Tina Leisch: „PKK ist eine Befreiungsbewegung“

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Die politische Aktivistin und Filmemacherin Tina Leisch im Interview über ihren Film Nur die Toten kehren heim, Kurdistan und den Deal zwischen Türkei und EU

Über eine Millionen Kurden leben als politische Flüchtlinge in Europa im Exil und können nicht mehr in die Türkei zurückkehren. Die Dokumentation Nur die Toten kehren heim macht Einzelschicksale sichtbar und beleuchtet die damit verknüpfte Widerstandsbewegung in der Türkei. Regisseurin Tina Leisch ist ein Urgestein der Wiener Aktivistenszene und Nestroy-Theaterpreisträgerin. Sie bezeichnet sich selbst als Text-, Film- und Theaterarbeiterin und macht „parteiische Dokumentarfilme“. Im Interview erklärt sie die Wut der kurdischen Jugendlichen, warum die verbotene PKK für sie eine Freiheitsbewegung ist und wieso man in Europa so wenig über die kurdische Minderheit weiß.

mokant.at: Dein Film Nur die Toten kehren heim ist eine Reportage über Kurden, die ursprünglich in der Türkei gelebt haben und jetzt im Exil in Europa sind. Wie bist du mit diesem Thema in Berührung gekommen?
Tina Leisch: Ich bin seit den 80er Jahren mit politisch aktiven Kurden befreundet. 1991 war ich selbst zum ersten Mal dort. Die Idee zum Film ist uns gekommen, als der damalige Bürgermeister von Sur, dem Teil von Diyarbakir, der in den letzten Wochen bombardiert wurde, nach Wien kam und seinen Anzug hier im Hotel vergessen hat. Ali Can, der Co-Regisseur der Doku, wollte ihm den Anzug zurückbringen und ist dann in die Türkei geflogen. Am Flughafen haben sie ihn zurückgehalten, über Nacht in den Transitraum mit afrikanischen Flüchtlingen gesperrt und am nächsten Tag nach Wien zurück geschickt. Bei dieser Geschichte ist mir die Situation der kurdischen Exilierten in Europa klar geworden, die einfach nicht mehr in die Türkei einreisen dürfen – entweder ist es dann so wie bei Ali, der die österreichische Staatsbürgerschaft hat, dass sie ihn einfach nicht einreisen lassen, oder die, die noch die Türkische Staatsbürgerschaft haben, die würde man wahrscheinlich gleich einsperren. Daher kam die Idee, Kurden, die unter uns leben und nicht in die Türkei reisen dürfen, darum zu bitten, dass sie uns einen Gegenstand mitgeben, den wir dann für sie zu ihren Leuten tragen.

Und was dort passiert ist, ist ein bisschen Roadmovie.

mokant.at: Du selbst hattest keine Probleme beim Einreisen und Filmen?
Tina Leisch: Nein, nicht als wir gedreht haben, aber es kann gut sein, dass ich jetzt Ärger bekommen würde. Ich wollte letztendlich nach Rojava, das geht gerade nicht. Mittlerweile ist die Situation dort nahe am offenen Bürgerkrieg. In den nächsten Tagen wären auch die Newroz-Feiern und die sind alle verboten worden.

mokant.at: Der Aufbau der Dokumentation ist spannend. Exilkurden geben dir bzw. euch Gegenstände mit, die ihr zurück in die Türkei bringen sollt, weil sie selbst nicht mehr zurück können. Mit dabei sind rote Tücher, Bücher und vor allem viele berührende Geschichten. Ist dir der Zugang leicht gefallen?
Tina Leisch: Ja, aber wir haben natürlich viel mehr Geschichten gedreht, als die, die letztendlich zu sehen sind. Das ist so beim Film: Du drehst sieben oder acht solche Geschichten und dann bleiben vier übrig. Wir haben hier, in Österreich, Frankreich, Deutschland, Menschen getroffen, die uns interessieren, sie geben uns was mit. Was dann dort (in der Türkei, Anm.) tatsächlich passiert ist, ist ein bisschen Roadmovie. Du weißt nicht, was passieren wird. Es war zum Beispiel Zufall, dass wir dieses Buch in die Bibliothek des Frauenhauses gebracht haben und dann dort die Bürgermeisterin aufgetaucht ist. Und die ist so eine faszinierende Figur, dass sie zu einer Protagonistin wurde. Die Geschichten haben sich einfach entwickelt. Und es war von Anfang an klar, dass wir einen parteiischen Film machen möchten – einen Film, der Partei für den kurdischen Widerstand ergreift, mit den kurdischen Aktivisten mitgeht. Wir wollten gar nicht zu den türkischen Behörden gehen (um deren Seite zu hören, Anm.).

