Transhumanz: Zwischen Schafen, Steinen und Schaulustigen

(c) Katharina Kropshofer

Jedes Jahr im Juni werden rund 3.000 Schafe aus Südtirol auf Weideflächen ins Ötztal getrieben – jedes Jahr im September geht es wieder zurück. Wie kann ein uraltes Ritual wie dieses in einer Zeit von Selfie-Sticks und Luxushotels überleben? Wir haben die Schafe und Hirten begleitet.

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Ein Ameisenhaufen Schafe
Weltweit gibt es etwa eine Milliarde Schafe. Das ist mehr als ein Siebtel der Menschheit. Ungefähr tausend von ihnen sind schon um 5 Uhr morgens aus dem Ötztal aufgebrochen und erscheinen nun langsam wie ein Haufen Ameisen auf meinem Horizont. Ihre Unterkunft der vergangenen drei Monate liegt etwa sechs Stunden von dem auf über 3000m hoch gelegenen Hochjochhospiz entfernt, der Gipfel der nun vor uns liegt. Von der ehemaligen Grenzhütte zu Österreich sieht man hier am alpinen Ende des Südtiroler Schnalstals den Zug der Schafe schon von Weitem. Je mehr Steine man beim steilen Abstieg in Richtung Schafe zurücklasst, desto lauter werden die unzähligen Glocken, die wie ein diffuses Windspiel klingen und vom Gehirn schon bald ausgeblendet werden.

Bald sind auch Schreie wie „Lek Lek“ erkennbar, ein für die Region typischer Lockruf. Ab und zu hört man auch ein nachgeahmtes Bellen und Mäh-en der knapp zehn Hirten, welche die Herde begleiten. Natürlich kommt auch das echte Bellen der fünf Hirtenhunde dazu, großteils Border Collies, die so aussehen als ob sie nur geduldig und aufgeregt darauf warten, bis sie Befehle erteilt bekommen. Dann laufen sie schnell und teilen etwa eine Gruppe ab, um Bewegung in die große Masse zu bekommen. Auch verwirrte Einzelgänger werden so wieder schnell auf den richtigen Weg gebracht.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

Transhumanz und Transhumans
Aufgeteilt auf drei Tage legen die insgesamt 3000 Schafe mit ihren Hirten dabei 45 km auf einem Höhenunterschied von bis zu 5000 Meter zurück – und jetzt gehen sie den gleichen Weg zurück. Das ganze Spektakel ist Teil der sogenannten Transhumanz – eine spezielle, traditionelle Art der Weidewirtschaft, in der saisonal ein Wechsel der Weideplätze geschieht (lateinisch: trans= jenseits, humus= Erde, Anm.). Ihre Sommerweideplätze liegen im Nordtiroler Ötztal und die Pfade, auf denen sie wandern, haben prähistorischen Ursprung im gesamten Mittelmeerraum. Ein genaues Datum der ersten Transhumanz in dieser Gegend gibt es nicht, jedoch sehr viele Hinweise, dass dieses Ritual schon lange existiert. Denn die Domestizierung von Schafen begann schon vor 9.000 Jahren. Im Schnalstal sind die Wiesen außerdem zu steil und zu mager, um beispielsweise Rinder zu halten, aber perfekt für die bergtauglichen Schafe.

Eine andere Assoziation mit dem Begriff könnte leicht abgeändert auf den Menschen bezogen werden: Transhumans würde somit heißen, dass auch wir Menschen einen solchen Weg zurücklegen. Eine Reise machen, etwas überwinden, zu uns kommen? Der meditative Aspekt des Weges ist kaum zu bestreiten, wenn man sich den Hirten anschließt und nur auf die einzelnen Steine konzentriert mit der Masse an Schaf, Hund und Mensch mitzieht. Ganz in der Nähe des heutigen Gipfels, am Tisenjoch, wurde Ötzi, die berühmte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit, gefunden. Vermutlich auch ein Hirte. Umso besonderer wirkt dieser Weg nun, der in einer Einbuchtung zwischen recht verkümmerten Gletschern zur „Bellavista“, also „Schönen Aussicht“- Hütte führt. Eine der Hirtinnen erzählt, dass sie schon seit 40 Jahren mit dem Rest ihrer neun Geschwister dabei ist. Eine Familientradition sozusagen und somit auch Teil einer hundertjährigen Logik, eine Tradition, die alle wie selbstverständlich mitmachen.

On the Road
„Nimmsch du des Scheißerle?“ fragt einer ihrer Brüder und zeigt auf ein klein geratenes, schneeweißes Lamm, das ein bisschen verwirrt durch die Gegend stapft. Da es erst am Vorabend zur Welt gekommen ist, sieht man sogar noch die Nabelschnur mit vertrocknetem Blut. Nach einer Eingewöhnungsphase schmiegt sich das Wollknäuel wie eine flauschige Wärmflasche an den Bauch und entspannt sich auch. Gut so, denn drei Stunden durch alpines Gelände liegen noch vor uns.  „Na schau, die packt des richtig an“, meint er und stolz können wir weiterziehen – mit der Schafmama im Schlepptau. Ein anderer Helfer hat eine etwas schwierigere Mutter erwischt. Während meine bereitwillig folgt, erinnert diese eher an eine Mutter im fortgeschrittenen Alter, die ihr erstgeborenes Kind besorgt keinen Moment lang aus den Augen lassen will. Am Ende des Marsches wird sie sich ihre Stimme heiser geschrien haben. Wenn sie sich nach hinten biegt, um ihren Nachwuchs zu begutachten, wundert man sich, dass es noch keine Yoga-Pose gibt, die nach dieser Position benannt ist.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

Schafkunde Lektion 1: Ab und zu soll man das Lamm dem Mutterschaf zeigen und es riechen lassen. Anregung für den Mutterinstinkt. Andere Hirten tragen bis zu vier Lämmer in mehrstöckigen „Kraxen“, also Tragevorrichtungen für den Rücken, die schon seit hunderten Jahren für den Transport von Heu in den Alpen verwendet wurden. Das hilft vielleicht gegen die Krämpfe in den Armen, ist aber für die Mütter nur verwirrend – denn den Geruch vom eigenen Kind aus so vielen herauszuriechen sei nicht so einfach. Deswegen setzen unsere Hirten eher auf die traditionelle Variante. Einer von ihnen kommentiert die zärtliche Art, wie die Lämmer im Arm gehalten werden so: „Die Liebe kommt und geht – ma geht a Stückl mit dem, a Stückl mit dem.“ Gleich wie mit den Schafen? „Ja genau. Aber wir sind vielleicht decht a bissl anders.“ Sind wir das? Als das kleine Schaf in meinen Armen einschläft, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher.

Lies darüber, wie Tourismus diese Tradition gefährdet

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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