Idomeni: „Wir geben jeden Tag unser Bestes“

© Alex Yallop / MSF

Sackgasse mazedonischer Grenzzaun – In Idomeni geht für über 13.000 Menschen auf der Flucht nichts weiter. In der griechischen Grenzstadt ist eine provisorische Zeltstadt entstanden. mokant.at hat mit Emanuel Massart von Médicins sans Frontierès (Ärzte ohne Grenzen) gesprochen und ihn um einen Lokalaugenschein gebeten.

mokant.at: Herr Massart, wie sieht die momentane Situation im Flüchtlingslager Idomeni aus?
Emanuel Massart: Die aktuellsten UN-Zahlen besagen, dass sich momentan mehr als 13.000 Menschen in Idomeni aufhalten. Das gegenwärtig größte Problem ist der Mangel an Obdach. Viele Menschen verbringen ihre Nächte in kleinen Zelten, die normalerweise zum Campen gedacht sind. Manche schlafen bereits seit mehr als einem Monat in solchen Zelten. Das liegt daran, dass die „richtigen“ Flüchtlingscamps und -unterkünfte in Griechenland voll sind. Fehlende Alternativen zwingen die Menschen dazu, in Idomeni zu bleiben.

mokant.at: Wie viele Helfer kümmern sich um diese 13.000 Menschen?
Massart: Dazu habe ich keine exakten Zahlen. Hier packen Helfer der UN und Freiwillige mit an. Es ist schwierig, diese vielen Menschen in eine genaue Zahl zu fassen. Allerdings arbeiten allein für Médicins sans Frontierès (MSF) etwa 200 Menschen.

mokant.at: Können Sie uns etwas zum Hintergrund der in Idomeni festsitzenden Menschen sagen?
Massart: Die Geschlechter-Verteilung liegt bei jeweils etwa fünfzig Prozent. Die Nationalitäten Syrien, Afghanistan und Irak sind am häufigsten vertreten. Besonders auffällig ist, dass sehr viele Kinder im Camp leben. Circa 30 Prozent der hier lebenden Menschen sind unter 15 Jahre alt.

(c) Alex Yallop/MSF

(c) Alex Yallop/MSF

mokant.at: Welche Art der Unterstützung bieten Sie den Flüchtlingen an?
Massart: Wir von MSF versorgen die Menschen mit Medizin. Zusätzlich werden jeden Abend Zelte verteilt und den Menschen beim Aufbau ihres „Unterschlupfs“ geholfen. Außerdem werden sogenannte „non-food-Items“ ausgegeben. Das sind beispielsweise Decken oder Hygiene-Kits. Bei uns gibt es Sanitäranlagen und Möglichkeiten, die Schmutzwäsche zu waschen. Weitere wichtige Punkte sind die Müllbeseitigung, die Reinigung der angebotenen Einrichtungen sowie die Frischwasserversorgung.

mokant.at: Welche Unterstützung erfahren Sie als Helfer in Idomeni?
Massart: Die Unterstützung in diesem Punkt ist dürftig. Die Involvierung der Autoritäten zögert die Lösung des Konflikts weiter hinaus. Unsere Priorität liegt auf der Betreuung der Menschen. MSF ist als einer der größten Akteure hier im Camp vor allem für Organisatorisches verantwortlich. Wir arbeiten mit anderen NGOs zusammen und geben jeden Tag unser Bestes. Es ist aber auch Veränderung spürbar. Vor zwei Wochen waren wir ganz allein für die Durchführung der Essensausgabe zuständig. Durch die Abgabe dieser Tätigkeit an andere Hilfskräfte ist es nun möglich, die Ressourcen neu einzuteilen. Am Anfang war die Organisation dieser Ressourcen ein Kampf.

EmanuelleMassart

Emanuel Massart © MSF

mokant.at: Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der Lage ein?
Massart: Die Flüchtlinge in Idomeni haben absolut keine Ahnung, wie es für sie weitergehen soll. Die griechischen Autoritäten sind bemüht, neue Unterkünfte zu errichten. Es ist allerdings eine große Herausforderung für 13.000 Menschen ein Obdach zu bauen. Wir von MSF sind Experten in der Betreuung von Flüchtlingen und unsere Aufgabe ist es, die bestmögliche Unterstützung anzubieten. Die Situation der Flüchtlinge ist trotz dieser Bemühungen frustrierend. Sie sind verzweifelt und deprimiert, weil es zum jetzigen Zeitpunkt keine Alternative gibt und in naher Zukunft auch nicht geben wird. Wir alle wissen nicht, wie und wann es weitergeht.

Emanuel Massart ist seit sechs Jahren bei Médicins sans Frontierés. Der gelernte Krankenpfleger ist seit einer Woche im Flüchtlingslager Idomeni und ist dort der Projektleiter von MSF.

 Zum Originalinterview auf Englisch

Titelbild: (c) Alex Yallop / MSF


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