Kommentar: Erwartungshaltung führt zu Haltungsschäden

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Der dreifache Weltmeister und Olympiasieger in der Nordischen Kombination, Felix Gottwald, glaubt zu wissen, wie Österreich wieder zu einer Sportnation werden könnte. Ein Gastkommentar des erfolgreichsten Olympioniken der österreichischen Geschichte.

Der Schneekugeleffekt wirkt auch im Sommer. Vor, während und nach Olympia hat sich das Österreichische Sportsystem – das auf Außenstehende mit seinen politischen Repräsentanten und Institutionen, mit Funktionären, Athleten, Wirtschafts- und Medienplayern wie eine Anderswelt hinter Glas wirken muss – selbst geschüttelt. Auch gerührt? Man wird sehen. Die Spiele sind vorbei. Die Bronzene ist gefeiert. Österreichische Rekorde in den Paradedisziplinen Lamentieren, Ausredenfinden, Schuldzuweisen und Aufschieben sind gefallen. Allmählich setzt sich die Aufregung über das „Olympia-Debakel“, wie Medien werteten, wieder. Warum schmerzt uns der Blick in den trüben Medaillenspiegel so? Weil wir sehen, wo wir stehen! Unser Spitzensport ist ein gesellschafts- und sportpolitisches Röntgenbild. Es zeigt alle Haltungsschäden, Bewegungsblockaden und das Mittelmaß im System. Ich durfte ein Vorwort zum offiziellen Olympia Guide schreiben, nachdem ich so viele Mails und Fragen zum Olympia-Thema bekommen habe, hier meine Bestandsaufnahme als Nachwort.

Der Sport braucht neues Denken
Vielleicht ist Olympia als Idee deshalb generell so in die Krise geraten, weil der Begriff „Spiele“ nicht mehr passt? Mit jeder Nicht-Medaille in Rio wurden die Wettkämpfe durch die rot-weiß-rote Brille eher Wettkrämpfe.

„Erwartungshaltung“, hat mir mein Trainer und Mentor Günther Chromecek früh genug erklärt, dass sich für mich in diesem Leben noch sieben Olympiamedaillen ausgegangen sind, „führt zu Haltungsschäden“. Ein kluger Satz und zeitlos aktuell. Gerade jetzt nach Rio. Eine Medaille ist um eine mehr als gar keine (wie in London), aber um zwei bis vier weniger als die von Koordinator Peter Schröcksnadel persönlich ausgegebene Mindesterwartung von drei bis fünf Medaillen. Klar, man soll sich im Sport Ziele setzen. Andererseits: Der beste Weg in die Depression ist, weiß man aus Coaching und Therapie, Ist-Soll-Abweichungen zu konstruieren und dann viel Drama zu machen, wenn sie eintreten. Genau das ist in der öffentlichen Diskussion – wie nach der Fußball-EM und immer, wenn offizielle Erwartungshaltungen nicht erfüllt werden – wieder passiert. Zur Enttäuschung kamen in der Sommersport-Schneekugel Hickhack, Schuldzuweisungen, Besserwisserei, Opfermythos, Lagerbildung. Nicht das, was man eine förderliche Umgangskultur nennt.

Ich schätze Peter Schröcksnadel für vieles, was er erreicht und auch mir ermöglicht hat. Die Aussage allerdings, wonach Olympiasportler keine Psychologen, sondern Killerinstinkt bräuchten, ist Ausdruck der realen geistig-mentalen Verfassung im Spitzensport. Die Zwanghaftigkeit, mit der an den überholten Konzepten festgehalten wird, ist Teil des Problems.
Teil der Lösung? Wären Dehnungsübungen der Verantwortlichen im Sport für mehr Kritik- und Reflexionsfähigkeit. Für mehr Öffnung für Neues, das auch aus der Welt außerhalb der Sport-Schneekugel beigetragen werden darf, anstatt der Verteidigung von Macht-Komfortzonen. Anders formuliert: Als echte Sportnation brauchen wir Sport-Kameraden statt Sport-„Dramaraden“.

