China: Die Zerstörung tibetischer Klosterstädte

Chinesische Behörden versuchen immer wieder die tibetische Klosterstadt Larung Gar zu räumen. Dass das nicht nur mit den mangelnden hygienischen Zuständen in der Stadt zusammenhängt, ist für Kritiker klar. Sie klagen über politische Willkür.

Blase_rot-150x150Dieser Text ist Teil der Artikelserie „Vergessene Konflikte“.

Seit Juli versuchen chinesische Behörden Teile der buddhistisch-tibetischen Klosteranlage Larung Gar in der Provinz Sichuan abzureißen. Einige tausend Hütten sollen laut Tibetan Centre for Human Rights and Democracy bereits dem Erdboden gleichgemacht worden sein, um die Einwohnerzahl drastisch zu minimieren. Als Grund dafür nennt China Hygiene- und Brandschutzmaßnahmen. Tibeter und Unterstützer aus dem Ausland sehen die Aktion aber als Einschränkung der Religionsfreiheit. Der UN-Sonderberichterstatter zur Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Heiner Bielefeldt, sagt gegenüber International Campaign for Tibet, das Vorgehen der chinesischen Behörden habe Repressionscharakter und der Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (ICT) Kai Müller spricht von einem „Angriff auf die freie Religionsausübung“.

Larung Gar gilt als das größte Zentrum für das Studium des tibetischen Buddhismus. Das Wort „Gar“ bedeutet so viel wie Lager und wird wegen der negativen Konnotation von den Bewohnern eher vermieden. Stattdessen bezeichnen sie die von tausenden Holzhütten umringte Klosteranlage als Akademie. Diese wurde in den 1980ern von dem buddhistischen Lehrer Khenpo Jigme Phuntsok gegründet – zu einer Zeit als viele, der durch die Chinesen zerstörten, tibetischen Klöster wiederaufgebaut wurden. Die Akademie wurde von Jahr zu Jahr größer.

Holzhütten Larung Gar

Die Einwohnerzahl soll 2017 von 20.000 auf 5.000 reduziert werden. Foto: (c) Filippo Brambilla

Immer mehr Menschen siedelten sich dort an und errichteten oft ohne Genehmigung Holzhütten und begannen zu studieren. Heute sollen etwa 20.000 Menschen in der Stadt leben, die Schwankungsbreite ist bei dieser Schätzung groß. Denn ein Großteil der Bewohner ist bis heute nicht registriert. Zu Spitzenzeiten sollen es bis zu 50.000 Einwohner gewesen sein, nimmt International Campaign for Tibet an. Prof. Dr. Mathes und sein Kollege Mag. Filippo Brambilla gehen von etwa 17.000 Bewohnern aus. Nicht nur Tibeter leben und studieren dort, sondern auch Koreaner, Studierende aus dem Westen und auch viele Chinesen, die teilweise von wohlhabenden chinesischen Buddhisten finanziert werden. In der Nähe der Anlage befindet sich ein zweites Lager namens Yarchen Gar, das ebenfalls in den 1980ern in der chinesischen Provinz Sichuan errichtet wurde. Heute sind beide von Abrissarbeiten betroffen.

Siedlung ähnelt einem Slum
Am 20. Juli dieses Jahres wurde begonnen Larung Gar zu räumen. Die chinesischen Arbeiter werden von Regierungsmitgliedern und bewaffneten Polizisten begleitet. Das offizielle Ziel der Behörden ist es, die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2017 auf 5.000 zu reduzieren, das heißt rund 15.000 Menschen sollen vertrieben werden. Sie begründen die Zerstörung des Lagers mit mangelnden Brandschutzmaßnahmen wegen der zahlreichen Holzhütten und den hygienischen Zuständen, da das Lager mittlerweile übervölkert sei. Die Siedlung rund um das Kloster ähnle mittlerweile einem Slum, schildert auch Prof. Dr. Mathes vom Institut für Tibetologie der Universität Wien. Doch neben einem Abriss gäbe es auch andere Möglichkeiten der Überbevölkerung entgegenuwirken. So befindet Sophie Richardson, China Director at Humans Right Watch, dass die chinesische Seite insgesamt mehr tibetische Klöster zulassen könne.

„China will keinen Staat im Staat“
Gyalpo von Save Tibet sieht die genannten Abrissgründe der Regierung nur als eine Ausrede. Er ist der Meinung, dass China durch die hohe Einwohnerzahl die Kontrolle verloren habe, die sie nun wieder zurückgewinnen möchte. „China will keinen Staat im Staat bzw. parallele große Organisationen“, sagt er. Gyalpo erklärt weiter, dass China Tibetern in dieser Region mehr Freiheiten duldet als in der Autonomen Region Tibets. Habe die chinesische Regierung aber das Gefühl ihre Macht an niedrigere Instanzen unfreiwillig abgegeben zu haben, greife sie sofort ein. Larung Gar sei so ein Beispiel. China wisse nicht, wie viele Menschen dort leben und woher sie kommen. Das gefalle den Behörden nicht.

Warum die Bewohner Larung Gars nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden wurden und Nonnen Selbstmord begehen

Titelbild: (c) Filippo Brambilla


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Agnes J. Kugler studiert Kultur- und Sozialanthropologie. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie auf ihrem Fahrrad Gustav oder in der Bibliothek. Seit Jänner 2015 ist sie als Redakteurin bei mokant.at tätig. Kontakt: agnes.kugler[at]mokant.at

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