mokant.at: Das ist mir aufgefallen. Der Film hat einen starken kurdischen Blick, was auch zu der Erzählung passt. Aber was am Ende übrig bleibt ist Traurigkeit, Wut und ein sehr negatives Bild über Türken. Ist das nicht eine ungerechte Pauschalisierung gegenüber allen Türken, also nicht nur der Regierung?
Tina Leisch: Das soll nicht sein. Der Film geht nicht gegen Türken, sondern gegen diesen zentralistischen, minderheitenfeindlichen türkischen Staat. Es ist ja absurd: Erdogan fährt nach Europa und verlangt von den europäischen Ländern, dass Türken hier Minderheitenrechte bekommen und dass türkische Kinder hier in deutschen oder österreichischen Schulen muttersprachlichen Unterricht bekommen, aber das gesteht er in der Türkei den Kurden nicht zu. Es gibt hier ein infames Doppelspiel.

Eine Demonstration in Gedenken an die Morde an drei kurdischen Frauen in Paris 2013 (Ausschnitt aus dem Film)

Jänner 2013: Die Menschen in Diyarbakir verabschieden sich von den drei in Paris ermordeten kurdischen Aktivistinnen. – Filmausschnitt

Die Forderung muss sein: So, wie ihr wollt, dass die türkischen Minderheiten in Europa behandelt werden, so müsst ihr die Minderheiten bei euch auch behandeln. Aber natürlich: Es ist eine Schlamperei „die Türken“ zu sagen, gemeint ist immer der türkische Gouverneur, der türkische Staat, der in kurdischen Gebieten als Besatzungsarmee auftritt und nicht als Verwaltung, was ein Staat normalerweise ist, sondern als feindliche Macht. Das merkt man auch an einer Geschichte im Film: Die Bürgermeisterin wird mit 80 Prozent gewählt und wenn sie macht, was die Wähler von ihr wollen, kommt der Gouverneur aus Ankara und sperrt sie dafür ein und macht ihr ein Strafverfahren.

mokant.at: Vor Kobane und dem kurdischen Kampf gegen den IS in Syrien hörte man selten was von Kurden bzw. von einer Aufarbeitung des Konflikts. Warum weiß man in Europa so wenig über diese Thematik?
Tina Leisch: Die Türkei ist ein NATO-Staat und vor allem Deutschland und die Türkei haben eine starke militärpolitische und geheimdienstliche Zusammenarbeit, über alle politischen und ideologischen Grenzen hinweg. Und das bedeutet, dass die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei, vor allem gegen die Kurden und auch gegen andere Leute in Europa totgeschwiegen werden. Und, dass in Europa die PKK auf der Terrorliste steht, während vergleichbare Organisationen, zum Beispiel im Kosovo, als Befreiungsbewegungen gefeiert werden. Unser Film zeigt ja auch, dass die PKK inzwischen nur mehr ein kleiner Teil dieser Bewegung ist. Der kurdische Widerstand ist heute vor allem eine Massenbewegung in den kurdischen Städten und Dörfern. Das sind die Jugendlichen, die auf die Straße gehen, die Lokalpolitiker, die Zivilgesellschaft.

Ist die PKK für dich eine Terrororganisation?

Fotos zur Verfügung gestellt von Tina Leisch


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Katharina Egg leitete zwei Jahre lang das Ressort Politik. Jetzt ist sie als außerordentliche Redakteurin bei mokant.at tätig und untersucht als Publizistik-Studentin Wirkungen Sozialer Netzwerke auf Politische Kommunikation. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten am Fahrrad, auf Reisen und im Wiener Nachtleben. Kontakt: katharina.egg[at]mokant.at

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