Der Sport rettet unsere Zukunft
Die Diskussion um Medaillen, Schwimmbecken und Olympia-Touristen ist so oder so viel zu kurz gegriffen! Die Erfolglosigkeit im Spitzensport zeigt nur generelles politisches Versagen. Wenn man sich, wie ich das beruflich tun darf, mit den neueren Studien zur Bedeutung von Sport für sämtliche Bereiche sowohl körperlicher, als auch geistig-seelischer Gesundheit von Menschen beschäftigt, ist klar: Es MUSS ein nationales, politisches Anliegen höchster Priorität sein, eine echte Sportnation zu werden. Das sind wir nicht wegen drei, fünf oder zehn Medaillen mehr bei Olympischen Spielen. Wir sind eine Sportnation, wenn alles unternommen wird, damit Menschen von der Wiege bis zur Bahre eingeladen, inspiriert, bestärkt werden, sportliche Bewegung in ihr Leben zu integrieren. Das rettet die Zukunft. Allein der Eiertanz um die tägliche Bewegungseinheit in Schulen zeigt, dass Sport auch für die Politik bis jetzt nicht viel mehr als ein Stammtischthema war und ehrliches Commitment fehlt.

Jetzt haben wir wieder einen neuen Sportminister, der wieder die Chance hat, Sport zu einem nationalen Anliegen zu machen. Ich habe ihm natürlich keine Empfehlungen zu geben. Würde er mich fragen, würde ich ihm sagen: „Setzte alles auf diese Karte und fang bei dir selbst an. Lass ganz Österreich teilhaben, wie du dich selbst sportlich in Form bringst.“ Das hätte echte Vorbildwirkung, wohl auch auf politische Umfragen. Wir alle lernen alles im Leben von Menschen, die uns ein Vorbild sind, indem sie uns etwas vorleben; hier ist anzusetzen, von der Politik bis in die Familien.

Der Sport braucht Kultur
Angeblich gibt es zur Strukturreform einen Geheimplan, der in drei Wochen fertig sein soll und vor drei Tagen in der Zeitung stand. Der Weiterentwicklung des Sports einmal einen professionellen, zeitgemäßen, unternehmerischen Rahmen zu geben, etwa eine Träger-GmbH, wäre ein Signal, dass das Thema ernst(er) genommen wird. In sportlich erfolgreicheren Sportverbänden (Fußball, Ski) hat sich der Ansatz bewährt. Das Ehrenamt im Sport ist wichtig und unverzichtbar, aber es ist kein Modell für alles: Ehrenamtlichkeit birgt immer die Gefahr von Wertschätzungsdefiziten, die dann anders kompensiert werden. So entsteht das Funktionärsposing, das dem Image des Sports schadet: Jemand will etwas Gutes, hängt sich voll rein, kriegt nicht annähernd zurück, was er investiert – und beginnt dann, sich Aufmerksamkeit „zu holen“.

Stutzig macht mich der Zeitdruck, der fast immer mediengetrieben ist. Wenn offenbar jetzt schon klar ist, dass wir 2020 in Japan wieder nicht viel reißen werden, dann wird der neue Masterplan vielleicht länger als drei Wochen Zeit haben, um in den besten Köpfen zu reifen. Im Sportsystem Köpfe rollen zu lassen um sie durch andere auszutauschen nur als Verlegenheitsaktionismus, ist kein Masterplan. Vielleicht könnten die Sport-Verantwortlichen experimentell versuchen, einmal neue Köpfe – die weder Freunde, Parteigenossen noch sonst auf den ersten Blick systembrav genug sind – einzubinden. An Kompetenz im eigenen Land mangelt es nicht. Das Allerwichtigste im Spitzensport wäre aus meiner persönlichen Erfahrung – auch im Coaching mit einzelnen aktiven jungen Top-Athleten im In- und Ausland – mehr menschliche Kultur.

Wir kennen alle die Geschichten von Hermann Maier, der vom System früh aussortiert wurde, um später der Größte zu werden. Oder von Marcel Hirscher, dem gesagt wurde, er werde mit 13 Jahren kaputte Knie haben. Oder meine Geschichte, dass meiner Mama beim ersten Elternsprechtag im Skigymnasium gesagt wurde: „Nehmen’s den bitte wieder mit – aus dem wird nix.“ Die Liste der schwarzen Pädagogik im Sportsystem ist endlos. Kinder – noch einmal: Kinder! – in „gut“ und „schlecht“ zu klassifizieren, ist grundfalsch.

