Sportlehrer im Gefängnis: Keine Angst vor Verbrechern

Christoph arbeitet als Sportlehrer im Gefängnis

Foto: (c) Michaela Jokl

Foto: (c) Michaela Jokl

Christoph Gastgeb ist 25-jähriger Lehramtsstudent. Da in Österreich akuter Lehrermangel herrscht und er auch schon praktische Erfahrung sammeln will, unterrichtet Christoph seit einem Jahr, obwohl er sein Studium noch nicht beendet hat. Allerdings unterrichtet Christoph nicht in einer Schule, sondern im Gefängnis Mittersteig im fünften Wiener Gemeindebezirk. Er ist Teil eines Projekts des Justizministeriums, das in Wien in dieser Form einzigartig ist. Dem Projekt, das der 25-jährige Student leitet, kommt hierbei eine Art Vorreiterrolle zu und schon bald soll es auch in anderen Gefängnissen ähnliche gesundheitsfördernde Betreuung durch Lehrpersonal geben. mokant.at hat den jungen Mann zum Interview getroffen und mit ihm über die Angst vor Schwerverbrechern und Sport als Resozialisierungsmaßnahme gesprochen.

mokant.at: Wie kann man sich deine Arbeit als Sportlehrer im Gefängnis vorstellen?
Christoph: Ich betreibe eigentlich Gesundheitsförderung mit Insassen. Das ist meine Hauptaufgabe.

mokant.at: Habt ihr Geräte zur Verfügung?
Christoph: Wir haben Handgeräte, also Therabänder, Medizinbälle, Isomatten. Wir sollten noch einen Slingtrainer bekommen, ein therapeutisches Gerät, für das ich eine spezielle Ausbildung gemacht habe. Wir haben außerdem eine Slackline, die man doppelt verspannen kann, damit man sensomotorische Übungen macht, also Gleichgewichtsübungen.

mokant.at: Aber kein Krafttraining im herkömmlichen Sinn?
Christoph: Nein, Krafttraining ist an sich verboten. Durch das gebildete Testosteron könnte sich nämlich ein aggressives Verhalten gegenüber den Wärtern bilden. Natürlich macht man Kräftigungsübungen, allerdings gehen die eher ins Kraftausdauertraining hinein, zum Beispiel Liegestütze. Wir machen Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, ohne Hilfmittel, zum Beispiel Zirkeltraining, aber kein Hanteltraining. Früher gab es auch Geräte, das war vor meiner Zeit. Ich weiß aber, dass sie verboten wurden, weil sie teilweise auch selber geschweißt waren und daher nicht zugelassen wurden.

mokant.at: Wie bist du dazu gekommen, dass du im Gefängnis Mittersteig arbeitest?
Christoph: Durch eine Lehrveranstaltung auf der Schmelz. Eine Lehrveranstaltungsleiterin ist mit der Projektleiterin des  Projektes, das intern „Bewegung und Sport mit Insassen“ genannt wird, in engem Kontakt. Sie war auf der Suche nach Trainern, die sich das zutrauen und die auch moralisch keine Bedenken haben, teilweise mit Schwerverbrechern zu arbeiten. Es wurde in die Runde gefragt ob Interesse besteht. Neben mir war noch ein zweiter Interessent dabei, der allerdings schon sehr früh wieder ausgestiegen ist. Daher bin ich der einzige Sportlehrer für Mittersteig und die Außenstelle in Floridsdorf.

mokant.at: Du hast gerade angesprochen, dass du auch mit Schwerverbrechern arbeitest. Merkst du eine Art „kriminelle Energie“ in deinem Unterricht?
Christoph: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß zwar, was für Täter in meiner Gruppe sind, kann aber bis heute nicht zuordnen, wer was gemacht hat. Ich hatte auch noch nie Bedenken und möchte auch gar nicht wissen wer was gemacht hat.

mokant.at: Hattest du schon einmal Angst?
Christoph: In der Einheit, also während ich mit meiner Gruppe Sport mache, überhaupt nicht. Kurz bevor alles los ging, habe ich kurz darüber nachgedacht, wie das sein wird, wenn ich vor die Gruppe trete und wie sie mich annehmen werden. Aber alle Bedenken waren vollkommen unnötig.

mokant.at: Wie viele Leute sind in deiner Gruppe?
Christoph: Ursprünglich wurden alle getestet, das waren insgesamt 70 Personen. Von diesen 70 Personen wollten dann nur 58 überhaupt an diesem Sportprogramm mitmachen und jetzt sind wir dezimiert auf zwei Gruppen: eine in der Außenstelle und eine am Mittersteig. Durchschnittlich sind es fünf bis sechs Personen pro Gruppe.

mokant.at: Hast du Unterstützung von einem Wärter oder bist du auf dich alleine gestellt?
Christoph: Ich bin alleine drinnen, werde aber über eine Videokamera überwacht. Es gibt einen Notfallknopf an der Tür, den ich betätigen könnte, wenn etwas sein sollte. Aber es war bisher nichts und wird auch nichts sein. Man baut einfach Vertrauen zu der Gruppe auf. Einmal hat mir ein Teilnehmer gesagt, dass er heute schlecht drauf ist und nicht motiviert ist und eigentlich nur meinetwegen an der Sportgruppe teilnimmt. Weiters wurden alle aus meiner Gruppe vorher sowohl körperlich als auch mental durchgecheckt, um zugelassen zu werden.

mokant.at: Wie lange machst du das schon?
Christoph: Letzten April hab ich begonnen, also ein knappes Jahr. Es gab eine lange Vorlaufzeit, weil es vom Ministerium ausgeht und deswegen hat es sich ein bisschen in die Länge gezogen.

