Sexuelle Belästigung: Alltäglicher geht’s kaum! (2)

(c) Marcel Bernard

Unpassende Erfahrungen scheint heutzutage fast jede Frau und jedes Mädchen zu machen, auch wir- und das nicht erst seit Köln. Eine Sammlung persönlicher Geschichten, die ein Tabu brechen sollen

Klara
Eine Fahrt von Wien nach Wiener Neustadt dauert – mit dem Schnellzug – 30 Minuten. Genug Zeit, um zwei Kapitel im neuen Glavinic-Roman zu lesen. Sich eine Folge The New Girl auf Netflix anzusehen. Sich auf die Kosten seiner Abteilnachbarin einen runterzuholen – in der U-Bahn, im Zug, in der Bim – meine Geschichte ist eine von vielen. Ein junges Mädchen – ich war damals 16 – betritt das Zugabteil, lässt sich in den Sitz am Fenster fallen, ohne dem anderen Fahrgast Beachtung zu schenken. Einmal kurz eingenickt und wieder aufgewacht, sieht sie wie der Mann ihr schräg gegenüber sich selbst befriedigt. Gefühle? Angst, Scham, Wut, Ratlosigkeit. Sie steht auf, geht aus dem Abteil, lässt die Situation hinter sich. Los lassen wird sie der Gedanke ans Geschehene allerdings nicht mehr.

Lisa (Name von der Redaktion geändert)
In dem Unternehmen, in dem ich einmal gearbeitet habe, war es üblich, ein bisschen Smalltalk am Morgen zu führen. Mein Chef fragte mich: „Na, wie geht’s so?“ Da ich das übliche „Danke, gut“ etwas abgedroschen fand, ergänzte ich noch: „…aber etwas müde“. Da mein Chef meinen damaligen Freund kannte, meinte er wohl besonders lustig sein zu können und fügte mit einem zweideutigen Lächeln hinzu: „Aha, soso…hat dich dein Freund also nicht schlafen lassen?!“ Ich war in der Situation zu baff um adäquat zu reagieren. Es ist aber dennoch unangenehm von einem Vorgesetzten auf das nächtliche Kopulationsverhalten angesprochen zu werden.

Alissa
Am Weg zur Schule musste ich damals immer eine enge Stiege hinuntergehen. Einmal ist mir ein Mann entgegengekommen. Offenbar hat er die Tatsache, dass ich einen Rock getragen habe, als Einladung gesehen, seine Hand auf meinen Oberschenkel zu legen und sie unter meinen Rock gleiten zu lassen. Daraufhin habe ich versucht, den Mann wegzustoßen. Ich bin die Stiegen hinunter gelaufen. Er hat gelacht.

Barbara
Mit 17 machte ich ein Praktikum in einem 4-Sterne-Hotel an einem See im Salzkammergut. Die Gäste waren großteils aus Großbritannien und Deutschland. Die Nachmittage waren immer eher ruhig – oft hatte deshalb nur eine Person alleine Dienst. Gegen Ende des Praktikums war ich alleine für so einen Nachmittagsdienst zuständig. Einer der wenigen Gäste lud mich ein, am Abend mit ihm in die Sauna zu gehen und verlieh seinem Wunsch mit einem Po-Grapscher Ausdruck. Total perplex wusste ich nicht, wie ich darauf reagieren sollte und lehnte ab. Meinem Chef habe ich davon nichts erzählt. Später fand ich aber heraus, dass einer Kollegin, die ebenfalls dort ein Praktikum machte, etwas sehr Ähnliches mit dem gleichen Gast passiert war.

