Aktionskunst: Mehr Blut, mehr Schleim, mehr Wasser!

Hermann Nitsch eröffnet seine Ausstellung Aktionsfotos 1960 bis 1979 mit seiner 142. Aktion. Die Ausstellung kann noch bis März 2014 in der Nitsch Foundation Wien besichtigt werden.

Ein großes, weißes Leintuch liegt in der Mitte des steril wirkenden Raumes. Auf dem Leintuch steht ein großes schräggestelltes Kreuz aus Marmor. Wie Ameisen drängen sich die Zuschauer aneinander vorbei. Jeder für sich alleine möchte den besten Platz erhaschen. Die Orgelmusik vermacht mit ihren schrillen Tönen eine düstere und beklemmende Stimmung. Ein Raunen geht durch die Menge. Das Klopfen eines Gehstockes wird immer lauter und lauter. Er kommt.

Mit schweren Schritten zwängt sich der kleine Mann durch die Menschenmenge und setzt sich auf einen schwarzen Holzstuhl. Tief ein und ausatmend zupft er sich an seinem weißen, langen Rauschebart. Die hellblauen Augen richtet er auf das Leintuch. Erwartungsvoll nickt er zu seinen Assistenten. Er ist bereit. Das Kunstobjekt kann kommen. Vorsichtig setzt sie ihre zarten Füße auf den kalten Boden. Blitzartig richten sich alle Augen auf die Frau. Die eine nackte Frau unter den vielen angezogenen Menschen. Ihre Augen sind verbunden. Alle sehen sie, aber sie kann niemanden sehen. Zwei Männer stützen sie und helfen ihr den Weg in ihre Leinwand zu finden. Sie legt sich auf das Tuch und beginnt sich langsam zu rekeln. Ruckartig reibt sie ihre Hände an ihrem Körper und drückt ihre Fingerspitzen tief in ihre Haut. Langsam spreizt sie ihre Beine und gewehrt allen Einblick in ihr tiefstes Inneres. Nur ihre Schamhaare schützen ihren Intimbereich noch vor Fremden. Vorsichtig begutachten sie die Zuschauer und schauen im selben Moment peinlich berührt zur Seite. Ein zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen setzt ein großes Fragezeichen in die Köpfe der Beobachter. Genießt sie es, dass wir ihr zusehen?

„Meine Aktionen muss man sehen und fühlen“

Nitsch hustet und unterbricht die Trance der Zuschauer. „Wir dachten uns, dass wir heute mit einer Aktion beginnen MÜSSEN. Denn das ist gerade für die jungen Leute von Bedeutung, die noch gar nicht geboren waren, als wir damit begonnen haben. Meine Aktionen muss man sehen und fühlen, um sie zu verstehen. Was bringt es ein Foto zu sehen und zu glauben, man weiß wie es ist, wenn es nicht so ist.“

Nitsch hustet. Seine Stimme bricht. Einer seiner Freunde eilt zu ihm und bietet ihm ein Glas Wasser an und fragt, ob es ihm gut geht. Nitsch nickt und scheucht ihn mit einer Handbewegung weg. „Wichtig ist, diese Aktion hautnah und lebendig zu erleben. In Form von Körper und Fleisch!“, raunt er in die Gesichter, die ihn anbetend, neugierig aber auch abwertend anstarren. Nitsch möchte die Realität vom Schein trennen. Die Fotos sollen eine klare Trennung von der Aktion darstellen. Sie wiederspiegeln das Vergangene und den Trug. Die Aktion aber erweckt die wahren Gefühle und Emotionen: Ekel, Scham, Freude, Lust, Zorn, Trauer und Ungewissheit. Man spricht nicht mehr nur von Blut und Fleisch, sondern man verwendet es.

„Die Auseinandersetzung mit Blut und Fleisch ist meine Lebendigkeit.“

Räuspernd setzt er der Frau ein Zeichen. Es kann losgehen. Ein Assistent in weißen Leinenhosen tritt hervor und greift zu einem Trichter mit Tierblut. Behutsam gießt er ihr das dickflüssige Blut über die Vagina. Es rinnt zu ihren Schamlippen und breitet sich wie eine Baumkrone über ihre langen Beine aus. Zu ihren Füßen entsteht ein Blutsee. Der Mann greift zu einem zweiten Trichter und gießt Schleim (Gleitgel) über ihre Vagina und das Blut. Der Schleim vermengt sich mit dem Blut und es entstehen mehrere rote Farbabstufungen auf ihrer hellen Haut. Er greift zum Wasser und schüttet es über ihren Körper. Sofort verdünnt sich das Blut und zieht weitere Spuren zu ihren Füßen. Eine Frau im Publikum seufzt und flüstert ihrem Mann ins Ohr: „Das sieht ja aus, als ob sie während einer Geburt verblutet.“

