Reportagereihe: Die Fremden in meinem Haus (2)

(c) Anja Maria Dax

Es riecht nach Kaffee, Kardamon und orientalischem Essen. Wir befinden uns in einer Reihenhaussiedlung an der Stadtgrenze von Wien – hier lebt die achtköpfige syrische Familie Mahmoud

Neue Verantwortung und Herausforderung
Im Sommer kamen noch Mohamad, der Bruder von Marwan und seine Frau Alaa hinzu, wodurch die Familie nun zu acht ist. Rahaf ist zudem nun erneut schwanger und erwartet im April 2017 ein fünftes Kind. Es stehen also weitere Herausforderungen bevor. Für Außenstehende stellt sich nun die Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben mit einer achtköpfigen syrischen Familie?

Glaubt man dem ersten Eindruck, wirkt alles sehr harmonisch. Während Andrea und ich gemeinsam im Garten sitzen, kommt die älteste Tochter Hadeel zu uns. Sie möchte etwas unternehmen, ist aber auch neugierig, wer da gerade zu Besuch ist. Wir unterhalten uns so gut es geht auf Deutsch. Hadeel bewundert meine Haare und bittet mich ihr einen schönen Zopf zu flechten. Ja, das Zusammenleben verlaufe durchaus friedlich, wenn auch nicht immer völlig konfliktfrei, erzählt Andrea. Das Paar hat keine eigenen Kinder, die Kinder der Familie Mahmoud, vor allem die Töchter, stehen ihnen nun aber sehr nahe. Andrea und Thomas verbringen viel Zeit mit ihnen, was eine neue und ungewohnte Situation ist. Teilweise nimmt die gemeinsame Zeit einen so großen Platz ein, dass es zu Spannungen kommt. Sich abzugrenzen erscheint schwierig, aber notwendig. Der erste Schritt dahin ist auch schon getan: Ein STOP-Schild signalisiert, dass es gerade wirklich nicht geht und daran halten sich die Kinder auch.

Trotzdem ist die derzeitige Situation sehr zeitaufwendig, weshalb immer wieder Hilfe benötigt wird. Unterstützung bekamen Andrea und Thomas von Familie, Freunden und auch Arbeitskollegen. So wurde zum Beispiel bei der Suche nach einer neuen Schule geholfen, eine Waschmaschine organisiert, soziale Kontakte hergestellt, Geld für weitere Möbel gesammelt oder per Facebook jemand gefunden, der für die Kinder im Sommer gratis Plätze in einem Schwimmkurs organisiert hat. Weitere Menschen, die die Familie unterstützen wollen, haben sich angekündigt, wofür sich Andrea und Thomas auch stark einsetzten.

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(c) Anja Maria Dax | (v.l.) Hadeel, Nour, Tala & Andrea

Kulturelle Differenzen und sprachliche Barrieren
Kulturelle Gegensätze und Konflikte habe es bis jetzt „erstaunlich wenig“ gegeben, erzählen die beiden. Familie Mahmoud ist gläubig – Ramadam wird streng eingehalten. Traditionelle Denkweisen und Rollenverteilungen scheinen sehr wichtig zu sein. Auch unterschiedliche religiöse Ansichten treffen manchmal aufeinander. So sorgten die Ansichten über eine angemessene Badekleidung für die älteste Tochter Hadeel für einen Ausflug zu einem nahe gelegenen Badesee für Diskussionsstoff. Schlussendlich konnte jedoch eine Kompromisslösung gefunden werden, was Andrea als „Integrationsleistung“ bezeichnet.

Bei der 32-jährigen Rahaf könnte man den Eindruck gewinnen, hier trifft Tradition auf Moderne: Sie trägt Kopftuch, ansonsten ist sie eher modern gekleidet, vor allem zuhause. Unter ihrem Kopftuch, das sie zuhause nicht so streng trägt wie in der Öffentlichkeit, sieht man eine blond gefärbte Haarpartie. Generell sieht sich Rahaf eher in der Rolle der Hausfrau und Mutter. „Für Rahaf ist es immer noch nicht verständlich, dass ich als Frau arbeite. Und noch dazu ziemlich viel arbeite,“ erzählt Andrea. Im Gegensatz zu Rahaf wirkt Andrea sehr emanzipiert. Sie strahlt eine große Lebensfreude und jugendlichen Elan aus. Rahaf ist hingegen eher ruhig. Andrea erzählt, dass Rahaf sehr oft Heimweh habe. „Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde sie wahrscheinlich sofort wieder zurück“, vermutet sie.

