Giga Ritsch: Vergessene Muschi (2)

Giga Ritsch

Giga Ritsch singt und rappt wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Wir haben über Extremismus, Frauen im Hip-Hop und Poetry Slams gesprochen.

mokant.at: STS hat den Song 1992 aufgenommen um auf den Rechtsruck in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Beim Text hast du kaum etwas verändert. Der Text des Liedes passt heute vielleicht sogar besser als vor 20 Jahren. Welchen Beitrag kann Musik gegen solche gesellschaftlichen Tendenzen leisten?
Giga Ritsch: Bei so etablierten Leuten wie STS schwingt sicher auch eine Vorbildwirkung mit. Das sind einfach Helden für viele Leute. Und andererseits können andere Meinungen aufgezeigt werden: Du musst nicht mit dem Mainstream mitschwimmen, du musst nicht auf Populisten einsteigen, es gibt andere Möglichkeiten.

mokant.at: Du hast auf Facebook einen Aufruf gestartet, damit mehr Leute den Song covern.
Giga Ritsch: Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, weil ich ein paar Leute angeschrieben und gefragt habe, ob sie Lust hätten. Wer weiß, nach dem Wahlergebnis, vielleicht passiert noch was. Es wäre nice, wenn viele Leute dieses Lied covern, um ganz laut zu sagen „Wir sind nicht d’accord, mit dem was gerade passiert“. Es ist wichtig, dass die Kunst und Kulturszene zu politischen Vorgängen Stellung bezieht. Letztendlich sind wir genauso davon betroffen.

mokant.at: Auf der Website Metapedia findet man einen Eintrag in dem deine Band wosisig als linksextreme Musikgruppe bezeichnet wird.
Giga Ritsch: Das war total absurd. 2012 haben wir mit Erwin den zweiten Platz beim FM4 Protestsongcontest belegt. Das ist bei vielen Leuten gut angekommen, vor allem aus Niederösterreich (lacht). Wie man letztens gemerkt hat, ist es immer noch aktuell, das ist echt traurig. Damals hat einer unter’s Video gepostet, wie toll er das Lied findet. Sein Nickname war ziemlich einschlägig ins rechtsextreme Eck einzuordnen. Wir haben geantwortet, einerseits cool, dass dir das Video taugt, aber was hast du für einen Nickname? Wir wollen nicht mit so etwas verbunden werden. Daraus ist eine kleine Diskussion in der comment section geworden. Kurz darauf ist der Eintrag erschienen, wo wir als linksextrem bezeichnet werden, was bei einem Lied über Erwin Pröll einfach nur ein Witz ist. Ja, es ist gesellschaftskritisch, aber, wenn man wosisig als linksextrem bezeichnet, müsste man Alfons Haider, Wolfgang Ambros und STS auch als linksextrem bezeichnen und das sind sie alle nicht.
mokant.at: Wie geht es dir mit solchen Reaktionen aus der rechten Szene?
Giga Ritsch: Wir haben uns am Anfang gedacht, wir schweigen es einfach tot. Vor zwei Jahren hat dann ein Festival diese Bezeichnung in ihren Pressetext über uns übernommen. Das ist auch wirklich etwas, dass einem schadet. Wenn Leute unseren Namen googeln, dass sie auf diese Seite kommen, das will man natürlich nicht. Wir haben bei Google Klage eingereicht, damit der Link entfernt wird, aber es ist nicht durchgegangen.
mokant.at: Also mit Linksextremismus in Verbindung gebracht zu werden, würdest du als Schaden bezeichnen?
Giga Ritsch: Ich war in der Band definitiv die politischste und meine Positionen in den Liedern sind klar gesellschaftskritisch und links. Aber die anderen Bandmitglieder waren nicht politisch aktiv. Sie haben sich für das, was ich geschrieben habe, interessiert und es unterstützt, aber es ist nicht von ihnen ausgegangen. Ich selber bezeichne mich auch nicht als linksextrem. Ich bin links, aber mit Extremität ist auch immer Gewaltbereitschaft verbunden und davon distanziere ich mich klar. Ich bin eine Pazifistin.

mokant.at: Im Text von Koids Wossa singst du von Nymphen, die dich ins kalte Wasser locken – ich habe in einem Interview gelesen, dass deine Texte immer eine politische Message haben, wo versteckt sich die in diesem Song?
Giga Ritsch: Das Interview ist von 2013, glaub ich, und es hat sich in der Zeit einiges geändert. Das klingt zwar ein bisschen kitschig, aber ich habe mich einfach unglaublich verliebt. Da habe ich dann tatsächlich ein paar Liebeslieder geschrieben. (lacht)
mokant.at: Ich habe mir das Lied so oft angehört und mir gedacht „Wo steckt die Message?“
Giga Ritsch: Nein. Das war wirklich nur Friede, Freude, Baden gehen, sich auf was Neues einlassen und Freude am Leben haben. Insofern ist es schon eine politische Botschaft, weil was machen wir die ganze Zeit? Mit diesem Selbstoptimierungszwang und immer in den selben Routinen sein – du musst ein Haus kaufen und Kinder haben – also diese Erwartungen.  Man sollte sein Leben leben, wie man Bock darauf hat und schauen, dass man niemandem damit weh tut. Insofern kann man es schon ein bisschen gesellschaftskritisch sehen. Ich sag ja am Schluss dann auch: „I bin am Leben, weil I mi leben loss“.

mokant.at: Am 3. Mai erscheint ein Video zu dem Lied, was kann man davon erwarten?
Giga Ritsch: Eine Filmemacherin aus Linz, Amina Lehner und eine Freundin von ihr, Sarah Youssef, haben das gemanagt und die Grundidee des Videos kam von mir: Ich wollte in die Lobau fahren und baden gehen. Im Winter, am besten bei Schnee. Ich habe eine Person gesucht, die das mit mir macht. Es gibt in der Popmusik, in der Kunstszene, ganz klar eine Benachteiligung, was die Aufträge für Frauen anbelangt. Ich habe eine Freundin gefragt, ob sie ein cooles Mädel dafür kennt und so ist das ins Rollen gekommen. Man kann Kälte, Wasser, Zittern, eine trübe Stimmung und einen Gegensatz zur verträumten Verliebtheit des Liedes erwarten. Wir haben versucht einen optischen Unterschied zu machen.

GIGA RITSCH – KOIDS WOSSA from Queerulantin on Vimeo.

Giga Ritsch über Frauen in der Musikszene und Poetry Slams

Titelbild: (c) Barbara Bürscher


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Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

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