Summerville: Festival 2.0

Foto: (c) Cornelia Michna

Festivals. Da fallen Schlagwörter wie Bierpong und Dosenravioli. Wie wäre es stattdessen mit Yoga und Kalligrafie-Workshop? Kann man das noch Festival nennen? Ja, man kann.

Du hasst sie oder liebst sie. Festivals. Fast jeder war schon mal auf einem. Und so wundert es nicht weiter, dass es ziemlich konkrete Vorstellungen darüber gibt, wie so ein Festival auszusehen hat. Bierpong zum Frühstück, nächtliche Zelt-Rendezvous mit dem Zebra-Bodysuit-Typen und lauwarme Dosengerichte als Grundnahrungsmittel. Mit diesen Klischees ist nun aber Schluss. Eine neue Generation Festivals mischt den Markt auf. So öffnete am 12. und 13. August das Summerville Festival in der Ottakringer Arena in Wiesen zum ersten Mal seine Pforten. Schon beim Betreten des Festivalgeländes wird klar: Hier ist es anders, irgendwie sehr erwachsen. Nach einem grünen Smoothie statt lauwarmem Dosenbier geht es auf Entdeckungstour. Und die aufgedeckten Unterschiede zu Nova Rock, Frequency und Co. sind monumental.

Unterschied 1: Familien statt Hardcore-Rocker
Die soziologisch spannende Mischung der Festivalgäste ist wohl einer der anziehendsten Dinge an großen Festivals nebst der Musik. Da tanzt schon mal die seriöse Versicherungsangestellte neben dem Metalfan mit Metallica-Shirt und Langhaar-Mähne. Am Summerville lässt sich der Großteil der Festival-Gemeinde wohl eher der Kategorie „Hipster“ zuordnen. Eins ist aber neu: Familien am Festivalgelände. Egal ob turnende Kleinkinder beim morgendlichen Familien-Yoga, quengelige Babys vorm Smoothie-Stand oder auf der Wiese turnender Nachwuchs beim (vergeblichen) Warten auf Skandal-Nudel Pete Doherty. Da haben sich wohl einige den günstigen Familien-Festivalpass zugelegt.

Unterschied 2: Vegane Burger statt Dosenravioli
Dosenravioli waren gestern. Gourmet-Hot-Dogs und Pastrami-Sandwiches im New-York-Style sind das neue Festival Food. Selbst Veganer, eine auf sonstigen Festivals oft vom Verhungern bedrohte Spezies, finden genug an Auswahl um sich ins Fress-Koma zu futtern. Für müde Geister wartet der rein vegane Stand von nimmersatt sogar mit Energiekugeln aus Superfoods auf. Beim Nova Rock würde der nette Zeltnachbar zum Wecken der Lebensgeister wohl eher eine belebende Bierdusche aus der Spritzpistole verteilen. Auch getränketechnisch unterscheidet sich das Summerville von gewohnten Festivals. Bier und Alkohol aller Art werden zwar ebenso angeboten, jedoch sieht man am Gelände mehr Besucher mit Smoothie-Bechern von Omellis in der Hand als mit der anderswo obligatorischen Bierdose.

Foto: (c) Cornelia Michna

Foto: (c) Cornelia Michna

Unterschied 3: Festival ohne Musik
Theoretisch könnten Besucher des Summerville die Zeit auch rumbringen ohne einem einzigen musikalischen Auftritt beizuwohnen. Versierte Festival-Besucher denken an dieser Stelle wohl an diesen einen Typen vom Campingplatz, der das ganze Wochenende stoisch auf seinem Campingsessel verharrt und keinen einzigen Musik-Act live miterlebt. Am Summerville kann man aktive musikalische Abstinenz betreiben. Unzählige Workshops wie etwa für Kalligrafie, Schauspiel oder DIY-Marmeladen stehen neben Lesungen von Stefanie Sargnagel und Die Tagespresse am Programm und lassen schnell vergessen, dass dies hier eigentlich ein Musikfestival ist.

Foto: (c) Cornelia Michna

Foto: (c) Cornelia Michna

Unterschied 4: Fashion Market statt Band T-Shirts
Für ihre Auswahl an Fashion Items sind Festivals in der Regel nicht gerade bekannt. Diverse T-Shirts mit Band-Logos oder Line-Ups taugen dann meistens doch nur als Wohlfühl-Gammel-Shirts an verregneten Sonntag-Nachmittagen. Im Rahmen des Summerville gibt es jedoch einen eigenen Fashion Market: Minimalistischer Schmuck oder Jute-Beutel mit bedeutungsschwangerem Aufdruck lassen Hipster-Herzen höher schlagen. Kann das Summerville zwar mit angesagten Jungdesignern aufwarten, fehlt ein Festival-Essential eindeutig: Die Typen in den Bodysuits.

Unterschied 5: Plumpsklo adieu!
Die Toilettenfrage ist nicht zu unterschätzen. Nach reichlich Bier, beziehungsweise grünen Smoothies, muss wohl jeder früher oder später mal das stille Örtchen aufsuchen – um den Gang aufs Plumpsklo kommt man auf Festivals meist nicht herum. Speziell Plumpsklo-Besuche im Dunkeln sind ein Spaß für sich. Am Summerville jedoch ist kein einziges Plumpsklo in Sicht – nur langweilige Toiletten mit Spülung. Spießer!

Titelbild: (c) Cornelia Michna

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