Reportagereihe: Die Fremden in meinem Haus

(c) Amina Maria Aidi

Christine hatte ganz konkrete Vorstellungen, als sie sich entschlossen hat, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen: weiblich, fortgeschrittenes Alter, selbstständig. Dann zog die 18-jährige Fatemeh bei ihr ein.

Blase_rot-150x150Unsere Reportagereihe „Die Fremden in meinem Haus“erzählt von Österreicherinnen und Österreichern, die einen Flüchtling bei sich Zuhause aufgenommen haben. Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Wie war es für sie jemanden „Fremden“ bei sich aufzunehmen? Und ist er oder sie ihnen fremd geblieben? mokant.at hat sie besucht und sich ihre Geschichten angehört. Das sind sie.

Christine stellt eine weiße Porzellankanne mit Grüntee und Zitronenscheiben auf den Tisch und setzt sich. Es ist angenehm warm und heimelig in der kleinen Küche, während draußen ein eisiger Novemberwind sein Unwesen treibt. Behutsam nimmt sie einen kleinen Kater vom Boden hoch und setzt ihn auf ihren Schoß. „Das ist Fipsi. Als Fatemeh das erste Mal da war, war er noch sehr klein. Höchstens drei Wochen alt“, meint die pensionierte Ärztin und streichelt dem Kater zärtlich über den kleinen Kopf. Fatemeh sitzt neben ihr. Die 18-Jährige, die vor zwei Jahren aus dem Iran geflüchtet ist, wohnt erst seit wenigen Monaten bei Christine. Mit langsamen Bewegungen krault Fatemeh Momo, Kater Nummer Zwei, der sich genüsslich auf dem Tisch räkelt, hinterm Ohr. Ihre lila lackierten Fingernägel blitzen immer wieder durch das dichte, braungraue Fell. Fatemeh, Christine und die fünf Hauskatzen bilden eine Art Wohngemeinschaft, die es in Österreich nicht oft gibt. Aber wie kam es dazu?

Nachdem Christines Tochter bei ihr ausgezogen war, stand in der kleinen Wohnung im neunten Wiener Gemeindebezirk ein Zimmer leer. Obwohl die gebürtige Oberösterreicherin den Großteil der Woche in ihrem Haus in Ungarn verbringt, kommt ein Auszug für sie nicht in Frage. „Ich wohne schon seit meiner Studienzeit hier. Dieser Ort ist Heimat für mich.“ Als sie anfing zu studieren, ist sie oft mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs gewesen. „Zu der Zeit war das eine echte Attraktion! Niemand fuhr damals mit dem Fahrrad durch die Gegend“, erinnert sich Christine. „Einmal bin ich an einem Mann vorbeigefahren, der mich mit großen Augen angeschaut hat und mir nachrief ‚Heast, du gehörst ja ins Museum!‘“, erzählt sie und lacht dabei. „Das habe ich nie mehr vergessen.“
Christines Neugier auf neue Bekanntschaften und der Wunsch ihr Zuhause nicht aufgeben zu müssen, brachten die pensionierte Ärztin aus dem psychosozialen Dienst schließlich auf die Idee eine Mitbewohnerin zu suchen. Aus beruflichen Gründen steht Christine bereits seit Jahren in engem Kontakt mit dem Integrationshaus und bringt dort afghanischen Familien Deutsch bei. Durch diese Verbindung stieß sie auf die Online-Plattform „Flüchtlinge Willkommen“, die geflüchtete Menschen an Wohngemeinschaften vermittelt. „Ursprünglich wollte ich, dass eine ältere Frau bei mir einzieht. Da ich nur drei Tage die Woche in Wien bin, sollte jemand hier sein, der selbstständig für sich sorgen und kochen kann“, so Christine. Auf eine ältere Frau traf sie nicht – dafür aber auf Fatemeh. Das erste gemeinsame Treffen fiel kurz aus. Nur eine Stunde hatten die beiden Zeit, sich etwas besser kennen zu lernen. Kurz darauf ist Fatemeh Christine in der Wohnung besuchen gekommen – und geblieben.

Momos Schnurren ertönt sachte und gleichmäßig. Genüsslich drückt er seinen Kopf an Fatemehs Hand, die ihn mit sanften Bewegungen krault. Die hübsche Iranerin lächelt und streicht sich eine Haarlocke aus dem Gesicht. „Eine meiner größten Sorgen war, dass jemand die vielen Katzen nicht aushält. Aber Fatemeh liebt die Katzen! Das konnte ich wirklich kaum glauben“, lacht Christine und schüttelt den Kopf, sodass ihre Kreolen klimpern. Fipsi befreit sich aus dem Griff der blonden Ärztin und läuft langsam auf Kater Momo zu. Er senkt den Kopf und drückt sein kleines Gesicht vorsichtig in den Bauch des Katers. „Da wirst du keine Milch finden“, meint Christine mit einem Schmunzeln. Momo faucht und schlägt mit ausgefahrenen Krallen nach dem kleinen Kater. Sichtlich erschrocken springt Fipsi vom Tisch und geht, hoch erhobenen Schwänzchens, beleidigt aus dem Raum. Fatemeh und Christine lachen. „Irgendwann sitzen die armen Dinger im Winter auf der Terrasse und schnurren und haben Hunger“, sagt Christine. Fast alle ihrer fünf Katzen sind ihr auf diese Art und Weise zugelaufen. Die meisten stammen aus Ungarn oder aus Rumänien.

 Vom Lager in die Privatwohnung

Titelbild: (c) Amina Maria Aidi


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