Schweigepflicht: Bitte nicht weitersagen!

Wann macht die Schweigepflicht von Ärzten, Priestern und Therapeuten Sinn? Wann nicht? mokant.at entwarf ein fiktives Szenario und hat bei Verantwortlichen nachgefragt.

Die handelnden Personen in diesem fiktiven Szenario sind frei erfunden und an Forschungsergebnissen des TARGET-Projekts orientiert. Sie dienen lediglich dazu, das Thema anschaulicher zu gestalten.

 „Ihr werdet alle dran glauben!“
Bernd ist 16 Jahre alt. Er ist in Wien geboren und aufgewachsen und geht zurzeit noch in die Schule. Im Unterricht sitzt er alleine. Er hat anscheinend keine oder sehr wenige Freunde und ist im Unterricht sehr ruhig. Weder die Mitschüler, noch die Lehrer verstehen ihn und sie wissen nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. Deshalb halten sie sich gerne von ihm fern.

Nach der zweiten Stunde passiert etwas Seltsames. Die Klasse wurde bereits entlassen und nur Bernd sitzt noch an seinem Platz. Der Lehrer, Herr Mayer, packt seine Sachen zusammen und will gerade den Raum verlassen, als er hört, wie Bernd etwas murmelt: „Ihr werdet alle dran glauben. Jeder einzelne von euch.“ Dabei schaut er den Lehrer direkt an, antwortet aber nicht auf Herr Mayers „Wie bitte?“ und verlässt dann den Raum.

Herr Mayer überlegt, wie er damit umgehen soll. „Ob die Schulpsychologie einzuschalten ist, ist jeweils im Einzelfall zu beurteilen“, erfahren wir von Arno Langhammer, stellvertretender Stadtschulratsdirektor der Stadt Wien. Anders wäre es, wenn Bernd gesagt hätte: „Es ist geschafft, endlich liegt Max unter der Erde.“ Langhammer erklärt: „Lehrer sind als öffentlich Bedienstete zur Anzeige an Kriminalpolizei oder Staatsanwaltschaft verpflichtet, wenn ihnen der Verdacht einer Straftat bekannt ist.“

Schweigen oder nicht schweigen, das ist hier die Frage
Herr Mayer entscheidet sich, mit seinen Schülern in der nächsten Stunde über die Schulpsychologin Frau Müller zu sprechen und erklärt, dass die Schüler sie aufsuchen können, wenn sie Probleme haben. Tatsächlich bewegt das Bernd dazu, der Psychologin und Psychotherapeutin einen Besuch abzustatten. Frau Müller notiert nach dem Gespräch, dass er sich gekränkt, missachtet und verfolgt fühlt und eine große Wut gegenüber seinen Mitschülern empfindet. Außerdem hat sie den Verdacht, dass Bernd an Paranoia leiden könnte, da er ihr gegenüber auch äußert, dass er glaubt, seine Mitschüler würden ihn vergiften wollen. Bernd erwähnt auch, dass er manchmal das Gefühl habe, die einzige Lösung sei, seinen Mitschülern etwas anzutun.

Die Psychotherapeutin hätte nun die Möglichkeit ihren Verdacht anzuzeigen, denn „die Rettung eines Menschenlebens ist ein höheres Gut als die Verschwiegenheit in der Psychotherapie“, so Peter Stippl vom ÖBVP, Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie. „Droht einer Person gegenwärtig und unmittelbar ein bedeutender Nachteil, kann die Verletzung der Verschwiegenheitspflicht in dieser Notstandslage gerechtfertigt sein, wenn sie dazu dient, diesen Nachteil abzuwenden. Der Nachteil muss sich unmittelbar auf höherwertige Rechtsgüter wie zum Beispiel Leben, Gesundheit oder sexuelle Integrität eines Menschen beziehen.“

Wird die Frau Müller also die Schweigepflicht brechen? Weiterlesen auf Seite 2.

 


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Artikel von Maren Häußermann und Barbara Bürscher

Titelbild: (c) Barbara Bürscher

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Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

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