Payasos Sin Fronteras: Die Kraft der roten Nase

Die Clowns ohne Grenzen reisen in Krisengebiete und tragen dort zur Traumaverarbeitung bei. Seit der Wirtschaftskrise fällt es der spanischen NGO schwer, die Reisen zu finanzieren. Teil 2 des Artikels.

 „Mit dieser Idee lebe ich, und mit dieser Idee werde ich sterben.“

Seit der Wirtschaftskrise sei es schwieriger geworden, die Projekte zu finanzieren. Daher mussten die Payasos ihre Aktivitäten bereits um ein gutes Viertel reduzieren – weniger Angestellte, weniger Reisen, weniger Hilfe für Menschen in Not. „Wir sind trotzdem stolz auf alles, was wir leisten“, sagt Carlos, „auch wenn es nicht mehr so viel ist wie vor der Krise.“ Das Hauptquartier der Organisation – ein kleines Büro in Barcelona – zählt mittlerweile nur noch drei Angestellte. Zu dritt koordinieren Carlos, Magda und Marta die Aktivitäten der NGO in ganz Spanien. Diese kleine Struktur habe aber auch etwas Gutes – je weniger Mitarbeiter, desto weniger Macht können diese ausüben. Nicht die Büromitarbeiter bestimmen über die Organisation, sagt Carlos, „sondern unsere Künstler.“

(c) Rebecca Steinbichler

Geschäftsführer Carlos Requena mit seinem Team. (c) Rebecca Steinbichler

Urlaub im Krisengebiet
Mehr als 200 professionelle Clowns, Artisten und Musiker engagieren sich alleine in Spanien in unterschiedlichem Maß ehrenamtlich für die Payasos Sin Fronteras. Reist ein Team in ein Krisengebiet, müssen sich die Künstler im Vorfeld auf die kulturellen Gegebenheiten vorbereiten. Außerdem spielt die spezielle Krisensituation eine Rolle für die Arbeit der Clowns. Je nachdem, ob die Menschen vor Ort Hunger, Krieg oder Naturkatastrophen erlebten, ergeben sich andere Herausforderungen. Für ihren Aufenthalt nehmen sich die Künstler – meist zwei oder drei pro Expedition – wochenlang Urlaub von ihren Hauptberufen. Wer ein Clown ohne Grenzen werden will, sollte fünf Jahre Arbeitserfahrung und gute Referenzen vorweisen können. Das spanische Künstlernetzwerk ist groß und wer als schwierig oder teamunfähig gilt, hat keine Chance. „Wenn jemand hier ein Problem hat, ist es in einem Krisengebiet dreimal so groß. Das belastet dann alle auf der Mission“, sagt Carlos.

Die Frage, was die Arbeit der Clowns konkret in traumatisierten Menschen auslöst, ist nicht einfach zu beantworten. Die Mitarbeiter der NGO sind jedoch überzeugt von der positiven psychologischen Wirkung. „Wer ein schönes Erlebnis geschenkt bekommt, hat mehr davon als von einer Aspirintablette“, sagt Carlos, „denn diese betäubt den Schmerz nur kurz.“ Auch Jaume Mateu spricht davon, dass es eine Realität vor und eine Realität nach einer Show gebe. Dieses Phänomen nennt er die „Kraft der roten Nase“.

Ein Clown auf Mission in Kolumbien. (c) Payasos Sin Fronteras

Ein Clown auf Mission in Kolumbien. (c) Payasos Sin Fronteras

Konfetti gegen das Trauma
Zahlen, Statistiken oder Langzeitstudien über die Auswirkungen der Arbeit gibt es keine. Aber es gibt Anekdoten. Eine davon spielt im Dezember 2004 auf Sri Lanka, zehn Tage nach dem verheerenden Tsunami. Dort trat Jaume mit einem Team in einer Schule auf, in der nur 700 von 2.500 Schülern überlebt hatten. „Der Direktor sagte danach zu uns: ‚Andere gaben uns Bücher, Computer und Essen. Ihr habt uns Leben gebracht.’“ Ein anderes Mal traf Jaume auf eine 24-jährige Frau, die ihre Kindheit als Flüchtling in Ex-Jugoslawien verbracht hatte. Sie bedankte sich bei ihm, sie damals zum Lachen gebracht zu haben. Dann zog sie ein paar bunte Konfetti aus ihrer Jackentasche, die er ihr zwölf Jahre zuvor gegeben hatte.