Zwei Assistenten waschen sie mit einem großen Schwamm und frischem Wasser. Sie fällt in die Arme der Assistenten als wäre sie bewegungsunfähig. Als sich kein Blut mehr auf ihr befindet, nehmen die Assistenten ein langes Holz in die Hände, an dem sie sich festhalten soll. „Es muss so aussehen, als würde sie daran hängen!“, brummt Nitsch. Sie sitzt auf und umklammert mit ihren Händen das Holz. Auf ihrer Haut bildet sich Gänsehaut. Sie zittert und friert. Der Assistent führt ihr den Trichter mit dem Tierblut zum Mund. Sie trinkt schwermütig und spukt es im selben Moment wieder aus. Das Blut rinnt von ihren Lippen zum Kinn, bis zu ihrem Bauchnabel. Die Zuschauer flüstern. Angezogene Augenbrauen und offene Münder schleichen sich in die Emotionen des Publikums. Der Assistent tränkt sie mit Schleim. Sie würgt und lässt es wieder über ihre Brust fließen.

„Ich will euch zum realen, sinnlichen Empfinden auffordern.“

Vorsichtig führen die Assistenten die Frau zum Kreuz. Sie legt sich auf das Kreuz und spreizt die Beine. Sie winkelt ihre Arme ab, als würde man sie kreuzigen. Erneut wird sie mit Blut begossen, dass nun bis zu ihren Füßen rinnt. „Mehr Blut, mehr Schleim, mehr Wasser!“, ruft Nitsch zu seinen Assistenten, die sofort handeln. Wie in einer Sekte, die das Opfer huldigen, nähern sich die Zuschauer in ihrer Ekstase dem Kunstobjekt. Ihre Köpfe wechseln ruckartig die Haltung, damit sie alles sehen können. Regungslos liegt sie auf dem Kreuz. Bedeckt mit Blut, Schleim und Wasser. Nitsch nickt und die Aktion ist vorbei. Als hätte man einen Schalter umgelegt, zerren die Assistenten die Frau vom Kreuz und schaffen sie ins Hinterzimmer. Kurz noch halten die Zuschauer inne, dann kehrt das Raunen und Drängeln in den steril wirkenden Raum zurück.

Titelbild: Roland Rudolph

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

6 Comments

  1. thescarecrow@sms.at'

    mussnichtsein

    7. Januar 2014 at 21:56

    Man möge mich einen Kunstbanausen nennen, aber das, was der Nitsch aufführt ist einfach nur ekelhaft. Wer will sowas sehen?

    • Sabrina Freundlich

      7. Januar 2014 at 22:06

      Offensichtlich doch einige Leute 😉

    • heidimaria.stangl@a1.net'

      Heidi

      6. Februar 2014 at 18:24

      Ich muss dir ganz recht geben. Ich finde diese abartigen „Events“ ehrlich auch zum „Sch…..“. Wenn soetwas „normale“ Menschen wie du
      und ich veranstalten würden, hätte man schon einen Platz in der Psychiatrischen für uns! Grauenhaft und abscheuchlich !!!!!

  2. hgn_v_tro@gmx.at'

    nuance

    22. Januar 2014 at 17:19

    die aktion an sich ist für mich nicht das problem. es ist eher das setting: dieser greis, der über allem thront und ein heer von assistenten befehligt. da spricht er davon, die aktion hautnah zu erleben, und er selbst macht nichts außer dazusitzen und kryptisch zu schwafeln. diese erscheinung, wie ihn die leute anhimmeln, ist das eigentlich ekelhafte.

    • heidimaria.stangl@a1.net'

      Heidi

      6. Februar 2014 at 18:26

      Bin ganz bei dir!

  3. jennifer.tillmann@hotmail.com'

    Doris

    8. Februar 2014 at 17:18

    Ich würde zwar nicht sagen, dass ich diese Form von Kunst liebe aber auf der anderen Seite find ich die Aktionskunst einfach unglaublich interessant! Klar stößt es viele ab aber ich finde man sollte nicht gleich immer alles verteufeln. Er will bewusst Gefühle in anderen hervorrufen und schockiert eben. Genau das will er. Also genzugenommen gebt ihr im die Bestätigung für seine Arbeit, indem man ihn als grausam, eklig etc. beschimpft 😉
    Wie gesagt: ich würde mir sofort eine Aktion von ihm anschauen, einfach weils mal was anderes ist!

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