BP-Wahl: Weißwählen bringt nichts

weiß wählen titel

Weißwähler verschwenden ihr Recht auf Mitbestimmung und liefern sich dabei anderen Menschen aus. Konstruktiv ist einzig die Erhöhung der Wahlbeteiligung. Eine Abrechnung mit der ungültigen Stimme. Ein Kommentar von Peter Emrich.

Rot, Schwarz, Blau, Grün, Rosa und Gelb – gerne wird das politische Spektrum eines Landes in Farben getunkt, um so eine Darstellung der Politik zu vollziehen. Aber streng genommen fehlt in dieser Auflistung die Farbe Weiß. Beim zweiten Durchgang zur Wahl des Bundespräsidenten wurden 3,6 Prozent der abgegebenen Stimmen als ungültig registriert – das sind über 160.000 Stimmen. Weiß findet als die Farbe der Unschuld in der Politik große Beliebtheit, eine „weiße Weste“ zieht man sich mit einer ungültigen Stimme jedoch nicht an.

Schade um die Zeit
Einen ungültigen Stimmzettel abzugeben wird im Volksmund „weiß Wählen“ genannt. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Von „da kann ich meinen Protest anbringen“, über „der eine ist zu rechts, der andere zu links“, bis hin zu einer Art Resignation, dass kein Kandidat der „eigenen“ Partei mehr am Wahlzettel aufscheint, reichen die Begründungen.

Obwohl die Stichwahl zwischen Alexander Van Der Bellen und Norbert Hofer polarisiert: Im Verhältnis zu anderen Wahlen war die Anzahl der Protestwähler jedoch relativ gering. Viele ungültige Stimmen gab es bei der Wiederwahl von Heinz Fischer mit 7,1 Prozent. Sogar noch höher – mit 7,3 Prozent ungültigen Stimmen – war die Bundespräsidentenwahl 1980 ausgegangen. In beiden Fällen haben sie bis heute de facto nichts bewegt.

Gleichgültigkeit ist bedenklich
Demokratie und freie Wahlen sind hohe Güter, welche sich moderne Demokratien hart erarbeitet haben. In manchen Ländern werden Menschen, die sich für freie Wahlen einsetzen verfolgt. Und bei uns leisten sich einige den Luxus zu sagen: „Ich gehe zwar zur Wahl, aber mitbestimmen tu ich nicht“. Das ist sehr bedenklich.

Demokratie ist immer gekennzeichnet von Kompromiss. Daher ist auch die Wahl immer eine, in der man sich für die Kandidaten oder Parteien entscheidet, die die positiven Erwartungen und Forderungen am besten abdecken. Die Argumentation mit dem „kleineren Übel“ macht hier keinen Sinn, denn so wird das Negative in den Vordergrund gestellt und eine falsche Wahrnehmung geschaffen – die Wahrnehmung, dass alles schlecht ist, was in der Politik passiert bzw. es in Entscheidungsprozessen nur Notlösungen gibt.

Der Punkt ist aber, dass es nie Kandidaten bzw. Parteien geben wird, die exakt Ihre Meinung vertreten. Da müssen die Unzufriedenen schon selber kandidieren oder sehr lange warten. Das wiederum setzt eine narzisstische Störung voraus, nur das zuzulassen, was einem gefällt und was die eigene Meinung darstellt.

Nichtwähler verschenken ihre Stimmen anderen Wählern
Man muss sich vor Augen halten, dass auch wenn eine Mehrzahl an Nichtwählern bei einer Wahl auftreten würde, trotzdem jene, die eine gültige Stimme abgegeben haben, darüber entscheiden, wer letztendlich gewählt wird. Denn bei Wahlen gilt: Jene Partei oder jener Kandidat gewinnt, der die Mehrheit der gültigen Stimmen auf sich vereinen kann. Somit entscheiden in jedem Falle jene Wähler, die eine gültig gewählt haben. Wer ungültig wählt, liefert sich also dem Willen der Wähler aus, die gültige Stimmen abgegeben haben. Im Nachhinein über ein Ergebnis zu jammern, welches man zuvor mit beeinflussen hätte können, wirkt auf alle die eine produktive Entscheidung gefällt haben zynisch. Denn so stellen sie sich als Unschuldige, gemäß der Farbe Weiß, dar, die nichts mit dem Wahlausgang zu tun haben wollen.