Auch die Wiener Psychotherapeutin Sylvia Wintersperger unterstützt die These, dass Clownerie traumatisierten Menschen hilft. „Nicht verarbeitete Erlebnisse von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit schwächen den Organismus“, erklärt die Leiterin des Zentrums für Angewandte Psychotraumatologie (ZAP-Wien). Deshalb arbeite die Traumatherapie mit sogenannten Ressourcen. Damit sind Fähigkeiten gemeint, die Energie und psychische Stärke erzeugen. „Ein Erlebnis, das in einem Menschen die Fähigkeit anregt zu lachen oder etwas komisch zu finden ist wie ein Fenster, das Licht herein lässt“, sagt Wintersperger. Lachen setze Zentren im Gehirn in Betrieb und führe zu einer Anreicherung neuronaler Netzwerke, die mit positiven Erfahrungen verbunden sind. Oder einfacher ausgedrückt: Lachen stärkt.

(c) Rebecca Steinbichler

Sponsoren ermöglichen einige Aktionen – in diesem Fall die Post. (c) Rebecca Steinbichler

Lachen zu verbreiten kostet allerdings auch. Obwohl die Artisten ehrenamtlich arbeiten, muss Carlos mit seinem kleinen Team die Reisespesen auftreiben. Im letzten Jahr erhielten die Payasos eine Förderung von der öffentlichen Verwaltung – trotzdem können sie im Schnitt nur zwanzig von dreißig Aktionen finanzieren. Ein aufgegebenes Projekt hatte Carlos besonders am Herzen gelegen: In Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) gaben weibliche Clowns in Damaskus und Jordanien Clownerie-Workshops für Misshandlungsopfer. „Es war unglaublich beeindruckend zu sehen, wie positiv sich unsere Arbeit auf diese Frauen auswirkte“, erzählt Carlos. Aktionen wie dieses seien aber nur als Langzeitprojekte sinnvoll. Dafür reicht das Budget nicht.

Vom Flüchtlingslager ins Disneyland
Damit die Payasos sin Fronteras trotzdem so viele Menschen wie möglich unterhalten können, muss die NGO improvisieren: Die Unterstützung von mehr als 1.200 Mitgliedern bezahlt die Gehälter für die Büroangestellten und die administrativen Kosten. Für die Reisefinanzierung ist das Team ständig auf der Suche nach privaten und öffentlichen Sponsoren. Bei Auftritten vor Schülern in sozial benachteiligten Vierteln prangt beispielsweise das Logo der Correos, der spanischen Post, in sattem Geld auf den Plakaten.

Jaume Mateu vor seinem Auftritt. (c) Rebecca Steinbichler

Jaume Mateu vor seinem Auftritt. (c) Rebecca Steinbichler

Auch die Gala im Theater würde es nicht geben, wenn die Organisation nicht auf Spendengelder angewiesen wäre. In der Künstlergarderobe betrachtet sich Jaume Mateu in einem großflächigen Wandspiegel. Sein mit Konfetti gefüllter Hut liegt bereit, doch anders als seine Kollegen trägt er noch keine Schminke auf – die Verwandlung in Tortell Poltrona sollen seine Gäste wie immer live miterleben. Die Verbindung zu den Zusehern ist Jaume wichtig: „Ein Clown existiert nicht ohne sein Publikum.“ Der Auftritt hier werde sich deshalb komplett anders anfühlen als in einem Flüchtlingscamp, wo die Kinder nicht übersättigt von Spielzeug und Fernsehen seien. Dort zu spielen fühle sich bedeutsamer an – sowohl für den Künstler als auch für das Publikum. „Jedes Mal, wenn ich aus einem Krisengebiet zurückkehre denke ich, wir leben im Disneyland“, sagt er. Die meisten Menschen hätten dafür aber kein Bewusstsein.

 

Als die Gäste in den Saal strömen und sich die besten Plätze reservieren, wartet der Mann mit der übergroßen Karohose hinter dem schweren Vorhang. In wenigen Minuten wird er die Bühne betreten. Er wird sich recht herzlich bedanken und die anderen Artisten ankündigen. Er wird wild gestikulieren, Faxen machen und mit dem Mikrofonständer kämpfen. Das alles wird er zwar vor den Zusehern im Theatersaal machen, aber nicht für sie. Sein eigentliches Publikum muss sich noch gedulden.

Die Payasos Sin Fronteras nahmen im Rahmen der Solidaritätsgala 10.000 Euro ein. Sie können mit diesem Geld eine Expedition mit drei oder vier Künstlern in Flüchtlingslager im Libanon oder in Jordanien finanzieren.

(c) Payasos Sin Fronteras

 „Mit dieser Idee lebe ich, und mit dieser Idee werde ich sterben.“

Titelbild: (c) Payasos Sin Fronteras


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Dieser Artikel entstand im Rahmen von eurotours 2016, einem Projekt des Bundespressedienstes. Das österreichische Bundeskanzleramt kam für Übernachtung sowie für An- und Abreise auf.

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Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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