mokant.at: Musstest du auch so etwas wie einen Eignungstest machen?
Christoph: Nein, ich hab eine sportliche Ausbildung, weil ich Sport studiere, daher habe ich eine Berechtigung. Ich bin auch Sportlehrwart und habe eine weitere Ausbildung angefangen: den Trainergrundkurs, aber für die Arbeit mit Häftlingen musste ich keine Zusatzausbildung machen.

mokant.at: Wie lange möchtest du das noch machen?
Christoph: Studienbegleitend auf jeden Fall bis ich mit der Ausbildung fertig bin und danach muss ich schauen, wie es sich ausgeht. Aber ich kann mir auf jeden Fall vorstellen auch noch neben dem Unterrichten in einer Schule weiterhin im Gefängnis zu arbeiten. Das wäre dann wenigstens ein Ausgleich zum Kinderturnen, das ich nebenbei auch noch betreue. (lacht)

mokant.at: Wie geht es den Gefangenen, wenn du mit ihnen arbeitest?
Christoph: Die Insassen sind ewig dankbar, dass man sie beschäftigt. Und das gefällt mir auch daran, dass das so angenommen wird und dass sie es auch gerne machen. Man muss immer bedenken, dass sie ja eingesperrt sind und nur wenige Möglichkeiten haben. Daher kommen sie gerne in die Gruppe und sind auch immer mit Herzblut dabei.

mokant.at: Also nehmen sie deine Arbeit gut an?
Christoph: Ja, also die, die jetzt in meiner Gruppe sind, auf jeden Fall. Am Anfang waren wir mehr, ein paar haben aufgehört, weil sie sich ein Krafttraining mit Hanteln erwartet haben. Und für sie war das, was ich mit ihnen mache, eher Gymnastik. Aber man kommt ziemlich ins Schwitzen in der Einheit und die Resonanz ist wirklich gut.

mokant.at: Hast du generell den Eindruck, dass zu wenig Sportmöglichkeiten im Gefängnis angeboten werden?
Christoph: Für Normalsterbliche auf jeden Fall. Wir haben einmal die Woche eineinhalb Stunden bis maximal zwei Stunden Training und danach sind sie auf sich alleine gestellt. Daher versuche ich auch, ihnen gleich ein bisschen anzugewöhnen, dass sie auch alleine etwas machen. Sie haben schon die Möglichkeit in der Freizeit selbstständig etwas zu tun, sei es im Hof spazieren gehen oder in ihrer Zelle Gymnastik machen. Aber ich versteh, dass die Motivation dann nicht so gegeben ist, als wenn ich zweimal die Woche kommen würde. Natürlich gibt es organisierte Freizeitangebote, zum Beispiel gibt es von einem Trainer geleitete Tischtenniskurse oder auch Computerkurse, aber rein sportlich wäre es sinnvoller, wenn ich ein zweites Mal kommen würde. Es gibt sogar einen Raum, der jetzt eingerichtet wird. Da dürften sie dann auch mit ein paar Handgeräten arbeiten und trainieren, nachdem sie eine Einschulung bekommen haben.

mokant.at: Trägt Sport deiner Meinung nach zur Resozialisierung bei?
Christoph: Ja, ich glaub schon. Immerhin handelt es sich um einen Gruppenbetrieb. Offensichtliche Egoisten hab ich nicht dabei. Im Gegenteil, sie sind eher unterstützend. Ich mache auch gezielte Partnerübungen wo es auch darauf ankommt, dass man dem anderen vertraut, beziehungsweise ihm vertrauen muss und kann. Und ich habe schon das Gefühl, dass das dieses Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe stärkt.

mokant.at: Wie kann man sich denn als Laie ein Gefängnis vorstellen?
Christoph: Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man in ein Gefängnis hineingeht. Vielleicht ist das jetzt ein blöder Vergleich, aber mich erinnert es immer an eine Bundesheerkaserne. Nach der Grundausbildung, wo man nur in der Kaserne ist und auch ständig diese kahlen Wände in den großen Räumen sieht. Das wirkt einfach kalt und nicht wirklich einladend. Genau so ist es im Gefängnis auch. Ich bin auch ganz ehrlich gesagt immer wieder froh, wenn ich bei der Tür herausgehe.

mokant.at: Aber du machst es trotzdem gerne?
Christoph: Ja, auf jeden Fall.

mokant.at: Kannst du auf Erfolgsgeschichten zurückblicken? Hat zum Beispiel schon jemand durch den Erfolg im Sport auf die rechte Bahn zurückgefunden?
Christoph: Ob sie auf die rechte Bahn zurück finden, kann ich nicht sagen. Dazu bekomme ich kein Feedback. Aber Ziel des Ganzen ist, dass man die Häftlinge von Medikamenten wegbringt und vorbeugend Bandscheibenvorfällen und Ähnlichem entgegen wirkt. Die Insassen sagen immer wieder, dass es ihnen besser geht und sie zum Beispiel weniger Kreuzschmerzen haben.

mokant.at: Kann die Haftdauer verkürzt werden, wenn sich die Insassen in der Sportgruppe gut einbringen?
Christoph: Es gibt Therapiegruppen, zu denen die Sportgruppe auch zählt. Wenn sie diese absolvieren, wird das wahrscheinlich berücksichtigt. Ganz genauen Einblick, inwiefern sich das auf die Haftzeit auswirkt, habe ich nicht. Allerdings waren zwei bei mir in der Gruppe, die eine Lockerung bekommen haben, das heißt sie wurden in betreutes Wohnen nach außen verlegt.

 

Titelbild: mokant.at > Foto: (c) Michaela Jokl

Lisa Radda ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: lisa.radda[at]mokant.at

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