Tauschkreise: Eine Alternative zum Euro?

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In Tauschkreisen wird genommen und gegeben – ohne Bargeld, dafür jedoch mit einer virtuellen Zeitwährung. Das Ziel? Selbstbestimmtes Handeln und unabhängiges Konsumieren. mokant.at war zu Besuch bei einem Wiener Tauschkreis.

Kastanienallee 86, Berlin, die Fassade des Hauses bröckelt, die braungraue Farbe blättert ab. Ein Schriftzug ziert das Haus, er ist schlicht gehalten, weiß, Großdruckbuchstaben. Nachts leuchtet er. Kapitalismus normiert, zerstört, tötet – Die Botschaft prägt sich ein, sie bedarf keiner schrillen Optik. Mit ihren Worten möchten die Bewohner des Berliner Wohnprojekts auf die stetigen Mietpreiserhöhungen aufmerksam machen. Ihr Affront richtet sich gegen den Kapitalismus – in der Arbeitswelt für viele ein Synonym für ungleiche Machtverhältnisse und ein Hindernis gegen die eigene Selbstverwirklichung.

Mit ihrer Kritik am westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ist das Berliner Wohnprojekt jedoch nicht allein. Während manche Bücher schreiben und andere Häuserfassaden schmücken, um ihren Protest auszudrücken, ging Michael Linton 1983 einen anderen Weg: Er überlegte sich ein alternatives Wirtschaftsmodell. Heute gilt er als Begründer der modernen Tauschsysteme, auch Tauschkreise oder – ringe genannt – also organisierte, jedoch bargeldlose Lokalmärkte, in denen Dienstleistungen und Produkte im Tausch gegen andere Leistungen gehandelt werden. Obschon Tauschringe ohne Bargeld auskommen, bedienen sie sich trotzdem einer internen Währung, wie beispielsweise einer Zeitwährung: Die aufgewendete Arbeitszeit wird somit eins zu eins getauscht, alle Tätigkeiten werden dabei als gleichwertig angesehen. Dadurch, dass in Tauschringen überwiegend Dienstleistungen getauscht werden, bleiben die organisierten Märkte jedoch auch örtlich begrenzt: Neben der ideologisch-politischen Kritik am kapitalistischem Geldsystem wird deswegen auch oft der soziale Faktor der Nachbarschaftshilfe betont.

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(c) Elisa Leclerc

Wiedner Hauptstraße 60, Wien, in der Luft liegt der Geruch von türkischem Gebäck und Linsensalat, es wird Wein an den Tisch gebracht. Eine Frau steht auf, räuspert sich. ,,Danke, dass ihr alle gekommen seid“, sagt sie, ,,danke, dass du für uns gekocht hast, Gül.“ Die Menschen in der Runde nicken Gül dankend zu, sie lächelt. Später wird Renate ihr 200 KAESCH auf ihr Konto gutschreiben. Was Gül damit machen wird, weiß sie noch nicht. Sie schaut auf das Pinnbrett mit den lila Zettelchen. Biete: Kinderbetreuung, Gitarrenunterricht, Massagen, Kleine Näharbeiten. Vielleicht wird dort etwas dabei sein.

Der Wiener Tauschkreis KAESCH wurde 2009 aus der anfänglichen Beobachtung heraus gegründet, dass bei vielen Familien mit Migrationshintergrund ein Bedarf an Nachhilfe vorhanden war. Da viele der Familien sich die Nachhilfe jedoch nicht in Euro leisten konnten, entstand die Idee des Tauschkreises – quasi Nachhilfe gegen kulinarische Kost. Als Währung einigte man sich auf den virtuellen Mittler KAESCH, 100 KAESCH entsprechen dabei einer Stunde Dienstleistung. Die Tauschgeschäfte finden auf den monatlichen Stammtischen oder auf den Vier-Jahreszeiten Märkten statt. Beim diesjährigem Sommerfest habe man beispielsweise füreinander und miteinander gekocht, Theaterkurse organisiert und selbstangebautes Gemüse und Obst angeboten.

Fortsetzung: Tauschkreise: Alternative zum Euro?

 


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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts Work in Progress. Weitere Texte dazu findest du in den kommenden Wochen hier.

Titelbild: (c) Elisa Leclerc

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