Kommentar: Ist Schach eigentlich Sport?

Schachbrett

Vom 22. bis zum 30. März findet in Moskau die Qualifikation zur Schachweltmeisterschaft statt. Ein Kommentar über Schach als Sport von Jasper Ben Reichardt.

Als Großmeister Hikaru Nakamura letzte Woche gegen Ende eines schwierigen Spiels den König kurz berührte, war er sich der fatalen Konsequenzen seines Griffs zur Spielfigur augenblicklich bewusst, trotz minutenlangen Nachdenkens: „berührt – geführt” heißt es im Schach. Sein Gegner bestand darauf, die von Nakamura berührte Figur auch zu spielen, was für diesen in wenigen Zügen die sichere Niederlage bedeutete.

Fragt man im professionellen Schach nach, fällt die Antwort meistens gleich aus: Schach ist Sport. Kaum jemand der ernsthaft Schach spielt würde etwas anderes behaupten.
Der österreichische Nationalmeister Georg Fröwis sagte mir im Gespräch, dass er Schach nicht unbedingt mit Fußball vergleichen würde – dass Schach für ihn vielmehr aufgrund des Wettkampfcharakters und der Trainingsmethoden als Sport zu bezeichnen sei. Bei wichtigen Schachturnieren gleicht der Jargon der Berichterstattung auf erstaunliche Art und Weise dem ‘richtiger’ sportlicher Großereignisse. Da ist die Rede von ‘Form’ und ‘Ausdauer’ der Spieler, von Überanstrengung und Erschöpfung.

Wikipedia definiert Sport so: ”Unter dem Begriff Sport werden verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen.

Beim Schach liegt der Unterschied im systematischen Training auf professionellem Niveau. Es sei ein großer Unterschied, ob man daheim gegen seinen Großvater Figuren verschiebe oder ob man bei einem Turnier wirklich gewinnen will, meint Georg Fröwis. Spieler wie der 25-jährige amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen geben fast Alles, um in ihrem Sport an der Weltspitze bleiben zu können. Professionelles Schach auf Weltklasseniveau ist dem Fußball nicht unähnlich, vergleicht man die Werdegänge der Profis. Der Norweger Carlsen wurde mit 13 Jahren Großmeister, der 28 jährige Amerikaner Nakamura mit 15. Sergej Karjakin wurde bereits mit 12 Jahren Großmeister, was die Fortschritte in der Jugendförderung verdeutlicht.

Kontinuierliches professionelles Training und Analyse begleitet die Karriere fast aller Schachgroßmeister. Das Hirn wird oft als ein Muskel bezeichnet, den man trainieren muss. Im kompetitiven Schach trifft diese Metapher zu.

Stefan Zweig beschreibt in seinem Buch “Die Schachnovelle” einen Charakter, der unter traumatischen Umständen Schach erlernte – und in einem außergewöhnlichen Spiel nun sein Gelerntes zum ersten Mal anwenden muss. Wie im Buch für den Spieler ist es für viele ältere Großmeister eine körperliche und psychische Herausforderung, ein Turnier zu bestreiten. Es scheint, als gäbe es im Schach ganz so wie in anderen Sportarten einen Muskelkater.
Fehlt der Bewegungscharakter fast gänzlich – so ist der Regenerationsaspekt umso deutlicher ausgeprägt.

Schach als Sport zu bezeichnen mag gewagt sein – jedoch trifft dies auch für viele nicht umstrittene ‘Sportarten’ zu, solange diese nicht professionell betrieben werden. Schlussendlich ist auch Online-Gaming als ‘Esport’ bekannt. Betrachtet man die Professionalisierungen in den letzten Jahre kann diese Analyse kaum aberkannt werden. Ob etwas ‘sportlich’ ist, das entscheidet oftmals die Einstellung. Wer Schach mit einem klaren Leistungsgedanken betreibt, ist Sportler.

