Sexarbeit: Eine Rechnung für den Blowjob? (2)

(c) Katharina Kropshofer

Seit 1. Mai ist die Erfassung von Dienstleistungen per Registrierkasse Pflicht in Österreich. Dies gilt auch für Sexarbeit, obwohl das für die 8000 Sexarbeiterinnen in Wien zu nur noch mehr Komplikationen führt.

Die private Adresse als Verhängnis
Nicht nur der Name sondern insbesondere auch die Adresse wird bei Rechnungsstellung zum Verhängnis. Zwar heißt es von Vertretern im Finanzministerium, dass in diesem Fall die mobile Gruppenregelung gelte. Sie erfasst Tätigkeiten, die ortsflexibel sind, sowie die von Masseuren oder ähnlichen Berufsgruppen. Diese Ausnahme erlaubt es den Betroffenen, Dienstleistungen erst zum ehest möglichen Zeitpunkt, also bei der Rückkehr in die Betriebsstätte, nachzutragen. Wenn man sich die rechtliche Erklärung zur Registrierkassenpflicht genauer ansieht, bemerkt man, dass dies ein mögliches Schlupfloch darstellt: die sogenannte „Kalte Hände“-Regelung. Diese besagt, dass für Betreiber, die Umsätze bis zu 30.000 Euro pro Jahr auf öffentlichen Straßen oder Plätzen und ohne Verbindung mit fest umschlossenen Räumlichkeiten machen, keine Registrierkasse von Nöten ist. Als Beispiele werden seitens des Ministeriums Maronibrater sowie Christbaumverkäufer genannt. Ob hier jedoch Sexarbeiterinnen, die in keinem Betrieb arbeiten, sondern selbstständig auf der Straße, ebenso eingenommen sind, bleibt unklar. Seitens des Frauenministeriums ist es egal, wie viel Umsatz jährlich gemacht wird, denn Sexarbeiterinnen müssen für jede Dienstleistung einen Beleg ausstellen, wenn die Bezahlung in bar erfolgt. Erklärungen, wie dies in der Realität aussehen soll, bleiben leider aus.

„Ich kann doch am Straßenstrich keinem Kunden meine Adresse geben“, meint Knappik und man erkennt an seinem Tonfall die vielen Jahre der Diskussionen mit Behörden, die er bereits auf dem Buckel trägt. Laut WKO müsse jedenfalls eine Wohnadresse auf der Rechnung stehen, falls die Person nicht in einem entsprechenden Betrieb arbeitet. Auch stellt sich die Frage, welche Art von Dienstleistung aufgelistet werden soll. „Was sollen wir denn da draufschreiben? Küssen im Walde? Das ist unmöglich!“, unterstreicht er mit emotionsvoller Gestik und Mimik. Vom Finanzministeriums heißt es wiederum, dass ein simples „sexuelle Dienstleistung“ ohne weitere Details genüge.

(c) Katharina Kropshofer

Zur Illegalität gezwungen
Vom fünften Bezirk geht es weiter zu einer Ausfahrtsstraße im 23. Bezirk. Hier, bei einem der „legalen“ Straßenstriche in Wien, zeigt sich eine trostlose Gegend, die vom Industriegebiet dominiert ist. Hier gibt es keine Sanitäranlagen, geschweige denn Betten. Lediglich eine Tankstelle hat noch offen, auf der die Sexarbeiterinnen, wenn sie Glück haben, die Toiletten benützen dürfen, wie Steffi und Knappik erzählen. Nur hier ist es Sexarbeiterinnen seit Erlassung des Prostitutionsgesetzes erlaubt mit Freiern „anzubahnen“. Der sexuelle Akt darf jedoch nicht in der Öffentlichkeit vollzogen werden. Theoretisch müssten sie ein Stundenhotel aufsuchen. Es gibt dort jedoch weit und breit keine Hotels. „Das heißt, ich kann mir dann aussuchen, welches Gesetz ich heute breche“, schildert uns Herr Knappik die Situation. Die Sexarbeiterinnen werden oft nicht mehr an ihre Arbeitsstelle zurückgebracht und einfach an der Autobahn rausgelassen. Hier entsteht ein enormer Risikofaktor.

