Voluntourismus: Das Geschäft mit den Gutmenschen

Freiwilligenarbeit liegt im Trend – eine Entwicklung, aus der viele Vermittlungsagenturen reichlich Profit schlagen. Mit nachhaltiger Entwicklungshilfe hat dies in vielen Fällen jedoch nichts zu tun.

Immer mehr junge Menschen wollen soziales Engagement zeigen. Besonders beliebt ist es, kurze Freiwilligeneinsätze mit Reisen durch ein Land zu verbinden. Zahlreiche kommerzielle Vermittlungsagenturen springen auf diesen Trend auf: Von der Kinderbetreuung im ghanaischen Waisenhaus bis zum Hausbau in Nepal ist alles möglich – und nach zwei Wochen getaner Wohltätigkeit kann der Urlaub fortgesetzt werden. Mit der Freiwilligenarbeit wurde eine neue Reiseform erfunden, die längst Teil der Tourismusbranche ist: der Voluntourismus. Doch wirft man einen Blick in den Hintergrund des Geschäfts, wird schnell klar: Gut gemeint ist nicht immer gut getan.

„Ein bisschen reisen, ein bisschen helfen“
„Das Leben besteht bekanntlich aus Geben und Nehmen. Um auch etwas zurückzugeben, entschied ich mich für einen Freiwilligendienst in Kambodscha“, schreibt Christian Kuttner in einem Erfahrungsbericht auf der Website von Projects Abroad. Nach dem 2. österreichischen Freiwilligenbericht aus dem Jahr 2012 werden 93 Prozent der in der Freiwilligenarbeit tätigen Personen von altruistischen Motiven angetrieben. Der Wille anderen zu helfen ist also vorrangig. Aber warum diesen Wunsch nicht im Heimatland ausleben? Robert Bichler und Eva Gaderer sind die Betreiber der Online-Plattform DeeperTravel, welche Tipps für Volunteers und nachhaltiges Reisen bereithält. Sie sehen in der Lust, Reisen mit Freiwilligenarbeit zu verbinden auch egoistische Motive solcher Einsätze verankert: „Freiwillige schätzen, dass sie durch ihre Tätigkeit leichter Kontakte knüpfen können, interessante Begegnungen machen und ihre Reise nachhaltiger gestalten können.“

Johannes Ruppacher, Geschäftsführer der Organisation VOLUNTARIAT bewegt, schätzt auch die Beruhigung des eigenen Gewissens als Motivationsgrund ein: „Viele Freiwilligenhelfer stellen sich vor, dass sie ihr soziales Gewissen ausgleichen können, wenn sie ein bisschen reisen und ein bisschen irgendwo mitarbeiten.“ Die im Rahmen des Voluntourismus angebotenen Programme sind hier behilflich und bieten, so Robert Bichler und Eva Gaderer, „vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme an“. Nach dem Motto: Jeder kann helfen und einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten, sei es auch nur zwei Wochen lang in einem Waisenhaus in Kambodscha.

Freiwilligeneinsatz kostet
Die hohe Nachfrage sorgte für ein rasantes Ansteigen an Anbietern für Freiwilligeneinsätze in den letzten Jahren. Dabei muss grundsätzlich zwischen staatlich anerkannten (z.B. grenzenlos) oder teilweise sogar staatlich unterstützen (z.B. VOLUNTARIAT bewegt) Organisationen und kommerziellen Agenturen (z.B. Projects Abroad) unterschieden werden. Durch die stetig wachsende Nachfrage überwiegt die Anzahl kommerzieller Agenturen jedoch deutlich. Die größte im deutschsprachigen Raum ist Projects Abroad. Die Website lockt mit Bildern und Erfahrungsberichten von strahlenden Freiwilligenhelfern bei der Kinderbetreuung oder beim Füttern eines mutterlosen Affenbabys. Beim Anblick der Preisliste verschwindet jeder Anflug von Euphorie jedoch sofort:

Für einen dreiwöchigen Freiwilligeneinsatz in einer Schule im kambodschanischen Phnom Penh zahlt ein Freiwilliger bei Projects Abroad 1860 Euro – ohne Flug. Das entspricht dem Jahreslohn eines Lehrers in Kambodscha. Inkludiert sind bei diesem Preis laut Website Unterbringung und Verpflegung, Visum, Versicherungspaket, Transportkosten und 24-Stunden-Betreuung vor Ort. Eine Grafik veranschaulicht die Verteilung der Gesamtkosten: 29 Prozent stellen die oben erwähnten direkten Kosten vor Ort dar – im Falle des dreiwöchigen Kambodscha-Aufenthaltes also in etwa 539 Euro. Nach einer Berechnung der Datenbank Numbeo sind die durchschnittlichen Lebenserhaltungskosten in Kambodscha jedoch um 38 Prozent niedriger als in Österreich. Ebenfalls in den direkten Kosten inkludiert sind die Spenden an die Organisation vor Ort. Diese erhält ca. 90 Euro in Form von benötigten Materialien monatlich pro Freiwilligenhelfer. Projects abroad rechtfertigt die Kosten des Freiwilligenaufenthalts folgendermaßen: „Der Kostenbetrag wird nicht nur für die Zeit im eigenen Projekt genutzt, sondern auch um unsere Projekte langfristig und nachhaltig zu entwickeln und zu überprüfen.“ Zum Vergleich: Die staatlich anerkannte Organisation grenzenlos verlangt für einen gleichwertigen Einsatz in Kambodscha 790 Euro. grenzenlos arbeitet hierbei auf Selbstkostenbasis und wird durch ehrenamtliche Tätigkeit unterstützt.

