China: Die Zerstörung tibetischer Klosterstädte (2)

Larung Gar

Die Bewohner Larung Gars und die tibetischen Institutionen in dem Gebiet wurden nicht in den Entscheidungsfindungsprozess über die Räumung eingebunden, heißt es auf der Homepage von International Campaign for Tibet. Eine eigentlich angekündigte Entschädigung für den Abriss der Häuser blieb bis jetzt aus. Stattdessen werden die Bewohner aufgefordert sich ruhig zu verhalten und keinen Widerstand zu leisten. Bei Nichteinhaltung drohen Strafen und Sanktionen. Auch vonseiten der Klostervorsteher und Lamas wurde zur Ruhe aufgerufen.

Nicht zum ersten Mal wurde von chinesischen Behörden angeordnet Teile der Klosteranlage abzureißen. Bereits in den 1990er Jahren und zuletzt im Jahr 2013 setzten Behörden Maßnahmen, um die Anlage zu verkleinern beziehungsweise zu zerstören. Vollständig konnte das aber nie umgesetzt werden und immer wieder haben sich neue Menschen angesiedelt. Zu diesen Zeiten gingen einige Nicht-Registrierte in umliegende Ortschaften, um späte wieder zurückzukehren, erzählt Prof. Dr. Mathes im Gespräch mit mokant.at.

Zeittafel Larung Gar

Chronik des Chinesisch-Tibetischen Konflikts. Grafik (c): Herbert Krammer

Laut Lobsang Gyalpo gibt es mehrere Proteste gegen den Abriss, näheres konnte er darüber aber nicht berichten. Auf der Plattform change.org heißt es, viele dort lebende Menschen seien in Hungerstreik getreten. Es ist derzeit schwer genauere Informationen aus dem Gebiet zu bekommen. Die Kommunikationswege werden von den chinesischen Behörden überwacht und stark eingeschränkt. Anfangs verbreiteten sich Fotos und Videos auf sozialen Netzwerken. Die Nutzung dieser wurde nun International Campaign for Tibet zufolge blockiert. Der Kontakt zur Außenwelt wurde völlig abgeschnitten. Seit mehreren Wochen ist es Touristen nicht mehr erlaubt nach Larung Gar zu reisen, erzählt Filippo Brambilla. Das Einreiseverbot wird auch auf diversen Reiseplattformen wie etwa Lonely Planet diskutiert.

„Angriff auf die freie Religionsausübung“
Die Tibetische Zentralregierung (CTA) in Dharamsala übt scharfe Kritik an den chinesischen Behörden. Der tibetische Regierungschef Sikyong Lobsang Sangay rief China dazu auf, die Abrissarbeiten umgehend einzustellen. Er spricht von einer Doppelmoral der chinesischen Regierung, die vorgibt Religionsfreiheit zu gewährleisten, gleichzeitig aber Behausungen von buddhistischen Nonnen und Mönchen abreiße, schreibt das Contact Magazine.

Artikel 36 der chinesischen Verfassung garantiert eigentlich Religionsfreiheit. Es gibt aber eine Sonderklausel, die besagt, dass Gesetzte, die in der Verfassung verankert sind, nur dann gelten, wenn die Staatssicherheit gewährleistet ist. „Im Falle Larung Gars wie auch in allen anderen Fällen der Menschenrechtsverletzungen in Tibet, verwendet China die Gefährdung der Staatssicherheit als Vorwand, um die freie Ausübung der Religion einzuschränken“, erklärt Gyalpo.

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Autonomes Gebiet Tibet und die Klosterstädte. Grafik (c): Michael Ruthner

International Campaign for Tibet zufolge wurden bereits im April dieses Jahres eintausend Nonnen gezwungen die Einrichtung zu verlassen. Betroffen waren lediglich Frauen, die aus der sogenannten Autonomous Tibetan Region, dem autonomen Gebiet Tibtes (TAR) stammen. Auch ihren Familien ist mit harten Konsequenzen gedroht worden, sollten sich die Nonnen weigern die Akademie zu verlassen und in ihre Heimatorte zurückkehren.

Bisher haben sich drei Nonnen aus Larung Gar das Leben genommen. Radio Free Asia berichtet, dass sich die Frauen aus Verzweiflung über die Zerstörung der Akademie erhängt hatten. Rinzin Dolma erhängte sich am 20 Juli 2016 als die chinesischen Einsatzkräfte damit begannen die Häuser der Nonnen und Mönche abzureißen. Eine weitere Nonne flüchtete sich am 17. August in den Selbstmord und hinterließ laut dem Radio Free Asia eine Notiz, in der sie festhielt, dass sie den Schmerz nicht länger ertragen konnte. Die Umstände des Suizids der dritten Nonne sollen nicht genau geklärt sein. Auch eine vierte soll versucht haben sich das Leben zu nehmen, wurde aber von Freunden davon abgehalten. China fühle sich für die Selbstmorde nicht verantwortlich, schreibt die tibetische Zeitschrift Contact Magazine. Eine offizielle Stellungnahme Chinas zu den Vorfällen in Larung Gar gibt es laut dem Nachrichtensender BBC nicht.

*Update 20.10.2016. Die chinesische Botschaft hat sich gegenüber mokant.at zu Larung Gar geäußert: „Die rechtmäßige Verwaltung religiöser Aktivitätsplätze ist weltweit üblich. Die zuständigen Behörden der chinesischen Lokalregierungen verwalten die Tempel strikt gesetzmäßig und regelkonform, um die Ordnung in den Tempeln zu gewährleisten, die öffentlichen und sozialen Dienstleistungen zu verstärken, die Sicherheitsrisiken, Brandgefahren und hygienischen Probleme zu vermeiden und die grundlegenden Interessen der Tempel, und der Mönche, Nonnen zu bewahren.“

Die Autorin Agnes J. Kugler untersucht im Zuge ihrer Masterarbeit tibetische Unabhängigkeitsbewegungen im Exil.

Larung Gar ist nicht das einzige vergessen Krisengebiet. Im Zuge unserer Reihe über „vergessene Konflikte“ beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Krisenherden dieser Erde.Blase_rot-150x150

Titelbild: (c) Filippo Brambilla


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Agnes J. Kugler studiert Kultur- und Sozialanthropologie. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie auf ihrem Fahrrad Gustav oder in der Bibliothek. Seit Jänner 2015 ist sie als Redakteurin bei mokant.at tätig. Kontakt: agnes.kugler[at]mokant.at

1 Comment

  1. Georg

    18. Oktober 2016 at 14:28

    Schon arg, was da abgeht! aber ich frag mich trotzdem, ob man China da nicht vorschnell zum Buhmann macht. Immerhin scheinen die Verhältnisse in dem Lager ja wirklich schlimm zu sein. Und Brandschutz ist, zumindest für mich, schon ein triftiger Grund um die Einwohnerzahl zu dezimieren. Man stelle sich mal vor, da bricht ein Feuer aus und China hat plötzlich einen Haufen Toter zu verwalten, von denen man am Ende gar nicht weiß, wer sie sind, weil sie gar nicht registriert wurden. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Leute, die dort leben, freiwillig das Lager verlassen würden, wenn China einfach nur dazu aufrufen würde. Vielleicht geht es ohne diese harten Maßnahmen einfach nicht! Aber dass drei Nonnen Selbstmord begingen, ist halt schon heftig!

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