Naturschutz: Into the Wild?

(c) Katharina Kropshofer

Was heißt „wild“ eigentlich? Obwohl es in Österreich nur ein Gebiet gibt, das genau genommen so betitelt werden kann, wird mit dem Begriff rabiat um sich geworfen. Naturphilosophisch macht das jedoch gleich viel mehr Sinn

„Unser Land wird immer wilder“ – so lautete der Titel eines kürzlich erschienenen Artikels in der Gratis-Zeitung „Österreich“. Es wird über Sichtungen von Wildtieren berichtet: Füchse, die sich am Rand von Wien ansiedeln oder Bienenschwärme, die sich an Giebeln von Häusern festsetzen. Sie scheinen ein regelrechter Hype zu sein, diese Annäherungen an die Wildnis, obwohl wir uns zugleich immer mehr von einer naturnahen Lebensweise entfernen. Doch heißt „wild“, so wie wir es verstehen, gleich „schützenswert“? Und wie definieren wir überhaupt, ob etwas wild ist?

Wilde Natur!
Was den meisten beim Begriff Wildnis in den Kopf kommt? Unberührte Landschaften wie die beinah endlosen Wälder in Kanada oder die Tropen Südamerikas. Kaum einer denkt hierbei jedoch an Mitteleuropa, obwohl wir den Begriff „wild“ sehr oft in den Mund zu nehmen scheinen.

Ausgangspunkt für die Notwendigkeit einer Definition von „wilden“ Gebieten war die Feststellung, dass viele natürliche Prozesse durch Menschenhand aus den Landschaften verdrängt wurden. Was folgte, war der Gedanke, diese Prozesse durch eine Betitelung und Zertifizierung, wie auch in vielen anderen Fällen, schützen zu müssen. Die Denkweise ist grundsätzlich richtig: Da in der populär- oder pseudowissenschaftlichen Debatte oftmals mit Begriffen um sich geworfen wird, ist es wichtig, eine Art Definition zu haben, die Begriffe wie den der Wildnis wieder zu einem naturwissenschaftlichen macht. Generell werden laut der Wild Europe Initiative zwei Typen von Wildnis in Europa unterschieden: Die Wildnisgebiete, welche primär von natürlichen Prozessen geprägt sind und so unberührte Lebensräume beinhalten. Vom Menschen wurden sie nicht oder kaum verändert, was heißt, dass es keine Nutzung gibt, um Rohstoffe zu extrahieren oder auch keine Kulturgebiete, die für Siedlungen, Viehzucht oder ähnliches genützt werden. Der zweite Typ, sogenannte Wild Areas, umfasst auch naturnahe Lebensräume, jedoch sind sie stärker durch menschliche Eingriffe wie Viehhaltung, Jagd oder Forstwirtschaft beeinflusst.

Streng genommen gibt es in Österreich deswegen nur ein Wildnisgebiet: den Urwald „Rothwald“, ein Gebiet, in dem es seit der letzten Eiszeit keinen menschlichen Eingriff mehr gegeben haben soll. Der Sinn dahinter, solche Gebiete zu schützen, liegt nah: Wildnisgebiete können zum Beispiel durch vermehrte Grünflächen zu CO2-Senkern werden, also zu Gebieten, die vermehrt CO2 aus der Luft binden und somit dem Klimawandel entgegenwirken. Auch können viele Arten, darunter vom Aussterben bedrohte, einen Rückzugsort in solchen Flächen finden, da ihr größter Feind – der Mensch – hier nicht oder kaum anwesend ist.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer: Gezähmte Natur

Wilde Kultur?
Interessant wird die ganze Debatte jedoch, wenn man die kulturelle Verankerung von Wildnis unter die Lupe nimmt. Genau genommen hat der Begriff seit jeher eine negative Konnotation: etwas „Wildes“ ist gleichzeitig auch etwas „Unkontrolliertes“ und somit Teil der „unordentlichen“ Natur. Im Gegensatz dazu steht die Kultur, die von uns als ordentlich und kontrolliert wahrgenommen wird. Ein regelrechtes Spiegelbild zu der weiten Wildnis, die nicht so leicht zu beherrschen ist. Naturphilosophisch wird sogar argumentiert, dass ein Gebiet schon wild sei, sobald es für BetrachterInnen als nicht vom Menschen gemacht erscheint – eine anthropozentrische Sichtweise? Eine Widersprüchlichkeit in der Verwendung zeigt sich auch geschichtlich: Während Wildnis im Mittelalter noch als Inbegriff des Bösen galt, oft auch verbunden mit übernatürlichen Erscheinungen, wird Wildnis heute kulturell wieder in ein besseres Licht gerückt: Sie repräsentiert eine Utopie, eine Traumwelt, die unserem Leben in der Stadt schon so fern geworden ist, obwohl wir immer mehr versuchen, sie wieder in unseren Alltag zu integrieren.

Urbane Wildnis: ein Kompromiss?
Das äußert sich beispielsweise in diversen „Mikrowildnissen“, die wir in unseren Städten zu installieren versuchen. Die sogenannte urbane Wildnis wird zu einem Ereignis, einem regelrechten Spektakel im populären Diskurs – sie wird etwas, das stolz auf Handyfotos festgehalten wird und wegen ihrer domestizierten Form in unserem Alltag akzeptiert wird. Der Begriff Domestikation, der sonst auf Tiere und Pflanzen angewendet wird und eine Selektion bestimmter Merkmalskombinationen der Wildform meint, um so Arten mit neuen Eigenschaften für den Menschen nutzbar zu machen, macht auch hier Sinn: Wir akzeptieren die Wildnis, insofern wir sie mit einem Sicherheitsabstand betrachten können und sie somit auf die Merkmale reduzieren können, die uns recht sind. Eine Fuchsfamilie ist hierbei ein gern gesehener Nachbar, ein Bär wohl eher nicht.Wir suchen diese Form von Distanz, damit wir uns aus der Natur herausnehmen können. Wir betrachten Kultur als etwas Eigenständiges, als Gegenstück zur Natur, um unser Leben, das einhergeht mit der Zerstörung natürlicher Lebensräume, überhaupt rechtfertigen zu können.  Die Definition von naturfern, naturnah, wild oder domestiziert ist somit ein schöner Gedanke, und naturschutztechnisch bestimmt auch sinnvoll. Jedoch dürfen wir nicht vergessen, dass das Grundproblem ein ganz anderes ist: Die Abgrenzung der Wildnis dient bestimmt auch dem Naturschutz; vielmehr aber ist sie Ausdruck eines weiteren Schrittes unserer wilden Kontrolle über die Natur selbst.

Dieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Vor Ort kann er noch bis 29. Oktober 2017 diskutiert werden. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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