Was den Umgang mit Frauen betrifft, wirken Marwan und Mohamad sehr aufgeschlossen und freundlich. Frauen die Hand zu geben scheint für sie mittlerweile üblich zu sein. Thomas relativiert das Ganze insofern, als er das Verhalten zum Teil als „gekünstelt“ beschreibt. Man merke, dass es „nicht Teil ihrer Kultur“ sei, schildert Thomas. Außerdem werde immer der Mann zuerst begrüßt, fügt er hinzu. „Bei wichtigen Fragen ist meistens Thomas der Ansprechpartner“, ergänzt Andrea.

Die Verständigung funktioniert allgemein ganz gut – manchmal auf Deutsch, manchmal auf Englisch, hin und wieder auch nonverbal. Vor allem bei den Kindern hat man den Eindruck, dass sie schon sehr gut integriert sind. Auch in der Schule haben sie bereits Freundschaften geknüpft. „Ihr Deutsch wird wöchentlich besser“, meint Thomas. Auch in die andere Richtung gibt es Bemühungen: Andrea versucht jeden Tag zumindest ein Vokabel Arabisch zu lernen.

Als „losgelöst von Uhrzeit und Kalender“ beschreibt Thomas einen weiteren zentralen Unterschied. Sich eine fixe Uhrzeit auszumachen sei schwierig, denn Pünktlichkeit dürfte in Syrien wohl nicht denselben Stellenwert haben wie bei uns. Im beruflichen Alltag könnte dies freilich ein Problem werden, auch wenn es mittlerweile schon deutliche Verbesserungen gab. Andrea hebt zudem auch zahlreiche positive Aspekte hervor, wobei sie vor allem die Essenskultur anspricht. So seien sie schon oft eingeladen worden oder die Kinder würden regelmäßig mit Kostproben zu ihnen kommen. Gastfreundschaft wird also generell groß geschrieben.

Generell verbringen Andrea und Thomas sehr viel Zeit mit der Familie und unterstützen sie bei verschiedensten Anliegen und Behördenwegen. Diese Wohnsituation geht also über ein reines Mietverhältnis hinaus. Es ist unschwer zu erkennen, dass Andrea und Thomas unglaublich viel Zeit ihres Privatlebens für die Angelegenheit rund um die Familie investieren, obwohl das Paar nicht nur beruflich sehr eingedeckt ist. So sind die beiden auch privat viel unterwegs und zählen ausgedehnte Reisen zu ihren Hobbies. Gemeinsam haben sie schon große Teile der Welt gesehen – darunter fallen auch nicht alltägliche Reiseziele wie die Antarktis. Außerdem sind beide passionierte Marathonläufer, wobei Andrea derzeit etwas „gemütlicher“ unterwegs ist, während ihr Mann Thomas erst vor kurzem extra für ein Wochenende nach Chicago flog, um dort an einem Marathon teilzunehmen.

Ein Blick in die Zukunft
Im Großen und Ganzen trifft man hier auf eine wirklich spannende Wohnsituation, die auch nicht immer frei von Konflikten ist. Vor allem für die Zukunft hofft man sehr auf Unterstützung, denn es haben sich wieder neue Herausforderungen ergeben: Das ursprünglich auf unbegrenzte Zeit angedachte Mietverhältnis wird voraussichtlich im Juli 2017 enden. Dieser Vereinbarung haben Andrea und Thomas im Einvernehmen mit der Familie getroffen, da aufgrund eines unerwarteten Todesfalls in der Familie der Wohnraum dringend benötigt wird. Aus diesem Grund ist Andrea nun gemeinsam mit der Familie auf der Suche nach leistbaren Wohnraum – eine große Herausforderung, die es in den nächsten Monaten zu meistern gilt.

Der Asylbescheid

Titelbild: (c) Anja Maria Dax

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