Gemeindebau: Vom Roten Wien zum Blauen Bau

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Oft werden Wiener Gemeindebauten mit sozialen Problemen assoziiert. Doch das Zusammenleben im Mikrokosmos der Wohnhausanlagen bietet auch Möglichkeiten. Politische Überzeugungen haben dabei kaum Einfluss auf die nachbarschaftlichen Beziehungen.

Liliana Dimiĉ sitzt auf einer Parkbank, vor ihr steht auf einem Holztisch eine Kanne heißer Kaffee. Dahinter erheben sich die wuchtigen Wohnblöcke des Goethehofes. An einigen von ihnen bröckelt die Farbe von den Außenwänden ab, andere sind von Gerüsten umgeben, um wieder in einen besseren Zustand gebracht zu werden. Der Goethehof ist eine der großen Wohnhausanlagen, die in einer ersten Bauoffensive der 20er und 30er Jahre im Roten Wien gegen die Wohnungsnot errichtet wurden. Dimiĉ wohnt seit 20 Jahren im Goethehof im 22. Bezirk. Im Jahr 1978 kam sie aus Serbien nach Österreich. Die Hausbesorgerin unterbricht kurz ihr Gespräch und begrüßt eine Mieterin, die sich gerade am Weg nach Hause zu ihrer Stiege befindet. Dimiĉ kennt viele Bewohner des Goethehofes. „Zum Glück gibt es hier kaum Konflikte“, meint sie. „Jeder kennt die Regeln“.

Anders sieht das Nicole, die im nächsten Innenhof der Wohnhausanlage sitzt. Sie beschwert sich vor allem über den Lärm und den Müll, der im Gemeindebau herumliegt. Wenn sie die Verantwortlichen darauf aufmerksam macht, habe sie mit Beschimpfungen zu rechnen. „Ich habe viele Jugendliche erlebt, die nicht arbeiten und keinen Respekt haben“, beklagt eine zweite Mieterin, die anonym bleiben möchte und seit 42 Jahren im Goethehof wohnt: „Heute weiß ich nicht mehr, wer mit mir auf der Stiege wohnt“. In den Wiener Gemeindebauten leben über 500 000 Menschen. Das entspricht mehr als einem Viertel der Wiener Bevölkerung.

Zuschreibungen: Alkoholiker und Ausländer
Die Organisation Wohnpartner hat es sich zur Aufgabe gemacht Streitigkeiten zwischen den Bewohnern der Gemeindebauten zu lösen – sie arbeitet im Auftrag der Stadt Wien. Letztes Jahr wurden Probleme mit Lautstärke und Lärm am häufigsten gemeldet, sie machten 59,9 Prozent, also mehr als die Hälfte aller von Wohnpartner bearbeiteten Fälle aus.

Lärm gehört laut dem Soziologen Christoph Reinprecht ähnlich wie beispielsweise Müll, Kinder oder Hunde zu den universellen Konfliktherden der Wiener Gemeindebauten. „Diese Faktoren werden bestimmten Gruppen zugeschrieben. Klassische Gruppen, zwischen denen sich Konflikte entwickeln, sind beispielsweise kinderreiche Familien und Alleinstehende“, so Reinprecht. Er forscht an der Universität Wien zu sozialem Wandel in der Bundeshauptstadt, sowie der Zukunft des kommunalen Wohnbaus. „Es gibt im Moment den Trend, dass immer öfters Menschen aufgrund ihres ethnischen Hintergrundes für Probleme verantwortlich gemacht werden“, erklärt Reinprecht. Nachbarschaftsstreitereien würden oftmals unter dem Deckmantel eines ethnischen Konflikts geführt, der in dieser Form real nicht existiere. „Früher wurden stattdessen beispielsweise Alkoholiker gerne als Verantwortliche gesehen“, führt der Universitätsprofessor weiter aus.

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Der Goethehof im 22. Wiener Gemeindebezirk Foto: (c) Samuel Zettinig

Laut Reinprecht ist die soziale Kontrolle in den Gemeindebauten außerdem sehr groß. Es gibt viele Verbote. Das führe dazu, dass sich die Bewohner bei Konflikten lieber direkt bei der Hausverwaltung „Wiener Wohnen“ oder der Polizei melden. Dort hoffen sie auf Hilfe. Als Bewohnerin des Goethehofes kann Nicole das bestätigen: „Ich habe bereits mehrmals versucht bei Problemen mit anderen Mietern Wiener Wohnen zu erreichen. Eine Mail geht jedoch schnell unter. Die Gemeinde sollte sich mehr um die Mieter kümmern.“

Solche Beschwerden kann Georg Kudrna nicht nachvollziehen. In seine kleine Wohnung im Goethehof scheint die Nachmittagssonne. Hat man sich an die etwas düsteren Lichtverhältnisse gewöhnt, kann man dem 90-Jährigen zusehen, wie er angeregt über die Vergangenheit seines Baus erzählt. Seit 1930 lebt er hier. Als Gemeindebau-Urgestein versteht sich Kudrna auch als Sozialist. In klassischem Wienerisch erzählt er, was er der Partei zu verdanken hat. Er musste betteln, bevor er eine Wohnung und eine Arbeit bekommen hat. Heute ist die Lebenssituation der meisten Menschen um einiges besser und trotzdem sind sie unzufrieden. Das verstehe ich nicht“, meint Georg Kudrna.

