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Oliver Lukesch ist ehemaliger Chefredakteur bei subtext.at und Vizepräsident des Österreichischen Medienverbandes . Er mag Michaela Wein nicht

Wer heutzutage nicht nackt durch die Wohnung läuft ist von gestern

 

Stellt euch Folgendes vor: Es ist heiß wie in einem Atommeiler, ihr kommt aus der Dusche und die einzige Kühlung verspricht der Ventilator hinter eurem Computer. Plötzlich meldet sich eine dieser Witzfiguren über Skype, die ihr aus reinem Mitleid noch nicht geblockt habt, und brüskiert sich ob eurer Freiheit, in den eigenen vier Wänden mit dem Adamskostüm herumzulaufen!

Zum Gegenkommentar von Michaela Wein

Ernsthaft, muss man sich etwas Derartiges anhören? Kleidung in der Wohnung ist das Produkt eines restlos überholten, evolutionsbedingten Rattenschwanzes namens Schamgefühl, von seinen reaktionären Anhängern (siehe auch: pathetische Musiknerds ) in soziale Konvention überführt. Gerade plump-suggestive Fragen wie die, wohin die Hand denn beim Chatten noch so wandere, zeigen, dass bei diesen Menschen noch das Kleinhirn am Drücker ist.

Im Sommer ist es heiß genug, im Winter gibt's Decken und für die Hygiene existiert ein reichhaltiges Sortiment an Unterhosen. Und die paar Nachbarn, die mit Feldstechern und Schaum vorm Mund ihre Umgebung nach nacktem Fleisch abgrasen? Wenn sie sonst keinen Spaß im Leben haben, was kümmert's mich? Nicht, dass ich sonderlich stolz auf meinen Körper bin - auch wenn meine durchtrainierten Wadeln vortrefflichste Schnitzel hergeben würden, um meine Hühnerbrust beneidet mich niemand. Aber gerade darum geht's ja noch dazu: durch das Teilen von Schwächen gemeinsame stärker werden - im Zeitalter des Web2.0 mehr als je zuvor!

Liebe Leute der Modeindustrie, ihr werdet bald auf der Straße stehen und euch mit von Bloggern abgelösten Journalisten um das letzte bisschen Öffentlichkeit prügeln müssen. Denn die Revolution, die momentan mit Facebook und Twitter an der Speerspitze voll im Gange ist, wird nach der Content-Industrie nicht halt machen. Was momentan stattfindet ist ein Paradigmenwechsel - weg vom eigenbrötlerischem Schwitzen und Faulen in überteuerten Klamotten hin zu einer noch nie da gewesenen Form des Teilens und der Offenheit. Nudismus ist das neue Schwarz der Generation Social Media.

Zugegeben, vor wenigen Jahrzehnten noch hätte die digitalen Avantgarde die von ihr gepredigte Offenheit in anderer Form ausleben müssen. Und dabei nur wenig zu lachen gehabt. Die komplette Google Führung säße ob ihrer voyeuristischen Anwandlungen im Kittchen, Mark Zuckerberg wäre König eines Nudistenstrands in der Südsee und Bill Gates hätte es unter dem Spitznamen „micro & soft“ zu eher zweifelhafter Berühmtheit gebracht.

Aber diese barbarischen Zeiten liegen hinter uns. Und den puritanischen Spießbürgerchen, die im Angesicht harmloser Nacktheit an nichts anderes als Körperflüssigkeiten, Sex und Geilheit denken können, sei gesagt: Freiheit von der Hose schafft Freiheit im Geist!

Zu welchem Thema sollen sich Wein und Lukesch den nächsten Schlagabtausch liefern? Hier geht's zur Abstimmung!


 

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Österreichischer Medienverband

Artikel von
Oliver Lukesch | oliver.lukesch[at]subtext.at

 

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