Im Streit um die Registrierkassenpflicht äußerst sich schlussendlich auch das generelle Problem, welches die Sexarbeiterinnen mit der offiziellen Seite und der öffentlichen Wahrnehmung haben: Die negative Besetzung des Wortes Prostitution habe schon in vielen Debatten immer zu Missverständnissen geführt. Glaubt man dem Experten von sexworker.at ist die neue Registrierkassenpflicht nur ein weiterer Motivationsgrund in die Illegalität überzugehen. „Das Wiener Prostitutionsgesetz drängt die Frauen zu Betreibern. Selbstständig auf der Straße zu arbeiten ist quasi verboten. Aber wenn man jetzt weiß, dass es zurzeit 3.700 registrierte Prostituierte in Wien gibt, aber nur 390 gemeldete Lokale – da geht sich was nicht ganz aus!“ Jenes Verbot gegen die im besiedelten Bereich angebotene Sexarbeit hat zu deutlichen Verschiebungen der Arbeitsplätze für Sexarbeiterinnen geführt. Laut Knappik sind beinahe 400 Frauen, die ihre Dienste in der U-Bahn oder in Kaufhäusern anbieten, ein Ergebnis eben dessen. „Wenn ich 400 Frauen vom Straßenstrich vertreibe, dann werde ich die halt woanders finden!“ sagt er und verweist erneut auf die prekäre Sicherheitslage für die SexarbeiterInnen, die in diesen Fällen herrscht.

(c) Katharina Kropshofer

Prostitution – das ewige Zerrbild
Über die Autobahn geht es zurück in die Stadt. Die besuchten Orte haben ein sehr reelles Bild von der Situation gezeichnet, das kaum übereinstimmt mit den Bildern, die die Öffentlichkeit beherrschen. Ein möglicher Lösungsansatz laut Knappik? „Selbstbestimmtes, selbstständiges Arbeiten und eine Entledigung vieler Vorurteile, die gegenüber dieser Berufsgruppe herrschen.“ Als Beispiel nennt der Experte von sexworker.at, dass in der Öffentlichkeit die Meinung vorherrsche, nur Migrantinnen arbeiten in der sichtbaren Prostitution. Diese Wahrnehmung entstehe jedoch nur, weil Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund oft Angst haben, abgeschoben zu werden, wenn sie nicht als solche registriert sind. Nur zwei bis drei Prozent der sichtbaren Prostituierten seien Österreicherinnen, erklärt er uns. Steffi zählt als eine der wenigen zu dieser Gruppe. Dieses Zerrbild werde immer heftiger, kritisiert Christian Knappik. Ebenso denkt ein Großteil der Bevölkerung, dass man für Geld für alles zu haben sei und das stimme so nicht, meint Sexarbeiterin Steffi. Sie selbst mache ihren Job sehr gerne: „Ich wäre verzweifelt, wenn ich irgendwas anderes arbeiten müsste. An einer Billa-Kasse zu sitzen beispielsweise, das würde mich in den Wahnsinn treiben“, sagt sie und lacht dabei.

Die Politiker könnten dieses Zerrbild verringern, in dem sie mit Sexarbeiterinnen sprechen und diese auch in die Diskussion miteinbeziehen. Knappik zitiert an diesem Punkt die Soziologin Helga Amesberger: „Jeder hat eine Vorstellung oder eine Meinung zu Prostitution, aber die Wenigsten eine Ahnung.“ Ebenso berichtet er uns von der Arbeitsgruppe „Prostitution“, die vom Frauenministerium eingesetzt wurde. Diese bestehe laut seinen Angaben aus Mitgliedern der Polizei, des Gesundheitsamtes, sowie verschiedenen NGOs. Darunter befinde sich jedoch keine einzige SexarbeiterIn.

Prostitution – ein Thema über das niemand sprechen will, schon gar nicht in der Politik. So auch Knappik: „Diese politischen Hebel, die wir ansetzen, sind viel zu langsam. Und das mit der  Registrierkassen-Einführung, das brauch ich mir gar nicht vorstellen, weil das bringt uns um!“

Für diesen Artikel recherchierten Katharina Rustler und Katharina Kropshofer

*Anmerkung: Mit Sexarbeiterinnen sind sowohl weibliche als auch männliche Personen gemeint
Inwiefern die Registrierkassenpflicht für Sexarbeiterinnen gilt liest du hier

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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