Reportagereihe: Die Fremden in meinem Haus

(c) Anja Maria Dax

Es riecht nach Kaffee, Kardamon und orientalischem Essen. Wir befinden uns in einer Reihenhaussiedlung an der Stadtgrenze von Wien – hier lebt die achtköpfige syrische Familie Mahmoud

Blase_rot-150x150Unsere Reportagereihe „Die Fremden in meinem Haus“ erzählt von Österreicherinnen und Österreichern, die einen Flüchtling bei sich Zuhause aufgenommen haben. Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Wie war es für sie jemanden „Fremden“ bei sich aufzunehmen? Und ist er oder sie ihnen fremd geblieben? mokant.at hat sie besucht und sich ihre Geschichten angehört. Das sind sie.

Betritt man das Reihenhaus, trifft man zuerst auf die junge Mutter Rahaf. Sie bereitet gerade exotisch anmutende Speisen zu, dafür verwendet sie Weinblätter aus dem benachbarten Garten. Gäste bekommen sofort einen syrischen Kaffee angeboten – ein wahres Geschmackserlebnis, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig für den Wiener Kaffeegaumen. „Wir lieben Fußball“, erzählt Rahaf, mit Blick auf den Fernseher, wo gerade ein Länderspiel übertragen wird. Ihre vier Kinder spielen derweil im Garten, ihr Mann Marwan und sein Bruder sind gerade mit ausgeborgten Fahrrädern unterwegs.

Ursprünglich stammt die Familie Mahmoud aus Damaskus, im Zuge des Krieges flüchteten sie über die mittlerweile geschlossene Balkanroute. Ihr Ziel war Deutschland, da ihnen jedoch in Budapest ihr letztes Geld gestohlen wurde, schafften sie es nur bis nach Wien, wo sie in einer Notunterkunft in einem Tennisclub lebten, bevor sie hierher kamen.

(c) Anja Maria Dax

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Private Unterkünfte statt Massenquartiere
Funktioniert hat das durch den Verein „Flüchtlinge Willkommen in Österreich“, der private Unterkünfte für Flüchtlinge vermittelt. Möchte man die „Unterkunftgeber“ der Familie kennenlernen, muss man nur ein paar Schritte weiter ins benachbarte Reihenhaus. Dort trifft man auf Andrea, eine Psychiaterin mit eigener Praxis und ihren Mann Thomas, einen selbständigen Versicherungsmakler. Die beiden stellen der Familie ihr kurz zuvor erworbenes Haus zur Verfügung, ohne dafür Miete zu verlangen.

Wie kommt ein österreichisches Ehepaar auf die Idee, eine achtköpfige syrische Familie aufzunehmen? Eigentlich sei der Gedanke recht spontan entstanden, berichten die beiden. „Wir waren auf Urlaub in Tirol in der Zeit als die Flüchtlingswelle – zumindest in den Medien – ihren Höhepunkt erreicht hatte“, erzählt Andrea. In diesem Moment wurde die Idee geboren: „Wir wollen Menschen helfen, denen es gerade nicht so gut geht wie uns selbst.“

Ursprünglich angedacht war eine vierköpfige Familie, gekommen ist es anders. Nach dem ersten Kennenlernen entschieden sich die beiden für Familie Mahmoud, da diese sehr dringend eine Unterkunft benötigte und man sich auch sofort gut verstanden hat. Andrea und Thomas haben ihren ursprünglichen Plan, nur einen Teil des Hauses zu vermieten, verworfen und stellen nun das ganze Haus der Familie zur Verfügung. Beim Einzug im März 2016 war die Familie zu sechst: Vater Marwan (38) und Mutter Rahaf (32) mit ihren 4 Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Dabei sollte es nicht bleiben.

Der positive Asylbescheid: „Sie haben sich nicht gefreut!“
Seit Mai hat die Familie nun Asylstatus, bis der Bescheid rechtskräftig wurde, dauerte es aber bis August. Bis dahin erhielt die ganze Familie 960 € Grundversorgung. Aus diesem Grund stellten Andrea und Thomas das Haus anfangs „gratis“ zur Verfügung. Seit August erhält die Familie Mindestsicherung, die 2100 € beträgt, erklärt Andrea. Seitdem tragen sie auch die Betriebskosten für das Haus.

Die Freude über den positiven Asylbescheid war bei Andrea und Thomas größer als bei der Familie. „Wir sind fast ausgeflippt vor Freude und haben versucht, ihnen das zu vermitteln, aber die haben sich nicht gefreut.“ Nächtelang versuchten die beiden herauszufinden, warum die Reaktionen so verhalten waren. Schließlich stellte sich heraus, dass die Familie die Schulden für die Flucht an ihre Freunde und Verwandten zurückzahlen muss. Es sei eine riesige Sünde, wenn man Schuld nicht zurückzahlt und nicht mit der Religion vereinbar, schildert Andrea die Erzählung der Familie. Viel mehr Geld bleibt der Familie unter dem Strich somit auch jetzt nicht.

Titelbild: (c) Anja Maria Dax
Tradition und Moderne

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