Junge Türken: Lasst sie Wiener sein

(c) Ercan Nik Nafs

Jugendanwalt Ercan Nik Nafs spricht im Interview über radikale Jugendliche, türkischen Nationalismus und die transkulturelle Gesellschaft in Wien

Jugendliche IS-Sympathisanten, die in den Krieg ziehen wollen, Hassprediger in Moscheen, die sie dazu anstacheln. Als diese Themen vor zwei Jahren akut sind, wird das Netzwerk zur Deradikalisierung und Prävention gegründet. Ercan Nik Nafs leitet das Netzwerk. Im Interview spricht er über extremistische Tendenzen, die Rolle von Bildung und multikulturelle Identitäten.

mokant.at: Das Netzwerk Deradikalisierung und Prävention gibt es jetzt seit zwei Jahren – wie lautet Ihre Bilanz?
Ercan Nik Nafs: Unser Netzwerk hat vier Eckpfeiler. Zum einen sind wir eine Anlaufstelle für betroffene Familien und Jugendliche – zur Zeit der Gründung gab es nichts dergleichen. Ein zweites Ziel ist alle Behörden und Organisationen zusammenzubringen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. In Bezug auf diese Strukturen haben wir sehr viel weitergebracht.

Das dritte ist das ExpertInnenforum. Wir haben es 2015 eingerichtet und der Bericht wurde am 10. November der Öffentlichkeit präsentiert. Er enthält 27 Empfehlungen an die Stadt, wie die Präventionsarbeit laufen sollte.

Der vierte Eckpfeiler sind die Fort- und Weiterbildungsangebote. Im letzen Jahr hatten wir zum Beispiel im Schulbereich  über 1800 Fortbildungsplätze im Bereich  der Radikalisierung und Prävention. Die Themen reichen dabei von Salafismus und Jihadismus, über Rechtsextremismus, bis hin zu Kinderrechten, Gewaltprävention, Mobbingprävention und ähnliches.

Unser Ziel ist es, Jugendliche vor allen extremistischen Tendenzen zu schützen. Es ist wichtig, dass wir möglichst viele Menschen vor Ort haben, die sich mit diesen Thematiken auskennen.

mokant.at: Ab wann gilt ein Jugendlicher als radikal?
Nik Nafs: Radikal ist es dann, wenn alle anderen Lebenskonzepte abgelehnt werden. Man lässt das Eigene als das einzig Wahre gelten. Bei Jugendlichen, die diese Tendenzen zeigen, würde ich nicht gleich sagen, dass sie radikal sind. Sie schnappen Schlagwörter auf, mit denen sie provozieren wollen. Der Auftrag für alle  – ob Eltern oder Lehrer – ist dann mit den Jugendlichen genau über diese Sachen zu reden und nachzufragen, was die Jugendlichen mit diesen Aussagen meinen.

mokant.at: Welche Jugendlichen sind besonders anfällig für Radikalisierung? Ist Bildung der entscheidende Faktor?
Nik Nafs: Bildung ist sehr wichtig, aber Bildung alleine reicht nicht. Es reicht nicht den Menschen lesen, schreiben und rechnen beizubringen. Auch eine universitäre Ausbildung schützt nicht automatisch vor der Radikalisierung. Die Identitärenbewegung etwa hat einen guten Zugang zu Studierenden. Das sind Menschen, die gute Chancen im Leben haben. Sie haben eine gute Schulbildung und eine akademische Karriere vor sich. Und trotzdem sind diese abwertenden Haltungen da – Abwertung gegenüber Zuwanderern, Flüchtlingen, Muslimen, Juden. Das ist eine neue Form des europäischen Rechtsextremismus, die über ihre nationalstaatlichen Grenzen hinausgeht.

Prinzipiell entstehen dort, wo seit Jahrzehnten antidemokratische Systeme herrschen, große nationalistische Bewegungen. Der türkische Nationalismus etwa ist nicht neu. Der Präsident der Türkei schürt ihn zusätzlich, gemeinsam mit einer West-Feindlichkeit und Antisemitismus. Das wirkt auch in Europa.

 

    Ercan Nik Nafs über Antisemitismus in der Türkei und die türkische Community in Wien

Titelbild: (c) Ercan Nik Nafs


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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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