Wahlen: Ist der Bau gespalten?
Die von der sozialdemokratischen Stadtregierung erbauten Gemeindewohnungen konnten nicht nur Wohnraum für ärmere Schichten schaffen, sondern boten bisher der Wiener SPÖ auch politisch Rückhalt. „Der Goethehof war sehr rot angehaucht. Früher sind wir alle am ersten Mai mit roten Fahnen über die Reichsbrücke bis zum Rathaus marschiert“, erinnert sich der Pensionist. Das hat sich geändert. Die Sozialdemokratie ist nicht mehr die einzige Partei im Bau.

Bei der letzten Wien-Wahl hat die FPÖ die SPÖ mit einem Prozentpunkt, also 44 zu 43 Prozent, im Goethehof knapp geschlagen. Bei der Bundespräsidentenwahl hat Alexander van der Bellen hier mit 50,8 Prozent ebenso knapp gegenüber dem blauen Norbert Hofer gewonnen. Die Wahlergebnisse im Goethehof sind keine Einzelphänomene. Viele der ehemaligen Bollwerke des Roten Wiens wanderten bei der Gemeinderatswahl 2015 zu der FPÖ. Die SPÖ hält in den Sprengeln, in denen sich zu 100 Prozent Gemeindebauten befinden, mit 44,2 Prozent nur noch einen kleinen Vorsprung gegenüber der FPÖ mit 43,4 Prozent.

Soziologe Reinprecht erklärt sich die Wahlergebnisse unter anderem durch die Veränderung des Stammklientels der SPÖ. Die soziale Struktur sei zwar stark von dem Baujahr des Gemeindebaus und dem Stadtteil abhängig, trotzdem würden die alten Arbeiterschichten allgemein immer mehr verschwinden. Ihre Kinder wechseln oftmals durch sozialen Aufstieg in andere Wohnformen. „Stattdessen ziehen ständig neue Menschen in die Gemeindebauten.  Es hat sich gezeigt, dass der Anteil der FPÖ-Wähler unter diesen Neuzugezogenen gar nicht so klein ist“, so Reinprecht.

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Auch politisch gibt es neuen Anstrich im Gemeindebau Foto: (c) Samuel Zettinig

Kann eine solche politische Situation auch zu nachbarschaftlichen Problemen führen? „Wegen der Politik gibt es bei uns keine Konflikte“, verneint Nicole aus dem Goethehof. Ihre Stimme hat sie bei der Bundespräsidentenwahl Norbert Hofer gegeben. Trotzdem meint sie: „Teilweise benehmen sich die Österreicher hier schlimmer als die Ausländer“.

Reinprecht sieht keine ideologischen Gräben innerhalb der Wiener Gemeindebauten: „Die Unsicherheit durch den Wechsel der Bewohnerschaft in Zusammenspiel mit sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit ist groß“. Unzufriedenheit entstehe durch die Neuorganisation der Verwaltung von Wiener Wohnen und dem Gefühl, alleine gelassen zu werden. Daher sei das Wahlergebnis eher als Protest und Ruf nach Sicherheit und Ordnung zu deuten. „Tiefste Überzeugung für die Grundsätze der jeweiligen Partei ist kein Hauptgrund. Konflikte sind deshalb auch nicht von ideologischer Natur“, betont der Wissenschaftler.

Zukunft: Ein Raum für das Miteinander
Das Zusammenleben im Gemeindebau bietet weit mehr als Konfliktpotenzial. Liliana Dimiĉ, Hausbesorgerin des Goethehofes, schenkt Kaffee nach. Auf der Parkbank gegenüber vom Tisch unterhalten sich noch zwei weitere Personen. Sie haben sich im Hof kennengelernt. Dimiĉ ist froh, dass man sich hier zusammensetzen kann und mit anderen Bewohnern in Kontakt kommt. „Manchmal kommen sogar Mieter vom benachbarten Gemeindebau vorbei“, erzählt sie. Auch die Grünflächen im Innenhof direkt vor der Haustüre sieht sie als hohes Gut. Wohnbausoziologe Reinprecht betont ebenfalls, dass öffentliche Räume in der Wohngegend für das Zusammenleben wichtig sind.

Auch Wohnpartner ist das bewusst: Gemeinsame Aktivitäten zwischen Nachbarn werden zusätzlich gefördert. Regelmäßig veranstaltet die Organisation Events für und mit den Bewohnern der Gemeindebauten, wie beispielsweise nachbarschaftliche Schachpartien und Familien- und Sommerfeste. Hausbesorgerin Liliana Dimiĉ sieht das Zusammenleben im Gemeindebau als positiv, mit Mietern des Goethehofes versteht sie sich gut. Ihr fällt das nicht schwer. Sie nimmt einen Schluck Kaffee und lehnt sich nach vorne um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen: „Mir geht nicht es nicht um die Nationalität oder den Hintergrund einer Person. Der Mensch muss etwas leisten, dann helfe ich gerne jedem“.

Titelbild und Text von Samuel Zettnig

Dieser Artikel ist im Rahmen der mokant.at-Akademie für Nachwuchsjournalismus entstanden.

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