Politik und Angst: die Instrumentalisierung des Volkes (2)

Foto: (c) Lukas Unger

Den Gegner schlecht machen, die eigene Herrschaft festigen, oder sich als (scheinbarer) Angst-Befreier inszenieren – Angst wurde und wird heute in der Politik gezielt eingesetzt. (Teil 2)

Der „Caesar“ in mir
Was bei Robespierre galt, war auch bei Hitler, Stalin, und anderen Diktatoren an der Tagesordnung: in Herrschaften des Terrors ist die Angst allgegenwärtig. Wie ein Demagoge die Ängste der Bevölkerung instrumentalisieren kann, beschrieb der vor den Nazis geflüchtete Jurist und Politikwissenschaftler Franz Neumann 1954 in einem an der Universität in Berlin gehaltenen Vortrag:

Der Demagoge greift die Ängste der Menschen auf, die sich aufgrund von Triebunterdrückung, und der eigenen Ohnmacht, etwas am politischen und gesellschaftlichen Leben zu verändern, aufgestaut haben. Diese Ängste transferiert er er auf ein selbst geschaffenes Feindbild, wie etwa die Juden, um. Da die Bevölkerung den historischen Prozess nicht versteht, fällt sie auf seine Verschwörungstheorie herein. Schließlich identifiziert sich die Masse mit einem Demagogen oder Führer, da er ein Mittel zu Angstüberwindung anzubieten scheint. „Die entscheidende affektive Identifizierung ist die von Massen mit Führern“, sagt Neumann und bezeichnet das als „caesaristische Identifizierung“.

Diese Identifizierung ist für den Bürger bequem, weil ihm scheinbar die Angst genommen wird. Doch bald befiehlt der Demagoge die Ausübung von Verbrechen, welche vom Bürger zwar als moralische Taten empfunden werden, gleichzeitig aber auch ein Schuldgefühl mit sich bringen. „Das Schuldgefühl wird so verdrängt und macht die Angst zu einer beinahe panischen, die nur durch restlose Verschreibung an den Führer überwunden werden kann und zu neuen Verbrechen zwingt“, fasst Neumann zusammen.

Foto: (c) Lukas Unger

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Die Sehnsucht nach dem starken Führer
Auch heute gibt es Parteien und Personen, die propagieren, auf komplizierte Fragen eine einfache Antwort geben zu können, was viele Individuen in Zeiten von großen Unsicherheiten anspricht. „Der Grund für die Angst liegt im Orientierungsverlust“, schreibt Soziologe Heinz Bude in Gesellschaft der Angst. Viele soziale Ängste entstehen aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Zeiten und dadurch, weil das Leben immer komplexer und schwieriger durchschaubar wird. Eine Umfrage des Instituts
Sora 2014 ergab, dass sich ein Drittel aller Österreicher nach einen „starken Führer“ sehnen. „Die sozioökonomisch verursachte Apathie führt zu einer Führersehnsucht“, sagt Historiker Oliver Rathkolb dazu in der Tageszeitung Presse.

Die FPÖ ist eine Partei, der es im Moment wohl gelingt, solche Sehnsüchte zu bedienen. Zwar instrumentalisieren auch andere Parteien gewisse Ängste – Soziologe Niklas Luhmann meint, dass etwa die Grünen dies bei Umweltthemen tun. Doch die FPÖ profitiert ganz besonders von den Ängsten in der Gesellschaft. Im Buch Politik mit der Angst schreibt Linguistin Ruth Wodak, dass die Partei eine rückwärtsgewandte Politik betreibe, die versuche „eine illusionäre Vergangenheit zu bewahren, verbunden mit viel Nostalgie und Antiintellektualismus“. Die FPÖ versuche nicht die Ängste kleinzuhalten, sondern schüre und instrumentalisiere diese nach ihren Gunsten. So würden angstbedingte Aversionen, wie z. B. die Einstellung gegenüber Migranten, in den Köpfen der Menschen noch zusätzlich verstärkt werden. „Migranten werden als Ursache begriffen, anstelle von sozialer Ungleichheit, Sparpolitik und neoliberaler Wirtschaftspolitik“, schließt Wodak.

Die Angst selbst überwinden
Die Konfrontationstheraphie besagt, dass Ängste am besten überwunden werden, indem man ihnen gegenübertritt. Kierkegaard, der selbst unter depressiven Angststörungen litt,
schlussfolgerte, dass Ängste nicht zwangsläufig negativ sein müssen, sondern dass der Mensch durch sie auch etwas lernen kann. Auch wenn es unbequem erscheint, sollte man seine Ängste nicht der Politik überlassen, wie Michael Moore in einem Interview mit dem Spiegel aufforderte: „Lasst eure Ängste nicht instrumentalisieren.“

Dieser Artikel ist ein Überblick und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Interessierte können hier weiterlesen:

  • Franz Bosbach: Angst und Politik in der europäischen Geschichte
  • Heinz Bude: Gesellschaft der Angst
  • Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst
  • Franz Neumann: Angst und Politik
  • Urs Schwarz: Die Angst in der Politik
  • Ruth Wodak: Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse

Ängste zur Kriegstreiberei und die Angst von Tyrannen

Titelbild: (c) Lukas Unger


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