortung) hört man in diesem Zusammenhang oft. Aber was kann man sich darunter konkret vorstellen? Und wie weit geht diese Verantwortlichkeit? Muss es ein Unternehmen interessieren, wie zum Beispiel die Mitarbeiter der extern beauftragten Reinigungsfirma entlohnt oder behandelt werden?

Im Gespräch mit Herrn Mag. Willenig von keyconsult versuchte mokant.at, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Willenig engagiert sich neben seiner Tätigkeit als selbstständiger Wirtschaftsberater bei einer sogenannten Expertsgroup der Wirtschaftskammer, mit dem Schwerpunkt csr – corporate social responsibility. Hier finden sich Experten aus mehreren Wirtschaftsbereichen zusammen, um das Thema corporate social responsibilty nach außen hin zu transportieren und darüber zu informieren.

Neues Mascherl für Altbekanntes
Was genau ist nun corporate social responsibility? Übersetzt wird der Begriff am besten mit unternehmerischer Sozialverantwortung. Es geht um den Wunsch eines Unternehmens die Ressource Arbeitskraft bestmöglich zu pflegen. „Soziale Verantwortung in Unternehmen hat es auch vorher gegeben. Man hat dafür einfach einen neuen Namen erfunden und dem Begriff ein neues Mascherl gegeben. Es wird eine neue bunte Sau durchs Unternehmen getrieben. Sie heißt halt jetzt anders“, meint Wirtschaftsberater Willenig. Tatsächlich gebe es seit dem Mittelalter den Begriff „des ehrbaren Kaufmanns“, der auch sozial verantwortlich agiere. Der heutige Begriff der corporate social responsibility stammt aus den USA und beschreibt die Idee, dass Unternehmen nicht nur auf die Gesellschaft reagieren, sondern diese auch aktiv mitgestalten sollen.

Gewissensbefriedigung?
Laut Definition der Wirtschaftskammer ist csr „ein Konzept, das Unternehmen eine Grundlage liefert, um auf freiwilliger Basis soziale Belange in ihre Tätigkeit zu integrieren“. Es gibt allerdings weder einen Maßnahmenkatalog, der zu erfüllen ist, noch Kontrollen oder Konsequenzen bei Nichtwahrnehmung dieser Selbstverpflichtung . Laut Willenig gebe es nur eine „Guidance on Social Responsibility“, die sogenannte ISO-Norm 26000, die im September 2010 verabschiedet wurde, um eine einheitliche Terminologie zu fördern. Der Leitfaden erklärt aber eindeutig: „Sie ist für Zertifizierungszwecke oder für die Nutzung in staatlichen Regelsetzungen oder Verträgen weder vorgesehen noch geeignet.“ Und da sich auch sonst keine konkreten, rechtlich verbindlichen Normen zum csr-Konzept finden lassen, sehen Kritiker csr-Maßnahmen oft nur als „Mittel zur Verbesserung des eigenen Images“, oder als „Instrument zur Kaschierung egoistischer Motive (Greenwashing)“.

SMETA-Audits
Eine etwas interessantere Methode, um Unternehmen auf ihre Sozialverträglichkeit zu überprüfen, sind die sogenannten SMETA-Audits, auf die Willenig hinweist. SMETA ist die Abkürzung für Sedex Members Ethical Trade Audit. Diese speziellen Audits, auf Deutsch „Anhörungen“ oder in diesem Fall „Untersuchungsverfahren“, beschreiben den Prozess eines Verfahrens zur Kontrolle der Gesellschaftsverantwortung eines Unternehmens. SMETA-Audits können von Unternehmen angefordert und in weiterer Folge international ausgeschrieben werden. Unabhängige Zertifizierer wie Willenig gehen dann in die Betriebe und Zulieferbetriebe und prüfen sie auf ihre Sozial- und Gesellschaftsverträglichkeit. Besonders oft wird das im Supply Chain Management angewandt. Supply Chain Management bezeichnet den Aufbau und die Verwaltung aller unternehmensinterner Logistikketten, von der Rohstoffgewinnung bis zum Verkauf des Endproduktes. Im Rahmen des csr  fordern die Unternehmen demnach ihre Zulieferbetriebe sich von SMETA-Audits überprüfen zu lassen und diese sogar zu bezahlen. Bei SMETA-Audits gibt  einen konkreten Maßnahmenkatalog und Konsequenzen bei Nichterfüllung der Kriterien. Dieser Maßnahmenkatalog bezieht sich dann sowohl auf die Arbeitsbedingungen und das Entlohnungsschema der Mitarbeiter als auch auf den Zustand der Betriebe.  Besonders bei großen Produktionsfirmen wie Coca Cola oder Nestlé hat Willenig schon Audits durchgeführt. „Aber in den Unternehmen, wo ich war, hat es eigentlich immer nur Kleinigkeiten gegeben.“

