Transhumanz: Zwischen Schafen, Steinen und Schaulustigen (2)

Jedes Jahr im Juni werden rund 3.000 Schafe aus Südtirol auf Weideflächen ins Ötztal getrieben – jedes Jahr im September geht es wieder zurück. Wie kann ein uraltes Ritual wie dieses in einer Zeit von Selfie-Sticks und Luxushotels überleben? Wir haben die Schafe und Hirten begleitet.

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Ankunft im Blitzlichtgewitter
Nach etwa drei Stunden sieht man wieder eine große Ansammlung vermeintlicher Ameisen – diesmal aber steht die Ankunft in der Touristenmasse bevor. Die nächste Instruktion besagt, dass das kleine Schaf noch bis zur „Schönen Aussicht“- Hütte getragen werden soll, damit die Leute die „Attraktion“ fotografieren können. Fragt man die Beteiligten, ob es ihnen denn nichts bringe, dass so viele Schaulustige vorbeigekommen sind, antworten sie mit einem klaren „Nein“. Für die Arbeit mit den Schafen ist es schlicht und einfach störend. Für die Region bedeutet es jedoch viel und dabei liegt der komplette Aufwand bei denen, die finanziell nichts dafür bekommen und auch nichts dafür wollen. Ein paar Touristen sind der Schafmasse schon entgegengekommen, teilweise in kurzer Hose und alle mit Kamera um den Hals. Manche wären sogar bereit, für Fotos zu zahlen und fragen verwirrt danach.

Interessant werden die Motivationen der Einzelnen und die wirtschaftlichen Hintergründe, wenn man die Bedeutung der Schafe in der Region versteht. Für die Alpenbewohner waren Tätigkeiten rund um das Schaf schon früher die mitunter wichtigsten: So kommt zum Beispiel der lateinische Begriff für Geld, pecus, vom Wort „Tier“ oder Schaf. Wie wichtig die Schafe für das Überleben im Tal waren, zeigt zum Beispiel auch ein Gesetz aus dem 13. Jahrhundert, das besagt, dass die Beschlagnahme von Schafen nur dann erlaubt war, wenn der Schuldner sonst nichts hergeben konnte. Die Bedeutung für die lokale Wirtschaft nahm ab, als immer mehr billigere Wolle importiert wurde. Heute sieht das ganze unter diesem Aspekt noch schlechter aus. Die Schafhaltung ist kaum mehr rentabel. Alleine zur Osterzeit können sogenannte „Osterlämmer“ gut verkauft werden – jedoch wird auch hier der Preis gedrückt, da das Angebot zu dieser Zeit proportional steigt, wie uns einer der Schafhalter erzählt. Im Jahr 1940 haben noch über 6.000 Schafe den Alpenhauptkamm überquert, heute sind es halb so viele. Das passt zu dem Bild der Beschäftigung in der Landwirtschaft: 1950 waren es noch 73 Prozent der lokalen Bevölkerung, im Jahr 2000 nur noch 21 Prozent.

Ein umstrittener Wirtschaftssektor
Wieso also werden die Schafe weiterhin gehalten, wieso ein derart aufwendiges Ritual jährlich wiederholt? Es sind sentimentale, traditionelle, und familiäre Gründe. Eine hunderte Jahre alte Verbindung zwischen Mensch und Natur, Mensch und Schaf; eine Begegnung auf Augenhöhe durch die Anpassung ihrer Rhythmen.

Währenddessen hat die Region durch die Vermarktung des Spektakels Geld gerochen. Und zu der Arbeit mit den Schafen ist in den letzten Jahren zusätzlich die Arbeit mit den Touristen gekommen. „Wir hatten nichts mitzureden, als das publik gemacht wurde. Der Ansturm ist so gewaltig, dass wir oft gar nicht mehr durchkommen“, erzählt Sepp, einer der Beteiligten. Und nicht nur für sie steigt der Stress: Die Schafe waren jetzt drei Monate in der schönsten Natur. Den Schock den sie erleben, wenn plötzlich hunderte Menschen mit gezückten Fotoapparaten auf sie zukommen, kann man sich leicht vorstellen. „Ich begreif’ schon, dass nicht jeder was von Schafen versteht. Aber die meisten glauben, dass Schafe nur nett und zum Streicheln da sind.“ Deswegen seien viele auch nicht darauf vorbereitet, wenn manche Schafe aus Stress zu springen beginnen. Da kann es dann schon auch zu Verletzungen kommen – bei Vier- und Zweibeinern. Einer der Hirten sei deswegen sogar schon mal mit rund 700 Schafen über einen anderen Pass gegangen. Er hatte sich mit dem Hüttenwirt zerstritten und wagte den Weg über den größeren Gletscher. „Wir wollen kein Geld für unsere Arbeit. Es ist wie ein Hobby und man tut es gern – das war schon immer so. Man kann nicht alles zu Geld machen“, sagt uns Sepp und erzählt begeistert, dass auch heute noch immer genug begeisterte Junge nachkommen.

Tradition vs. Moderne
Auf dem etwa zweistündigen Weg ins Tal wird einem schnell klar, wovon die Rede ist: Beim ersten steilen Stück, auf dem die Schafe einzeln marschieren müssen, liegt das Problem nicht beim Gelände, sondern bei Leuten, die nicht ausweichen. Informationen, wie man sich verhalten sollte, hat keiner bekommen.

Das Fest nach der Ankunft, welches parallel zum Aufteilen der Schafe auf die einzelnen Bauernhöfe stattfindet, spiegelt das Erlebte schön wider. Eine Mischung aus Tradition und Moderne zwischen Volksmusik und Parkplatzsuche. Gleich wie unsere Wanderung: Ein altes Ritual, das in der heute von Tourismus und Moderne geprägten Region mit der Verschmelzung zurechtkommen muss. Und gleichzeitig auch ein positives Beispiel, wie eine durchaus fragile Region wie die Alpen nachhaltig und zukunftsorientiert genützt werden könnte.

Die Lämmer sind mittlerweile sicher im Stall gelandet. Die Alternative – dass sie auf einem der Grillteller als Lammspieß angeboten werden – wäre für alle neuen Ersatzmamas kaum zu ertragen.

Der Aufbruch der Schafe

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.