Kommentar: Los Cabos statt Olympia

(c) Dominik Knapp 
Dominic Thiem Kitzbühel

Österreich und Tennis. Trotz der 3:2 Davis-Cup-Niederlage im Länderkampf gegen die Ukraine, passen diese Begriffe seit geraumer Zeit wieder zusammen. Der Grund dafür ist: Dominic Thiem.

Nach dem Rücktritt von Thomas Muster durchlebte der österreichische Tennissport eine eher triste Periode. Trotz einiger Achtungserfolge von Stefan Koubek, Jürgen Melzer und den Doppelspezialisten Alex Peya, Julian Knowle und Oliver Marach, wollte hierzulande kein richtiger Tennisboom mehr entstehen. Mit den jüngsten Erfolgen von Dominic Thiem ist das nun wieder anders.

Österreichs neues Tennis-Aushängeschild geht in dieser Woche als großer Favorit in das ATP-Turnier von Kitzbühel. Thiem hat bewegende Wochen hinter sich. Vier Turniersiege im Jahr 2016, der erste Matchsieg im Davis Cup, ein Triumph über Raphael Nadal, zwei Erfolge gegen Roger Federer, der historische erste Turniersieg eines Österreichers auf Rasen sowie der Halbfinaleinzug bei den French Open, um nur die nennenswertesten Erfolge aufzulisten.
In der Tennis-Weltrangliste steht Dominic Thiem aktuell auf Position 9, war kurzzeitig sogar die Nummer 7 der Welt. Es steht wohl außer Zweifel, dass das Team Thiem im vergangenen halben Jahr vieles absolut richtig gemacht hat. Dennoch stößt eine Entscheidung bei Tennisfans auf viel Verwunderung: die Nicht-Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Vorweg: Im Gegensatz zu Kollegen Robert Sommer von der Kronen Zeitung möchte ich meinen höchst erfolgreichen Namensvetter nicht dazu überreden, doch an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Thiems nicht immer konventionelle Herangehensweise ringt mir größten Respekt ab. Ich bin mir sicher, dass auch diese Entscheidung nicht aus dem Bauch heraus gefällt wurde, sondern reiflich überlegt ist. Der Erfolg gibt ihm bekanntlich recht und ist nun mal der wichtigste Indikator für Entscheidungen. Vielmehr möchte ich seine geringe Meinung zu den Olympischen Spielen hinterfragen, die für mich alles andere als Common Sense unter den Tennisprofis ist.

„Ich habe bereits letztes Jahr gesagt, dass Tennis bei Olympia für mich keinen großen Stellenwert hat. Olympia ist für mich Leichtathletik, Schwimmen und viele andere Sportarten, die sonst nicht so in der Öffentlichkeit stehen“, urteilte Thiem in einem Interview mit tennisnet.com über den Stellenwert der Olympischen Spiele im Tennis. Der Großteil seiner Kollegen sieht das freilich anders. Die Liste der Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen seit 1996 in Atlanta liest sich mit Agassi, Kafelnikow, Massu, Nadal und Murray äußert prominent. Die Teilnahme der sogenannten “Big Four” (Federer, Nadal, Djokovic und Murray) stand für selbige außer Zweifel. Im Gegenteil, sie bezeichneten die Olympischen Spiele in der Vergangenheit stets als eines der Highlights ihrer Tenniskarrieren und haben selbstverständlich allesamt schon olympisches Edelmetall gewonnen. Raphael Nadal (der von Spanien als Fahnenträger auserwählt wurde) suchte für die Olympischen Spiele sogar extra um eine Sondergenehmigung an, um trotz der verpassten IOC-Anforderungen bei Olympia an den Start gehen zu dürfen. Roger Federer wiederum lernte bei den Spielen 2000 in Sydney seine Frau Mirka kennen und hat seither zu Olympia eine ganz besondere Beziehung.

Selbstverständlich gibt es aber auch Vertreter von Thiems Meinung, wie den Serben Viktor Troicki, der zwar teilnimmt aber laut eigenen Aussagen große Zweifel an dieser Entscheidung hege; oder den Australier Bernard Tomic, der wie Thiem nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen wird. Allerdings stellt sich die Frage, wessen Meinung hier repräsentativer für die Allgemeinheit ist.

Punkte und Preisgeld wichtiger als Medaille?
Statt bei Olympia anzutreten wird Thiem zur gleichen Zeit ein ATP-Turnier der Kategorie 250 in Los Cabos spielen. Im Falle eines Turniersiegs wären dort 250 Punkte für die Weltrangliste zu holen. In ebendieser rangiert der Lichtenwörther momentan auf Rang 9 mit 3175 Punkten bzw. auf Rang 6 mit 2835 Punkten im sogenannten ATP-Race. Für die Olympischen Spiele gibt es seit heuer weder ATP-Punkte noch Preisgeld. Bei den Olympischen Spielen geht es bekanntlich um andere Werte, wie etwa Prestige, Bekanntheit und natürlich um den Gewinn einer Medaille. Eine solche wäre für Spieler wie Troicki (#34 der Weltrangliste) und Tomic (#19) nahezu utopisch, nicht aber für den sechsterfolgreichsten Tennisspieler des Jahres 2016.

Thiem hat fairerweise immer betont, dass in seiner Karriere noch mindestens zwei Olympische Spiele (2020 in Tokio und 2024 in Budapest, Paris, Los Angeles oder Rom, Anm. d. Red.) vor ihm liegen würden. Und dass er seine Meinung zu Olympia womöglich irgendwann ändern würde. Ich bin mir dessen eigentlich ziemlich sicher und hoffe für ihn, dass er in vier oder acht Jahren ähnlich gute Chancen auf eine Medaille hat, wie er sie heuer gehabt hätte.

Titelbild: (c) Dominik Knapp


Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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