Und wie sieht das im Dienstleistungssektor aus? Hier kämen Audits eher selten vor. Speziell in Österreich gehe man davon aus, „dass eh alles passt“, zumal es ja auch Arbeitsinspektorate gebe, die die Unternehmen kontrollieren. Nun gibt es aber auch im Dienstleistungssektor Tätigkeiten, die ausgelagert werden. Die Rede ist von Reinigungspersonal oder Lieferanten. Gibt es hier, wie in den Produktionsbetrieben, eine Kontrolle des Supply Chain Managements? Und hat sich ein Unternehmen, das „corporate social responsible“ sein möchte, nicht auch über die Arbeitsbedingungen der Firmen für ausgelagerte Tätigkeiten zu informieren?

„Es gibt genug andere, die statt mir arbeiten wollen“
mokant.at traf sich mit einer Reinigungskraft. Sie berichtete uns über ihre Tätigkeit in einer Reinigungsfirma, die für ein größeres Unternehmen arbeitet. Sie erzählt, dass sie weder eine Gefahren-, noch eine Schmutzzulage erhalten habe. Laut Kollektivvertrag für Arbeiter in der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigung, im sonstigen Reinigungsgewerbe und in Hausbetreuungstätigkeiten stehen Reinigungskräften solche Zulagen aber gesetzlich zu. Als Frau C. dann einmal nachfragte, wurde ihr höflich mitgeteilt, dass es genug andere Leute gebe, die ihre Stelle haben wollen, wenn sie damit nicht zufrieden sei. Als sie nach einem zweimonatigen Krankenstand wegen einer Schulterverletzung wieder arbeiten gehen wollte, wurde sie gekündigt. Auch hier empfand sich Frau C. ungerecht behandelt und suchte bei der Arbeiterkammer um Rat. Dort versicherte man ihr zwar, dass man die Kündigung anfechten könnte, warnte sie jedoch gleichzeitig davor, dass ihr die Reinigungsfirma dann das Leben schwer machen könne und sie in Folge selbst zum Gehen bewegen würde. Trotz Kollektivvertrag war Frau C. also mehrerer Ungerechtigkeiten ausgesetzt und es stellt sich die Frage, ob diese Reinigungsfirma gesellschafts- oder sozialverträglich agiert.

Sauerei statt bunte Sau
In weiterer Folge stellt sich außerdem die Frage, ob Firmen, die solche Reinigungsfirmen für sich arbeiten lassen, das Prädikat „corporate social responsible“ verdienen. Wie weit geht also dieser Gedanke? Muss ein Unternehmen mit diesem Anspruch nicht auch Verantwortung gegenüber Mitarbeitern ausgelagerter Tätigkeiten übernehmen? „Nein, außer sie trommeln besonders stark, dass sie ein nachhaltiges Unternehmen sind. Dann sollte man da schon jemanden hinschicken, der sich das einmal anschaut“, lautet hier Willenigs Antwort. „In diesen Größenordnungen fragt man hier aber eigentlich nicht nach. Man geht davon aus, dass auch die Verleihfirma korrekt arbeiten muss, die ja genauso vom Arbeitsinspektorat kontrolliert wird.“ Es wirkt, als könnten sich große Unternehmen hier also etwas aus der Verantwortung stehlen. Da selbst SMETA-Audits freiwillig seien, müsse die Verleihfirma selbst auf ihre Mitarbeiter achten. Es gibt also keine Verantwortung, geschweige denn Verpflichtung, als großes Unternehmen ausgelagerte Tätigkeiten auf ihre Sozial- und Gesellschaftsverträglichkeit hin zu überprüfen. Marketingwirksam ist corporate social responsibility allemal, doch in der Realität weist diese Art der Unternehmensphilosophie noch einige Mängel auf.

Titelbild: (c) Aylin Pritz

aylin.pritz@mokant.at'
Aylin Pritz war als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: aylin.pritz[at]mokant.at