Voluntourismus: Das Geschäft mit den Gutmenschen (2)

Voluntourismus: wenn Freiwilligenarbeit von der Tourismusbranche entdeckt wird – Teil 2

Die Schattenseiten der Freiwilligenarbeit
2012 deckte eine Reportage von Al Jazeera Missstände in kambodschanischen Waisenhäusern auf, die mit der Vermittlungsagentur Projects Abroad kooperierten. Mangelnde Überprüfung von Freiwilligen und katastrophale Bedingungen in den Waisenhäusern waren seit Jahren bekannt und wurden auch an Projects Abroad rückgemeldet. Dennoch entsendete die Agentur weiter Freiwillige in diese Waisenhäuser. Sebastian Drobner war 2008 selbst ein Jahr als Freiwilligenhelfer in Kambodscha, danach bis 2012 als Entwicklungshelfer bei Brot für die Welt ebenfalls dort tätig. Als Berater hatte er besonders für die Nachhaltigkeit der Programme Sorge zu tragen. Im Zuge seiner Tätigkeit entdeckte er zahlreiche Missstände in der Voluntourismus-Branche, unter anderem auch bei Projects Abroad: „Lange vor der Ausstrahlung lud ich Projects Abroad in mein Büro ein, um auf die Missstände hinzuweisen. Es wurde mir gesagt, dass die organisationspolitischen Dinge sowie Probleme nicht die Sache von Projects Abroad seien. Ohne die Freiwilligen würde es den Kindern noch schlechter gehen.“

Erst als nach der Ausstrahlung der Al Jazeera Reportage der Druck auf Projects Abroad erhöht wurde, verlangte das Unternehmen von Freiwilligen polizeiliche Führungszeugnisse und beendete bis auf ein Heim für behinderte Kinder all seine Waisenhaus-Kooperationen in Kambodscha. Nach Aussage von Projects Abroad wäre dieser Schritt aber auch unabhängig davon passiert. Ein Problem des Voluntourismus sieht Sebastian Dobner auch in dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage: „Firmen wie International Volunteer HQ sowie Projects Abroad kämpfen in Kambodscha förmlich um die wenigen Einsatzplätze.“ Die Unternehmen arbeiten meist auf Basis von Exclusive Partnerships mit lokalen Organisationen zusammen. Das bedeutet, dass die lokale Organisation einzig und allein mit diesem Unternehmen zusammenarbeiten darf. Laut Sebastian Drobner bietet dieses System vor allem Vorteile für die Firmen, da sie die Verantwortung kostengünstig abgeben können.

Nach einer Studie von Unicef haben 85 Prozent aller „Waisenkinder“ in kambodschanischen Heimen noch mindestens einen lebenden Elternteil.

Waisenhaus-Tourismus
Ein weiteres Problem des Business: der Waisenhaustourismus. Da jede Einsatzstelle Geld kostet, neigen kommerzielle Agenturen dazu, so viele Freiwillige wie möglich in einer Einsatzstelle unterzubringen. Wie bereits erwähnt, erhalten auch die Einsatzstellen Geld für jeden Freiwilligen. Die Logische Konsequenz für grenzenlos-Geschäftsführer Christoph Mertl: „In einem Waisenhaus mit 30 Kindern arbeiten dann, überspitzt gesagt, 20 Freiwillige.“ Doch auch dieses Angebot an Einsatzplätzen ist irgendwann versiegt. Deshalb entwickelten Unternehmer vor Ort neue Strategien, um mehr Plätze für Freiwillige zu schaffen. Es entstanden offiziell als solche deklarierte Waisenhäuser, die jedoch nicht mehr mit „echten“ Waisen gefüllt wurden, sondern mit Kindern, deren Eltern kostenlose Kinderbetreuung angeboten wurde. Der Soziologe Daniel Rössler deckte in seinem Buch ‚Das Gegenteil von gut…ist gut gemeint‘ auf, dass in Ghana diese Geschäftspraxis flächendeckend zum Einsatz kommt. Mittlerweile hat die Republik Ghana dagegen gesetzliche Vorschriften erlassen. Aber auch in Kambodscha ist dieses Problem Teil der Voloutourismus-Branche. Nach einer Studie von Unicef haben 85 Prozent aller „Waisenkinder“ in kambodschanischen Heimen noch mindestens einen lebenden Elternteil.

Durch intensive Berichterstattung und Sensibilisierung in den Medien verzichten viele Entsendungsorganisationen mittlerweise darauf, Freiwilligeneinsätze in Waisenhäusern zu vermitteln. Projects Abroad reagierte 2013 mit Richtlinien zum Kinderschutz, in denen sie mitteilen, dass ihre Partnerorganisationen keine Zahlungen basierend auf der Anzahl der Kinder in der Einrichtung erhalten. Laut Robert Bichler und Eva Gaderer sei das Problem Waisenhaustourismus jedoch noch immer vorhanden. Es verlange seitens der Freiwilligen einerseits Reflexion bezüglich der eigenen Vorurteile und Rassismen und andererseits, sich mit Neo-Kolonialisierung zu beschäftigen und die eigene Rolle in dieser Welt zu hinterfragen: „Es gibt viele Menschen, die sich nicht vorstellen können einen Tag im Kindergarten in der Nähe zu verbringen, aber mit ‚Kindern in Afrika‘ arbeiten möchten.“ Christoph Mertl möchte dagegen auch die positiven Aspekte von Waisenhaus-Einsätzen hervorheben: „Wenn ein oder zwei Freiwillige dort sind, die ordentlich ausgewählt und vorbereitet sind und wenn allen Kindern klar ist, dass diese ein Jahr bleiben und was sie machen, hat das noch nie geschadet.“

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(c) ChildSafe Movement

Wie kann ich verantwortungsvoll helfen?
Laut Tourism Watch sind bei der richtigen Wahl von Freiwilligeneinsätzen die Volunteers selbst am meisten gefragt, denn Nachfrage für unseriöse und keineswegs nachhaltige Programmen erzeugt wiederum ein steigendes Angebot ebensolcher. Doch das ist einfacher als gesagt. Der Voluntourismus-Branche fehlt es an Transparenz. Stimmen nach einem Gütesiegel für Vermittlungsagenturen werden immer lauter. Bis dahin liegt es an den Freiwilligen, bei der Reiseplanung eine gesunde Skepsis an den Tag zu legen und sich nicht zu scheuen, Fragen zu stellen. Einen Überblick und Beratung im tiefen Sumpf des Freiwilligen-Geschäfts bieten unter anderem:

  • der Blog Deeper Travel von Robert Bichler und Eva Gadererer.
  • die Website Responsible Volunteering, die am 1. September 2016 online geht und bei der Sebastian Drobner als Verantwortlicher mitwirkt. Hier möchte er Bewusstsein für verantwortungsvolle, nachhaltige Freiwilligenarbeit schaffen und auf unseriöse Agenturen aufmerksam machen.
  • die Plattform WeltWegWeiser, ein Projekt von Jugend eine Welt. Hier gibt es persönliche Beratung und eine unabhängige Übersicht für staatlich anerkannte und teils unterstützte Entsendeorganisationen.
  • dieser Flyer von Tourism Watch mit einer Zusammenstellung von Tipps für Freiwillige.

Über die Kosten und Nachhaltigkeit von Freiwilligeneinsätzen

Titelbild: (c) Cornelia Michna


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