Junge Türken: Lasst sie Wiener sein (2)

(c) Ercan Nik Nafs

Jugendanwalt Ercan Nik Nafs spricht im Interview über radikale Jugendliche, türkischen Nationalismus und die transkulturelle Gesellschaft in Wien

mokant.at: Woher kommt der Antisemitismus in der Türkei?
Nik Nafs: Antisemitismus hat in der Türkei lange keine Rolle gespielt. Er war übertönt durch die guten Beziehungen der Türkei zu Israel. Mit diesem Zwischenfall im Mittelmeer, wo einige Gruppierungen die israelische Blockade durchbrechen und zu Gaza gelangen wollten, hat sich das geändert. (2010 wurden bei einem Einsatz der israelischen Marine auf der Mavi Marmara, dem Hauptschiff eines Gaza-Hilfskonvois, zehn türkische Aktivisten getötet. Ziel der Aktivisten war es die Gaza-Blockade zu durchbrechen, die Israel seit 2007 nach der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas in Gaza eingerichtet hatte, Anm.) Ab da ist es ein Phänomen gewesen. Überall hat man dann tote palästinensische Kinder gesehen, auch wenn diese Bilder nichts mit Gaza zu tun hatten. Es wurden Filme gemacht, Bilder produziert, Nachrichten – damit wurde der Antisemitismus richtig forciert. Es war eine regelrechte politische Kampagne, für die die türkische Regierung verantwortlich war.

mokant.at Also ist der Antisemitismus in der Türkei neu?
Nik Nafs: In dieser Form gibt es ihn seit einigen Jahren. Da ist der Konflikt zwischen Israel und der Türkei bewusst entfacht worden. Damit hat die Türkei in der arabisch-muslimischen Welt eine wichtige Rolle bekommen.

mokant.at: Das heißt Antisemitismus ist politisch gesteuert und nicht in der Gesellschaft  verankert?
Nik Nafs: Es gab schon immer Verschwörungstheorien über den Einfluss jüdischer Familien in der Türkei. Aber in dieser Form, Intensität und Abwertung ist es neu.

mokant.at: Auch bei türkisch-stämmigen österreichischen Jugendlichen scheint er verbreitet zu sein. Wie kommt er zu ihnen?
Nik Nafs: Die Menschen aus der Türkei sind sehr politisch. Die Türkei hat eine Vielzahl von Nachrichtenkanälen, eine große Medienlandschaft und viele Internetportale, zu denen auch Jugendliche Zugang haben. Es gibt eine sehr gut organisierte Community und die Leute diskutieren darüber. Die Jugendlichen lesen die Zeitungen, sehen die Nachrichten, sehen Bilder. Herr Erdogan war selbst hier und hat gegen Israel gewettert. Das wird auch in die Community transportiert.

mokant.at: Innerhalb der türkischen Community scheint die Vernetzung besonders stark zu sein. Kann man gar von einer Parallelgesellschaft sprechen?
Nik Nafs: Ich würde nicht von einer Parallelgesellschaft sprechen. Die türkische Regierung hat vor etwa 15 Jahren diese Menschen für sich auch als potenzielle Wähler entdeckt und seither wird intensiv in diese Communities investiert.

Es gibt DIE türkische Community so gesehen nicht. Es gibt sehr viele unterschiedliche Vereine, Organisationen und Kultusgemeinden, die stark organisiert sind und viele Aktivitäten setzen.

Viele leisten einen wertvollen Beitrag, damit die Menschen sich integrieren und hier wohl fühlen. Andere haben einen nationalistischen Zugang und wollen sich abgrenzen.

mokant.at: Wie kommt es, dass Jugendliche, die in Wien geboren werden, sich stark mit der Türkei identifizieren?
Nik Nafs: Wir geben diesen Jugendlichen nicht die Möglichkeit Österreicher zu sein. Ich kenne diese Jugendlichen, habe viele Diskussionen mit ihren Eltern geführt. Ich habe zu den Eltern gesagt: Lasst sie Wiener sein! Sie sollen ihre Kultur behalten dürfen und gleichzeitig Wiener sein. Auch der Mehrheitsgesellschaft muss man sagen: Lasst diese Jugendlichen Wiener, Österreicher werden. Dieses Problem hat zwei Seiten: einerseits die Eltern, die unbedingt ihren Fingerabdruck auf ihren Kindern haben wollen, aber auch die Mehrheitsgesellschaft.

Wir leben in einer transkulturellen Gesellschaft. Die Menschen haben nicht nur eine Kultur, sondern mehrere. Es können sich mehrere Kulturen in einem Geist vereinbaren und das ist auch gut so. Ich sage auch: Ich komme aus der Türkei, ich bin Kurde, ich bin Armenier, ich bin Jude, ich bin Türke, ich bin Wiener, ich bin Österreicher, ich bin Europäer. Das ist doch schön! Wieso muss ich mich auf eins beschränken? Auf der einen Seite sagen wir, dass wir keine Nationalisten sind, auf der anderen Seite sollen wir uns für ein einziges Land entscheiden.

mokant.at: Wird in Österreich erwartet, dass man sich für eines entscheidet?
Nik Nafs: Ja, es war lange Zeit so. Die Identifikation mit dem Land, in dem man lebt, ist wunderschön. Aber man kann sich auch mit anderen identifizieren und darüber hinaus weitere Interessen haben.

Wenn eine Identität sehr stark wird und alle anderen Identitäten verdrängt werden, dann beginnt der Konflikt, dann wird es problematisch.

 

    Ercan Nik Nafs über Radikalisierung von Jugendlichen

Titelbild: (c) Ercan Nik Nafs


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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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