Protest-Camp: Auf einer Karte

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Die Zukunft der Asylbewerber im Wiener Protest-Camp bleibt ungewiss

Foto: (c) Michel Mehle

Foto: (c) Michel Mehle

Adalat Khan steht draußen vor einem der großen Flüchtlingszelte im Wiener Sigmund-Freud Park und schüttelt schwere Wolldecken aus. Sie sollen ihn und die Flüchtlinge nachts vor den kalten Temperaturen schützen. Kleine Atemwölkchen bilden sich vor seinem Gesicht. Unweit von ihm beginnen andere pakistanische Männer ein Feuer zu machen und das Abendessen aufzutragen. „Das Zeltlager ist jetzt unser Zuhause“, sagt Adalat und wirft einen ernsten Blick über das Camp. Dann geht er zurück ins Zelt, holt Mütze und Schal und stellt sich zu den anderen Pakistanis, die auf das Abendessen warten.

Ihr Recht auf Grundversorgung haben sie verloren
Schon längst haben er und die anderen die 48 Stunden Frist verpasst, innerhalb der sie sich im Flüchtlingslager Traiskirchen hätten zurückmelden müssen. Damit sind sie auf sich allein gestellt, denn ihr Anspruch auf einen Wohnplatz und Grundversorgung in Traiskirchen ist mit dem Verstreichen dieser Frist verloren gegangen. Wirklich beunruhigen tut Adalat das allerdings nicht: „Ich bin von Pakistan bis nach Wien gekommen. Ich habe Schlimmeres erlebt als das.“

Vor zwei Jahren musste Adalat Pakistan verlassen. Er floh, weil ihm die Taliban, als Angehörigem einer religiösen Minderheit, das Leben zur Hölle gemacht hatten. Die Abgaben in seinem Dorf seien so hoch gewesen, dass ihm und seinen Nachbarn kaum genug zu essen geblieben sei. Seine Kinder durften nicht in die Schule gehen und wer schlecht über das Regime sprach, dem drohte die Todesstrafe. Während Adalat auf seiner Flucht in Griechenland war, erfuhr er, dass sein Cousin von den Taliban erschossen wurde. In Europa wollte Adalat ein besseres Leben für sie alle aufbauen. Stattdessen sitzt er jetzt hier.

Ein „Nein“ der Behörden würde ihn schon freuen
Er habe Angst um seine Familie, sagt er. Alle zwei Monate ruft er bei ihnen an, doch das Geld für Telefongespräche reicht oft nur für ein paar Floskeln. Ein „Nein“ der Behörden würde ihn mittlerweile freuen, denn dann könnte er in ein anderes Land der Europäischen Union gehen und dort sein Glück versuchen. Doch bis eine Entscheidung gefällt wird, vergehen oftmals vier oder fünf Jahre. Bis dahin seien die meisten Asylbewerber an Traiskirchen gebunden. Da sie nicht arbeiten dürfen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf den Bescheid der Behörden zu warten. „Es macht dich kaputt“, sagt Adalat.

Deswegen vertraut Adalat auf die österreichischen „Supporter“. Die Supporter sind eine zusammengewürfelte Gruppe von Österreicherinnen und Österreichern, die sich gemeinsam für ein schnelleres Asylverfahren stark machen. Sie kümmern sich weitgehend um die Organisation des Camps und stellen den Männern von Zelten über Küchengeräten und Kontakten alles zur Verfügung, was die für ihren Protest brauchen könnten. Inwieweit die Supporter den Protest nur unterstüzen oder aber selbst organisieren, ist nicht ganz klar. Ein Interview von sich wollen sie nicht in der Zeitung sehen, auch kein Foto. Adalat vertraut ihnen aber genug, um seinen Wohnplatz in Traiskirchen für sie aufzugeben. Er sieht wohl auch keine andere Möglichkeit, weil sich die Asylbewerber nicht gut genug in Österreich auskennen, um selbst einen Protest in diesem Ausmaß zu organisieren.

Warten auf die Zukunft
Eine offizielles „Bleiberecht“ hat ihr Zeltlager seit Samstag nicht mehr. Aber die Supporter seien in Kontakt mit der Stadt Wien, sagt Adalat. „Vielleicht erfahren wir bei der nächsten Besprechung mehr.“ Dann setzt er sich zu drei anderen Pakistani unter eine niedrige Zeltplane. Sie essen Eintopf aus Blechschüsseln, draußen rauschen die Autos vorbei. Sie reden nicht viel, sondern warten. Warten auf die nächste Besprechung, auf die Zukunft des Zeltlagers und auf ihre eigene.


Titelbild: (c) Michel Mehle

Michel Mehle ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: michel.mehle[at]mokant.at

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