Norwegen wird berechtigterweise als gelungenes Modell einer echten Sportnation genannt. Mein Freund Trond Nystad, langjähriger Erfolgstrainer des norwegischen Langlaufnationalteams und seit kurzem Langlaufkoordinator im ÖSV, nennt als wesentlichsten Unterschied: pauschalisierende Werturteile über AthletInnen unter 18 Jahren sind in Norwegen tabu. Ganz einfach, weil der Unterschied zwischen biologischem und chronologischem Alter nicht fassbar ist und deshalb Leistungspotentiale nicht einschätzbar. Natürlich: Auch in Norwegen gibt es nach immerhin vier Bronzemedaillen Diskussionen. Nur ist der Sport dort in der Gesellschaft anders verankert. Wenn der König Geburtstag hat, dann feiert er mit dem Volk beim Langlaufen. Auf allen Einladungen, die ich jemals für Kanzlerfeste bekommen habe, stand nie etwas von gemeinsamem Sport.

Wenn das Ziel einer Sportnation ist, möglichst viele junge Menschen über die Werte des Sports auf das Leben vorzubereiten – und ein anderes Ziel können auch wir in Österreich nicht haben – dann ist dieser Selektionsgedanke kontraproduktiv. Deshalb wäre auch unser Kadersystem von Grund auf zu überdenken.

Sport als Rolemodel 1+1=3
Wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo Solisten und Egomanen erfolgreich sein können. Ich sehe das tagtäglich in meiner Arbeit mit Wirtschaftsunternehmen: Wo es gelingt, das Prinzip von 1+1=3 als Grundeinstellung zu etablieren, ist Erfolg, was folgt. 1+1=3 bedeutet: Ich vertraue drauf, dass mein Beitrag erst und nur dann seinen vollen Wert entwickelt, wenn ich mich mit anderen vernetze, die auch auf dasselbe Prinzip vertrauen. Dann kommt in Summe etwas heraus, das größer ist als alle Einzelbeiträge.

Der Sport wäre prädestiniert, Rolemodel für diese Geisteshaltung zu sein. Wo ich das am Unmittelbarsten wahrnehme, ist bei Laureus, wie erst kürzlich bei einem Camp für sozial benachteiligte Kinder aus österreichischen Laureus Projekten. Der Sport als Medium für ein Füreinander. Ist das die gelebte Umgangskultur in unserem Sportsystem? Nein, noch nicht! Die rigide Sportstruktur, ein Relikt aus einer anderen Zeit, zeigt am besten, wie Resistent sie gegen Veränderung ist. In der Sport-Schneekugel steht eine Trutzburg, die seit Jahrzehnten verteidigt wird.
Was ging für 1+1=3 schnell und würde keine Millionen kosten? Die vorhandene Kompetenz auf Augenhöhe zu teilen. Sportwissenschaftliches Wissen, Trainingsmöglichkeiten, Erfahrungen, Ressourcen, alles, was Sinn macht. Die Mir-san-mir-Mentalität in den Sportfachverbänden, begünstigt durch ein recht umstrittenes Fördersystem, verhindert diesen Austausch. In Norwegen wäre undenkbar, dass ein Trainer die Nation wechselt und es Knowhow-Abfluss gibt. Denn alles Entwickelte in der zentralen Datenbank des Olympiaverbandes gespeichert und für alle nutzbar. Außerdem: Was ist denn verkehrt daran, wenn österreichisches Sport-Knowhow in anderen Ländern zu guten Ergebnissen führt?

Es gibt so viele Fragen, die im Zuge einer ernsthaften österreichischen Sportreform zu stellen wären. Etwa ob es wirklich drei verschiedene Dachverbände braucht, um Menschen für Sport zu begeistern? Ist Entpolitisierung des Sports wirklich ein Ziel (wie viele ehrenamtliche Funktionäre hätten wir dann noch?) oder geht es darum, die Politik in die Pflicht zu nehmen und es nur aus dem einzigen Grund, dem sicheren Kollabieren unseres Gesundheitssystems entgegenzuwirken? Das Sportressort ist nicht das beliebteste unter den Politikern, bislang bekamen es die, die sich nicht schnell genug geduckt haben: Warum?
10.000 Stunden intensive und begeisterte Beschäftigung mit einer komplexen Materie, weiß man aus der Hirnforschung, ist eine gute Voraussetzung, um exzellente Kompetenzen in einer Sache zu entwickeln. Wir haben viele beste Köpfe in Österreich, vielleicht manche (noch) nicht in offiziellen Sportfunktionen, aber es gibt sie. Und mit ihnen kann gelingen, dass wir noch eine echte Sportnation werden.

Gastkommentar von Felix Gottwald.
Felix Gottwald ist einer von weltweit 200 Laureus Botschaftern, Athlete Rolemodel des IOC und Ehrenbotschafter des Jane Goodall Institutes.

Titelbild: (c) Raimund Appel


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