Seit gestern Nacht steht auch er Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlson fest: Sergej Karjakin – der jüngste Schach-Großmeister aller Zeiten – wird den amtierenden Weltmeister aus Norwegen vom 11. bis zum 30. November 2016 in New York herausfordern. Ein sportliches Großereignis wird dieser Titelkampf ohne Frage.

Titelbild: (c) Dominik Knapp


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5 Comments

  1. Maxime Musterfrau

    29. März 2016 at 13:47

    Mir ist nicht ganz klar, warum es offenbar verpönt ist zwischen Sport und Spiel zu unterscheiden. Klar, manche Dinge sind sowohl als auch, aber Schach gehört für mich ganz klar in die Reihe der Spiele. Wie auch Poker, Magic the Gathering oder sonstige Strategiespiele.

    Wettkampf und körperliche Belastung alleine zeichnen einen Sport nicht aus. Wenn ich Umzugskartons über die Stiegen in den 5. Stock schleppe, habe ich mich körperlich betätigt und dennoch wohl eher keinen Sport betrieben? Und wenn ich mit meinem Bruder um die Wette Luft anhalte, habe ich zwar einen Wettkampf bestritten, aber wohl ebenfalls keinen Sport betrieben.
    Für mich essenziell ist (wie auch Wikipedia ja offenbar sagt) die Kombination aus Wettkampf, körperlicher/geistiger Anstrengung und eben ganz essenziell: Bewegung. Einen Bauern von D2 zu D3 zu verschieben kann so ziemlich jeder und der Effekt dieses Zugs ist auch immer der gleiche.
    Einen Basketball in einen Basketballkorb zu werfen, einen Fußball in ein Tor zu schießen, ein Auto schnell um die Kurve zu lenken, einen Tennisball ins Feld oder einen Golfball ins Loch zu schlagen oder schließlich einen Dartspfeil auf die Dartsschreibe zu werfen, kann nicht jeder und schon gar nicht mit dem gleichen Effekt.

  2. sabine

    29. März 2016 at 14:59

    ich weiß nicht, ob bewegung essenziell ist. für mich persönlich wäre das zwar auch so, aber es gibt ja auch den begriff „denksport“ oder? und wettkampf? Wenn ich joggen gehe, mache ich ja eigentlich auch Sport. Gar nicht so einfach da eine Definition zu finden…

  3. Jasper Reichardt

    29. März 2016 at 17:33

    Jedenfalls eine interessante Frage!

    Ich glaube es wäre unfair, den Wettkämpfern die Bezeichnung „Sportler“ abzuerkennen.

    Synchronschwimmen ist auch Sport.

    • Ludwig von Leiner

      31. März 2016 at 05:27

      Beim Synchronschwimmen wird aber auch eine Bewegung durchgeführt die nicht jeder kann.
      Die essenzielle Frage ist: wie wichtig ist strategisches Denken für die Definition von Sport. Ich würde sagen: für Leistungssport sehr, für Breitensport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren ganz und gar nicht.

      Vom Begriff Denksport halte ich wenig. Was fällt in diese Kategorie? Sudoku lösen? Krone-Bilderrätsel? Scrabble?
      Was ist mit anderen Brett- und Strategiespielen wie Siedler von Catan, El Grande, Risiko? Auch Denksport?

  4. Arthur

    31. März 2016 at 10:20

    Ich denke, dass ein Fehlen körperlicher Aktivität kein gutes Argument gegen den Sportcharakter von Schach ist.

    Von Magnus Carlsen weiß man, dass er seinen Körper trainiert, um bei Partien länger konzentriert zu bleiben. So nach dem Motto: Mens sana in corpore sano. Er ist dafür von den alten Hasen kritisiert worden, als er 2013? gegen Anand gespielt hat.

    Vielleicht entwickelt sich Schach im Hinblick auf das Zusammenspiel von körperlicher und geistiger Fitness in den nächsten Jahren weiter.

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