„Stellen Sie sich vor, zu uns kommt jeden Monat eine Lehrerin aus einem anderen Kulturkreis ohne Programm, ohne Ausbildung und macht irgendetwas.“

Das Gegenteil von gut
Kennzeichnend für den Voluntourismus sind vor allem die kurzen Freiwilligeneinsätze im Sinne von zwei Wochen Waisenhaus, zwei Wochen Surfen. Laut Michael Obrovsky nutzen diese Einsätze in erster Linie den Freiwilligen selbst – als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung. Konkrete Einsätze müssten „case by case beurteilt werden“, doch im überwiegenden Fall stellen kurzfristige Einsätze für Obrovsky keine zufriedenstellende, nachhaltige Kooperationen mit Organisationen des globalen Südens dar – besonders im Bildungsbereich: „Stellen Sie sich vor, zu uns kommt jeden Monat eine Lehrerin aus einem anderen Kulturkreis ohne Programm, ohne Ausbildung und macht irgendetwas.“ Im Falle von Workcamps, bei denen Menschen für wenige Wochen gemeinsam an einem Projekt wie dem Ausbau der Infrastruktur eines Dorfes oder Müllsammelaktionen arbeiten, seien kurze Einsätze jedoch auch nachhaltig hilfreich.

VOLUNTARIAT bewegt, eine Initiative von Jugend eine Welt und der Salesianer Don Boscos, bieten ausschließlich Freiwilligensätze mit der Dauer von einem Jahr an. Geschäftsführer Johannes Ruppacher erklärt, warum: „Wenn man mit Klischees überladen in ein Land des globalen Südens reist und dann nur so einen kurzen Einblick bekommt, hilft das sicher nicht, Vorurteile abzubauen.“ Im sozialen Bereich hält er kurze Einsätze sogar für sehr kontraproduktiv. Diese sei mit intensiver Beziehungsarbeit verbunden, was in einem so kurzen Zeitraum nicht funktionieren könne. Der abrupte Wechsel von liebgewonnenen Bezugspersonen kann zu emotionalen Traumata und Bindungsstörungen bei den Kindern und Jugendlichen führen. Dies zeigt sich in dem großem Bedürfnis der Kinder nach Nähe und Aufmerksamkeit

Nur 21 Prozent verlangten einen Lebenslauf und nur 44 Prozent ein polizeiliches Führungszeugnis.

„Learning by doing“
Um bei Voluntariat bewegt mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu dürfen, müssen angehende Freiwillige vorweisen können, bereits ein Jahr regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen in Österreich gearbeitet zu haben. Projects abroad und grenzenlos setzen keine pädagogischen Vorerfahrungen voraus. Für Christoph Mertl, Geschäftsführer von grenzenlos, sind vor allem persönliche Kompetenzen wie Offenheit und Selbstständigkeit ausschlaggebend, ob jemand für einen Freiwilligeneinsatz geeignet ist. „Den Rest lernt man vor Ort mit Betreuung. Das ist ja auch der wesentliche Unterschied zwischen Freiwilligenprogrammen und Experteneinsätzen.“ Die Organisation Tourism Watch veröffentlichte 2015 eine Studie über die Folgen des Booms des Voluntourismus und macht darin auch auf die erheblichen Defizite bei der Überprüfung der Kandidaten für Freiwilligeneinsätze aufmerksam: „Viele Voluntourismus-Anbieter vereinfachen die Aufnahmekriterien für Freiwilligendienste stark, um möglichst viele Freiwillige zu vermitteln.“ Laut Tourism Watch bestehe so die Gefahr, dass sich bei Projekten mit Kindern Personen Zugang verschaffen könnten, um diese sexuell zu missbrauchen. In der genannten Studie überprüfte Tourism Watch 44 Vermittlungsagenturen bezüglich gründlicher Background-Checks der Freiwilligen: Nur 21 Prozent verlangten einen Lebenslauf und nur 44 Prozent ein polizeiliches Führungszeugnis.

Über den Waisenhaus-Tourismus und Tipps für Freiwilligenhelfer

Titelbild: (c) Cornelia Michna


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