Im Buddhismus gilt Weiß als Ausdruck der Trauer. In diesem Sinne legt der Autor sein weißes Gewand an, wenn ihm jemand erklären will, warum man weiß wählen muss.

Titelbild: (c) Rebecca Steinbichler


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4 Comments

  1. Ludwig von Leiner

    7. September 2016 at 22:31

    Kann nicht ganz nachvollziehen warum mit sogenannten „Weißwählern“ vielerorts „abgerechnet“ werden muss, während die simplen Nichtwähler (die sich oftmals noch nicht mal mit der Thematik beschäftigt haben) immer recht verschont davon kommen.

    Es gibt vielleicht keine guten, aber mit Sicherheit wesentlich mehr Gründe weiß zu wählen, als gar nicht wählen zu gegen. Wahlen haben immer auch eine Symbolik. Nicht zu wählen symbolisiert Desinteresse, weiß zu wählen symbolisiert zumindest Unschlüssigkeit oder Unzufriedenheit.

    • Enni

      8. September 2016 at 16:28

      Sie haben recht. Nicht wählen zeigt dass es einem egal ist, beim weiss wählen trifft man eine bewusste Entscheidung und will etwas aufzeigen. Ich finde das Modell der Schweiz dabei sehr interessant wo bei einer gewissen Anzahl an weiß Wählern eine Wahl nicht gültig ist.
      Gar nicht zu wählen finde ich nicht in Ordnung. Natürlich hat jeder das Recht zu tun was er möchte. Aber das Wahlrecht würde hart erkämpft und wird in anderen Ländern auch noch.

  2. Dominik Knapp

    7. September 2016 at 23:03

    Ich kenne eine Hand voll an Weißwählern aber niemanden auf den folgender Teil zutreffen würde:
    „Im Nachhinein über ein Ergebnis zu jammern, welches man zuvor mit beeinflussen hätte können, wirkt auf alle die eine produktive Entscheidung gefällt haben zynisch.“

    Die Wahl zwischen Van der Bellen und Hofer ist ähnlich der Entscheidung ob man sich lieber den Daumen der linken oder den Daumen der rechten Hand abhacken will. Wenn man ganz tief in sich geht, wird man sich als Rechtshänder wohl für den Daumen auf der linken Hand entscheiden. Wirklich überzeugt ist man aber von keinem der beiden Szenarien.

    Da es zum Glück keinen Wahlzwang gibt, ist die elegantere Möglichkeit, einfach gar keinen Daumen abzuschneiden. Das mag feig, verantwortungslos oder was auch immer sein. Ist mir persönlich aber immer noch tausendmal lieber, als sich einem Bauchgefühl hinzugeben oder irgendwas anzukreuzen, ohne sich viel mit der Materie zu beschäftigen. Und diese beiden genannten Fälle gibt es auch unglaublich oft.

  3. Lisa

    3. Dezember 2016 at 02:32

    Also laut diesem Artikel bin ich eine Narzisstin, weil mir keiner von beiden Kandidaten zusagt? Ich bin ja grundsätzlich schon ein großer Fan von Ferndiagnosen von Nicht-Psychologen. 🙂 (und Verallgemeinerungen!)
    Obwohl doch davon gesprochen wird, dass man nicht das kleinere Übel wählen sollte sondern für und nicht gegen einen Kandidaten sein sollte..
    Ich will meine Stimme nicht abgeben, sondern behalten, und ich bin ganz klar nicht einverstanden mit diesem System, ganz egal welche Kasperl uns „regieren“.

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