Mena
Ich fahre mit einer Freundin in eine fremde Stadt, wir wollen etwas erleben. Um richtig einzutauchen in Land und Leute suchen wir uns einen Couchsurfer, der uns in seinem Haus aufnimmt und uns den Alltag des besuchten Landes näher bringen soll. So weit so gut. Die Gastgeber sind männlich, wir sind beide weiblich. Die Gastgeber stellen uns gratis ein Zimmer zur Verfügung – wir sind beide dankbar. Doch was, wenn jener Gastgeber diese Situation nicht gleich wie wir versteht, fröhlich drauf losbaggert und sich keinen einzigen Gedanken darüber macht, wie sich die Situation für uns anfühlt? Man kommt in Bedrängnis: Erstens körperlich, denn der Gastgeber will mit einem tanzen und bittet mehrfach, man möge sich möglichst nah zu ihm aufs Sofa setzen, oder sogar bei ihm im Bett schlafen. Zweitens auch mental, denn als Couchsurfer will man einfach nur froh darüber sein, dass einem eine wildfremde Person ein Dach über dem Kopf und einen Einblick in ihr Leben gewährt. Als Frau will man sich aber wehren, wenn man von einem Mann bedrängt wird, die Arroganz und das Machohafte kritisieren und den sexistischen Typen einfach loswerden. Als Mensch will man sowieso niemanden vor den Kopf stoßen, indem man einen strengen Tonfall anschlägt und ihn sozusagen bloßstellt, indem man ihm vor mehreren Leuten eine eindeutige Abfuhr erteilt. (An dieser Stelle sei gesagt, dass es natürlich vorkommt, dass Couchsurfer mit ihren Gastgebern Sex haben; das ist natürlich auch vollkommen unverwerflich, doch eben nur, wenn das von beiden Seiten gewollt wird.) Und so ist man ein ums andre Mal in einer Situation, die nur entstehen konnte, weil man eine Frau ist. Der Typ geht, aus welchem Grund auch immer, davon aus, man hätte automatisch Lust auf ihn. So genannte „Signale“, besser gesagt „Anti-Signale“, werden beinhart ignoriert und zudem wird einem das Gefühl gegeben, man kille die Stimmung, wäre die Spaßverderberin, wenn man jetzt nicht auf seine Anmache einsteigt. Wieso ist das so? Wieso sind nicht alle Männer sensibel und aufmerksam, was das Zwischenmenschliche angeht? Wieso muss man manchmal „Ich kann doch auch nix dafür, dass ich eine hübsche, witzige, kluge Frau bin!“ denken? Die Antworten sind natürlich komplex und die Gründe in unserer Gesellschaft tief verankert. Dass sich das in der gesamten Gesellschaft zur kompletten Zufriedenheit aller Geschlechter ändert, wird dauern. Aber bei dem ausführlichen Gespräch, das wir vor unserer vorgezogenen Abreise aus seinem Haus mit dem Gastgeber geführt haben, wurde zumindest dessen Aufmerksamkeit einmal kurz auf dieses Thema, dieses ewige Dilemma gelenkt. Ob es auf Dauer etwas in seinem Denken verändert hat, wissen wir nicht; aber es ist befreiend dem besagten aufdringlichen Mann direkt Meinung und Ärger kundzutun.

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Titelbild: (c) Marcel Bernard


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

4 Comments

  1. Ludwig von Leiner

    15. März 2016 at 12:36

    Also was „Lisa“ passierte, ist mir bei meiner damaligen Chefin auch passiert. Ich bin wohlgemerkt männlich… Aber da ich – bis heute – ein gutes Verhältnis zu ihr habe (sie ist rund 40 Jahre älter und das ist einfach ihr Humor) habe ich diesem Witz nicht mehr Beachtung geschenkt als nötig…

    • cutesyMRScat

      18. März 2016 at 09:53

      „Das ist einfach ihr Humor“ finde ich schon ein bisl problematisch.. die leute sollten in solchen sachen echt sensibler sein, meiner meinung nach.

    • MrsFox

      18. März 2016 at 15:26

      Ich denke das in gewissen Situationen so ein Humor natürlich auch „normal“ sein kann. Aber im Normalfall sicher nicht von einem Chef zu seiner Angestellten. Insbesondere hier scheint es für Lisa nicht angenehm gewesen zu sein….

      • Ludwig von Leiner

        21. März 2016 at 14:04

        Kommt natürlich auch das Verhältnis zwischen Chef und Angestellten an. Ich denke es ist nicht verboten, auch zu seinem Chef ein persönlich gutes und vielleicht sogar freundschaftliches Verhältnis zu haben. Ist natürlich nicht der Standard, aber kommt vor.

        Oft sind sich Personen ja auch nicht einig, wie sie ihr Verhältnis zueinander beurteilen würden. Kenne einige Personen, die Leute als Freunde bezeichnen, wo es aber nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

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