Biennale 2011: „ILLUMInations“

Die mokant.at Reportage zur Kunstbiennale 2011 in Venedig

Derzeit findet zum 54. Mal die Kunstbiennale in Venedig unter dem Titel „ILLUMInations“ – „ILLUMInazioni“ statt. Noch bis zum 27. November bildet Venedig somit wieder den zeitgenössisch-kulturellen Brennpunkt des Landes. Anna Jenewein hat die meistbesuchte Kunstausstellung Italiens für mokant.at besucht und berichtet dabei von ihren Eindrücken.

Das Konzept „Biennale“ ist schnell erklärt: Das Ausstellungsgelände erstreckt sich über mehr als 10.000m² und teilt sich auf mehrere Schauplätze auf, an denen Kunst gezeigt wird. In den „Giardini“, im Stadtteil Castello, präsentieren sich 28 Nationen (oder Regionen, beispielsweise gibt es für Skandinavien nur einen) in verschiedenen Pavillons. Mehrere andere Staaten, die dort über keinen eigenen Pavillon verfügen, stellen in angemieteten Räumlichkeiten überall im Stadtzentrum Venedigs aus. Unabhängig davon gibt es noch das „Arsenale“, wo eine von den Kuratoren zusammengestellte Themenausstellung zu sehen ist. Wer danach immer noch nicht genug Kultur aufgesogen hat, den erwartet ein vielseitiges Rahmenprogramm: die Filmbiennale, Theater- und Tanzveranstaltungen, Konzerte, und vieles mehr.

Was ich an der Biennale liebe, ist (wer einmal dort gewesen ist, kann dies wahrscheinlich bestätigen) das Gelände. Schon allein der Spaziergang vom Markusplatz zu den Giardini führt an einigen Foto-tauglichen Ecken vorbei, und dort angekommen erwartet den Besucher ein wunderschöner Park, mit Ausblick auf Kanäle, Gondeln und teilweise architektonisch höchst interessanten Gebäuden. Die Eintritts- (und überraschenderweise auch Getränke-) preise sind moderat (Geheimtipp: wenn vorhanden IKEA-Family-Karte vorzeigen, bringt Rabatt!) und ich hatte Anfang September Glück, nur mäßig viele Menschen dort anzutreffen.

Ich hatte für die Besichtigung von Giardini plus Arsenale ziemlich genau sieben Stunden Zeit – danach musste ich wieder zum Hafen, um rechtzeitig mein Schiff zu erreichen – es war also schier unmöglich, alle Beiträge zu sehen. Besonders beeindruckt hat mich jedoch ein im Arsenale gezeigter Film, dessen Laufzeit 24 Stunden beträgt: The Clock von Christian Marclay. Dieses äußerst spannende Meisterwerk besteht aus tausenden von Filmclips, die alle eins gemeinsam haben: Überall ist eine Uhr zu sehen, oder die Schauspieler sprechen aus, wie spät es ist. Zu allem Überfluss passen diese Zeiten auch noch exakt zur realen Uhrzeit am Ausstellungsort – ein absolut sehenswerter Film, der alle Zuschauer in seinen Bann zu ziehen schien und für den sich der Weg ins Arsenale definitiv lohnt.

Es fällt mir schwer, dafür die richtigen Worte zu finden, was Christoph Schlingensief, seine Witwe Aino Laberenz und Kuratorin Susanne Gaensheimer für den deutschen Pavillon geschaffen haben. Dem Zuschauer wird jedenfalls ein Abriss des Werks dieses außergewöhnlichen Künstlers zugänglich gemacht: eine Retrospektive aller seiner Filme, begleitet von mehreren Stunden Interviews, alles bis dato vorhandene Material für den von ihm geplanten Bau eines Opernhauses in Afrika und natürlich „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Schreiben darüber fällt schwer. Ich empfand ein ungeheuer bedrückendes Gefühl, als ich Schlingensiefs Kirche der Angst betrat, aber gleichzeitig auch ein Gefühl, bleiben zu wollen, teilhaben zu wollen an diesem Portrait eines Menschen, der zu früh den Folgen seiner Krebserkrankung erlag. Was mir zu sagen bleibt: Man könnte einige Stunden allein im deutschen Pavillon verbringen. Danach erschien für mich manches weitere… banal, langweilig, unreflektiert, nicht zeitgemäß…

Zu viele Künstler bezogen sich meiner Meinung nach rein auf die Darstellung ihres Heimatlandes (vor allem aus dem arabischen, afrikanischen, lateinamerikanischen Raum). Es fehlte eine gewisse „Universalität“, die ein Kunstwerk einem größeren Publikum zugänglich macht. Dieses Problem, dass ein Beitrag nur durch reichlich Vorwissen bzw. Nachlesen verstanden werden konnte, trat infolgedessen generell bei mehreren Beiträgen auf.
Erwähnenswert finde ich auch den diesjährigen italienischen Pavillon, „einen kuratorischen Terroranschlag“, „die schrecklichste Ausstellung der 54. Venedig-Biennale“, die nicht durch Qualität, sondern eher Quantität (und gleichzeitig Berlusconi-Affinität) besticht. Ein Sammelsurium von „Kunst“ (oder auch „Scheußlichkeiten“ – wie es eine Kritikerin auszudrückt), das bereits im Vorfeld für einige Kontroversen sorgte. Doch davon soll jede/r sich selbst ein Bild machen.

In diesem Jahr sind 89 Beiträge aus allen Teilen der Welt zu sehen (im Vergleich: 2009 waren es noch 77) – ein wenig viel, wie mir scheint. Allein für das Erkunden des Hauptareals wird – vorausgesetzt man möchte nicht durchs Gelände hetzen – mehr als ein Tag Zeit benötigt. Um alles, was über die Stadt verstreut zu sehen ist, braucht der Besucher mindestens noch einmal einen Tag… Mein Tipp lautet also, dem Projekt „Biennale“ mehr als nur einen Tag Zeit zu widmen, damit man am Abend nicht komplett reizüberflutet wieder nach Hause kommt und sich an den Großteil des Gesehenen gar nicht mehr erinnern kann. Da Venedig generell, und das Ausstellungsgelände im Speziellen, am einfachsten zu Fuß zu erkunden ist, werden es einem auch die ohnehin schon schmerzenden Füße danken.

Die 54. Kunstbiennale bleibt noch bis zum 27.11.2011 geöffnet – ein Besuch lohnt sich also auf jeden Fall, vor allem jetzt im Herbst, wo in Venedig sowohl die Temperaturen als auch die Preise der Hotelzimmer zumindest ein wenig sinken. Kunst- und Architekturbiennale finden übrigens immer abwechselnd statt, 2012 kann somit wieder Architektur bestaunt werden.

Artikel von Anna Jenewein
Titelbild: flickr.com/Davide Costanzo

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