Postwachstum: Wenn die Grenzen erreicht sind (2)

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Das weltweite Wirtschaften gerate an Wachstumsgrenzen, die selbst technische Fortschritte nicht erweitern können, sagt der deutsche Ökonom Niko Paech. Teil zwei

mokant.at: Im November 2016 fand in Marokko die UN-Klimakonferenz statt. Die Vereinten Nationen halten weiter an dem Zwei-Grad-Klimaschutzziel fest. Ist das realistisch?
Niko Paech: Es wäre realistisch, wenn wir mit dem Wirtschaftswachstum brechen und versuchen würden, genügsame Lebensstile und de-industrialisierte Versorgungsmuster einzuführen. Wir müssten ökologischen Verbräuchen eine radikale Obergrenze setzen.

mokant.at: Was bedeutet das für die Arbeitswelt?
Niko Paech: Wir müssten die Konsumgüterproduktion reduzieren. Dies müsste von einer Arbeitszeitverkürzung- und Flexibilisierung flankiert sein. Etwa so, dass Menschen in der Woche nicht mehr vierzig, sondern im Durchschnitt nur noch zwanzig Stunden arbeiten. Damit peilen wir ein duales System der Versorgung an.

mokant.at: Was verstehen sie unter einem dualen Versorgungssystem?
Niko Paech: Neben den zwanzig Arbeitsstunden in der konventionellen Wirtschaft, für die man als Gegenwert noch Geld verdienen würde, wären zwanzig Stunden freigestellt, die Formen der entmonetarisierten urbanen Selbstversorgung möglich machen. Ich kann Industrieproduktion reduzieren, indem ich Gebrauchsgegenstände wie Autos oder Werkzeuge gemeinschaftlich nutze und selbst instand halte oder Güter wie etwa Nahrungsmittel selbst erzeuge. So lebt man nicht nur ökologisch, sondern ist unabhängig von einer wachstumsbasierten Wirtschaft.

mokant.at: Um Lebensstile ökologischer zu gestalten, müssten wir unser Konsumverhalten radikal umstellen. Um ein Extrembeispiel zu nennen: Wie überzeugen sie jene Menschen, die vor Geschäften campieren, um das neueste iPhone als erster kaufen zu können?
Niko Paech: Wissen sie, ich will niemanden überzeugen. Digitalisierungsjunkies kann ich nicht von heute auf morgen umstimmen. Als überzeugter Demokrat habe ich auch gar nicht die Handhabe, diese Menschen zu irgendetwas zu zwingen.  Ich will nur darauf hinweisen, dass es Alternativen gibt und jene Personen vernetzen, die jetzt schon eine genügsamere Lebensform umsetzen.

mokant.at: Was wird am Ende aus den Digitalisierungsjunkies?
Niko Paech: Der Wandel in Richtung Postwachstumsökonomie ist keine Frage der Überzeugung. Angesichts der auf uns zukommenden Krisen werden wir keine andere Wahl haben, als mit Arbeitszeit, Geld, Konsum und Mobilität anders umzugehen. Was wir tun können, ist, so viele Menschen wie möglich davon zu überzeugen, schon jetzt, also vorsorglich einen Blueprint zukunftsfähiger Lebensstile einzuüben. Wenn unsere Ökonomie nicht mehr fortsetzbar ist, kann auf das Erfahrungswissen dieser Menschen zurückgegriffen werden.

mokant.at: Welche neuen, auf Subsistenz basierenden Geschäftsmodelle können sie sich vorstellen?
Niko Paech: Subsistenz ist genau das Gegenteil eines Geschäftsmodells. Subsistenz bedeutet, kein Unternehmen zu brauchen, sondern selbst zu produzieren. Wer dies praktiziert, wandelt sich vom Konsumenten zum Prosumenten. Trotzdem können Unternehmen Subsistenz unterstützen:

Güter müssen erstens so produziert werden, dass Konsumenten in der Lage sind, sie zu erweitern, instand zu halten, gemeinschaftlich zu nutzen und so, dass sie nicht schnell verschleißen.

Zweitens werden Unternehmen der Zukunft den Konsumenten dabei helfen, Reparaturen und Instandhaltung selbst zu verrichten, indem sie Konsumenten das Wissen und die Werkzeuge zur Verfügung stellen. Angenommen ich kaufe in Linz 2050 ein Notebook, dann wird mir der Verkäufer sagen: „Nächstes Wochenende findet ein Prosumenten-Workshop statt, dessen Teilnahmen im Preis des Notebooks inbegriffen ist. Dort lernen Sie, wie sie mit wenigen Handgriffen technische Komponenten austauschen können. Das Gerät ist so modular aufgebaut, dass Sie mit der Reparatur nicht überfordert sind. Außerdem garantieren wir, dass in den nächsten zwanzig Jahren alle benötigten Ersatzteile für dieses Gerät verfügbar sind.“ So verbinden sich die Möglichkeiten der urbanen Subsistenz mit kreativen Unternehmertum.

mokant.at: Ist das für Unternehmen überhaupt rentabel?
Niko Paech: Es ist trivial, dass die Kosten gedeckt werden müssen. Unternehmen können die Kundenbindung steigern, wenn sie längere Garantien gewähren und Produkte mit längerer Nutzungsdauer und höherer Reparabilität herstellen. Sie müssen Angebote unterbreiten, die die Gesellschaft verändern und Menschen in die Lage versetzten, nicht in der Rolle des Konsumenten zu verharren.

Es gibt zum Beispiel eine Firma in der Schweiz, die sich darauf spezialisiert hat, Apple Produkte zu reparieren und auch wieder gebraucht zu verkaufen. Das ist ein Stachel im Fleisch der Industrieproduktion. Und diejenigen, die diese Produkte kaufen, fallen nicht in die Steinzeit zurück. Sie nutzen moderne Geräte.

mokant.at: Zum Abschluss – Gibt es ein Gebrauchsgegenstand auf den sie gerne verzichten würden, aber es aus bestimmten Gründen nicht können?
Niko Paech: Ja, der Computer. Als Wissenschaftler bin ich darauf angewiesen, dieses Gerät zu nutzen. Dafür habe ich kein Auto, keine Digitalkamera, kein Mobiltelefon und fliege niemals.

 

   Über Wachstumsgrenzen und den Zusammenhang von Wohlstand und Ökologie

Blase_rotDieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts Work in Progress. Weitere Texte dazu findest du hier.

 

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1 Comment

  1. Selbstversorger

    16. Januar 2017 at 17:21

    Selbstversorgung ist etwas, das der ‚Yuppie‘ mit der Kreditkarte nicht braucht, wenn er abends jederzeit (teuer- aber was soll’s) an der ‚Tanke‘ einkaufen kann. Wenn jedoch die bisherigen Versorgungssysteme plötzlich wegbrechen, siehe Griechenland, siehe Indien mit dem Bargeldeinzug durch Modi, dann stehen Länder wie Deutschland besonders dumm da. Selbstversorgung muss daher vorher gelernt sein http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=417377 – die Deutschen oder Österreicher machen sich keinen Begriff davon, dass in Griechenland wie Indien die meisten noch Verwandtschaft mit Land und Garten haben und ggf. Wald mit Brennholz – in Deutschland eben nicht. Selbst die Schweizer haben dank obligatorischem Militärdienst und Förderung der Almwirtschaft noch etwas mehr Sachverstand. Auch in Russland nach Wegbrechen der sowjetischen Versorgungssysteme hatte fast jeder eine Datscha, die zudem schon zu Sowjetzeiten laufend bewirtschaftet wurde – in Deutschland sterben dagegen selbst die Schrebergärtner weg.

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