Schmähkritik: Je suis Böhmermann (2)

Foto: (c) obs/ZDFneo/Ben Knabe

7. März 2016: Erdowie, Erdowo, Erdogan
extra3, ein Satiremagazin des NDR, stellt ein Video mit dem Titel Erdowie, Erdowo, Erdogan auf YouTube. Darin umgedichtet beschreibt extra3 ausgehend von Nenas Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann in satirischer Form, wie der türkische Präsident mit Meinungsfreiheit umgeht: „Ein Journalist der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast“, heißt es etwa. Zu dem Zeitpunkt ist sich die Redaktion noch nicht bewusst, welche Wellen in der Grundsatzdebatte um die Grenzen politischer Satire dieses Video noch schlagen sollte.

„Satiriker sind Menschen, die mit spitzer Zunge stumpfe Geister kitzeln“, meint dazu der deutsche Aphorismensammler Peter Schumacher. Die Beschaffenheit von Erdogans Geisteszustand sei hier dahingestellt, allerdings dürfte sich der Staatschef dermaßen unangenehm gekitzelt gefühlt haben, dass er in Folge den deutschen Botschafter herbei bestellte, um die Veröffentlichung des NDR-Beitrags zu stoppen. Damit schießt sich Erdogan allerdings ein Eigentor – das Video wird zum Hit. Erdogan tobt, deutsche Diplomaten beschwichtigen, die Redaktion von Neo Magazin Royal spitzt die Bleistifte. Auftritt Böhmermann.

1. April 2016: Böhmermanns Meta-Satire
Was seit dem preisgekürten Varoufake klar geworden ist: Jan Böhmermann ist ein Meister in doppelbödiger Inszenierung, bei der der Zuseher nur zu schnell ins Taumeln geraten kann. Genau das ist Angela Merkel passiert, wenn sie sich im Telefonat mit dem türkischen Ministerpräsident, Ahmet Davutoglu, vom Böhmermann-Gedicht distanziert. Das Bild, das Böhmermann mit diesem Schmäh-Gedicht zeichnet, ist größer als die Summe seiner Teile. Die Überschreitung von Grenzen des guten Geschmacks im Sinne der künstlerischen Freiheit selbst ist dabei die Botschaft, die er vermitteln wollte. Indem er bewusst ankündigt, dass das Gedicht eine Schmähkritik ist und mit scharfsinniger Satire nichts zu tun hat, wollte er die Lächerlichkeit enttarnen, die extra3 mit ihrem Song erfahren musste: Ein Präsident, der Meinungs- und Pressefreiheit mit Füßen tritt, Chefredakteure verhaften lässt und Demonstrationen gewaltsam auflöst, echauffiert sich über einen Liedtext, der eben diese Realität im Bereich des satirisch Erlaubten behandelt. Ein Posting auf Facebook von Böhmermann selbst unterstreicht das Vorhaben deutlich: „Ich denke, wir haben heute am 1. April 2016 gemeinsam mit dem ZDF eindrucksvoll gezeigt, wo die Grenzen der Satire bei uns in Deutschland sind. Endlich!“

11. April 2016: Was am Ende übrig bleibt
Update: Laut dem Tagesspiegel verlangt die Türkei nun tatsächlich einen Strafprozess gegen Jan Böhmermann . Es liegt nun an Angela Merkel und der Bundesregierung, sich nochmal gründlich Gedanken über Erdogans Satire-Intoleranz zu machen. Hoffentlich hat sie bis zur Entscheidung über eine Ermächtigung das Konzept hinter dem Gedicht Schmähkritik verstanden. Für Jan Böhmermann bleibt nur zu hoffen, dass er in der Zwischenzeit nicht einknickt. Unterstützung erhält er mittlerweile aus den unterschiedlichsten Lagern, zuletzt in Form eines offenen Briefes von Axel-Springer-Vorstand Matthias Döpfner. Sollte Böhmermann und das ZDF aber tatsächlich mit einem Strafverfahren konfrontiert werden, ist ein Shitstorm biblischen Ausmaßes zu erwarten. Die große Ungereimtheit, die man in diesem Sturm allerdings nicht übersehen darf, ist folgende: Seit Charlie Hebdo war die Weltöffentlichkeit der Meinung, dass Satire alles dürfe. Dies muss aber nicht nur als Antwort auf Terrorismus gelten, sondern auch als Antwort auf Erdogan. Je suis Böhmermann.

Beleidigung im deutschen StGB

Titelbild: (c) obs/ZDFneo/Ben Knabe


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Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

2 Comments

  1. falsche@gmx.at'

    Ludwig von Leiner

    11. April 2016 at 11:07

    Also ich bin sicher nicht auf der Seite von Erdowie, aber die herbeiphantasierte Botschaft die Böhmermann angeblich anbringen wollte verstehe ich einfach nicht. Er wusste dass diese Form der Verunglimpfung verboten ist, hat das während des Gedichts sogar erwähnt und macht es trotzdem?

    Und wenn ich jemandem vor laufender Kamera den Kopf abhacke und vorher ankündige, dass man das in Deutschland/Österreich nicht darf (vielleicht sogar noch mit den Worten: „Liebe Kinder, Zuhause nicht nachmachen!“) und dafür ins Gefängnis kommen kann, dann ist das auch dadurch legitimiert? Also diese Auslegung von Rechtsstaatlichkeit verstehe ich beim besten Willen nicht.

    • ariane243@gmx.at'

      ariane

      11. April 2016 at 12:08

      an sich kann hast du sicher irgendwo recht. aber sollte nicht gerade satire auch manchmal mehr dürfen? ist es nicht irgendwo der zweck von satire grenzen auch zu übertreten? außerdem zeigen viele fälle aus der vergangenheit, dass gerichte solche dinge oft ganz unterschiedlich auslegen. es geht hier immerhin um politische personen und politische satire

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