Aufgeblättert: „Mein Leben in Aspik“
„Mein Leben in Aspik“ von Steven Uhly
Nach dem Lesen des Buches ist eindeutig klar: Hinterher betrachtet, mutet der Anfang von Steven Uhlys Debütroman beinahe harmlos an. Schließlich geht es bloß um eine Oma, die ihrem Enkel statt Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen erzählt. Wer sich an dieser Stelle auf einen Roman einstellt, dessen Ziel die Thematisierung von selbstverständlich wirkenden Verbrechen à la Ingrid Noll ist, kann falscher nicht liegen. Steven Uhlys Geschichte entführt die Leserschaft von den dunkelsten Tiefen des menschlichen Unbewussten in noch immer unverarbeitet gebliebene Abgründe der Allgemeinheit. Der Autor wühlt in verborgenen Ecken der menschlichen Psyche ebenso wie in unbeleuchteten Hinterzimmern der Gesellschaft und reizt dabei sozial verankerte Moralvorstellungen bis zur Grenze des Zumutbaren aus. Und dennoch erzählt er uns bloß eine deutsche (Familien)-Geschichte.
Inzestuöser Abgrund einer Familie
„Mein Leben in Aspik“ ist ein Roman voller Verwirrungen,
Lügengeschichten, Blendungen und unbeabsichtigt scheinender
Moralbrüche. In diesem Chaos an Abgründen versucht der junge
Ich-Erzähler seine Familiengeschichte Stück für Stück zu begreifen.
Wurde er tatsächlich bei einem Pornodreh gezeugt? Verließ der Vater die
Familie, weil er seine Schwiegermutter geschwängert hatte? Gibt sich
sein nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrecher gesuchter
Großvater als Überlebender des Holocaust aus? Und hat er es
tatsächlich geschafft an einem Abend seine Großmutter, Schwester und
baldige Stiefmutter zu schwängern? Die Liste an offenen Fragen ist
lang. Eine von ihnen bildet den roten Faden der Handlung: Ist es
denkbar seiner Vergangenheit zu entfliehen oder ist es unmöglich die
Familiengeschichte aus der eigenen Biografie auszublenden? Für den
Freund des Protagonisten ist es eindeutig: „Meine Grundthese ist die,
dass du nicht einer bist, sondern alle, die vor dir gelebt haben. Du
bist dein Vater, deine Mutter, deine Oma, dein Opa, deine andere Oma,
dein anderer Opa, alle, alle, selbst dann, wenn du sie noch nie gesehen
hast, bist du sie.“
Im Verlauf der Geschichte ist der Ich-Erzähler immer wieder hin und her gerissen zwischen dem Wunsch die Wahrheit zu erfahren und dem Verlangen dieser verworrenen Familiengeschichte zu entkommen. Kaum scheint er eine Enthüllung verarbeitet zu haben, wartet auch schon das nächste Geheimnis auf ihn. Nicht viel anders ergeht es auch der Leserschaft: kaum ist ein Tabubruch verkraftet, lauert schon der nächste um die Ecke. Hinzu kommt, dass in diesem Chaos an Verstrickungen niemals eindeutig klar ist, wo die Lüge anfängt oder die Wahrheit aufhört: „Jungchen, von wem kann eine wie ich die Wahrheit verlangen? Wir haben uns alle angelogen, ich deinen Stiefopa und deine Mutter, dein Vater deine Mutter, mich und deinen Stiefopa, ich deinen Vater, und wir alle dich und deine Schwester.“ Trotz oder gerade wegen seltsamer Sexgeschichten, der Thematisierung von Inzest und Rotlichtszene oder der Beschreibungen von anderweitigem moralischen Verfall geht es in diesem Roman um Liebe. In der Vergangenheit begangene Fehltritte oder enttäuschte Zuneigungen ändern am Ende nichts an dem hoffnungsträchtigen Gefühl die Liebe sei zu einer Wiedergutmachung im Stande. „Es dreht sich also um etwas, das nie ausgesprochen wurde, um etwas, das es eigentlich gar nicht gibt, weil niemand will, dass es in der Welt ist. Trotzdem – oder nein: gerade deshalb beeinflusst es alles“.
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Steven Uhly im Secession Verlag
Rezension von





















































