Ausländer raus: WIR grapschen hier!

„Neue Frauenrechtler“ haben die Selbstbestimmung der Frau in Zeiten der Flüchtlingskrise salonfähig gemacht. Ein Kommentar von Sofia Palzer-Khomenko.

Foto: Raimund Appel

Foto: Raimund Appel

Es ist 19:00 Abends, im Winter. Ein 15-jähriges Mädchen beeilt sich nach Hause zu kommen. Die langen, braunen Haare hat sie unter ihrer Mütze versteckt. Von der U-Bahn bis zur Haustür sind es nur zwei Minuten. Als sie die Straße überquert, merkt sie, dass ihr ein Mann folgt. Er spricht über ihre tolle Figur und dass er sie schon öfters hier gesehen habe. Plötzlich hält er sie fest und fragt direkt: „Willst du Sex?“ Er drückt sie in einen Hauseingang, fängt an sie anzufassen. Erst als zwei Menschen um die Ecke kommen, lässt er sie los und verschwindet.

Nein, diese Geschichte ist nicht jetzt passiert, sondern bereits vor zehn Jahren. Und sie ist absolut nichts Besonderes. Jede dritte Frau in der EU ist schon Opfer von Männergewalt geworden, jede zweite Frau Opfer von sexueller Belästigung. Meldungen wie diese sind bis vor kurzem auf diestandard.at und andere Seiten für feministisches Publikum verbannt worden. Jetzt sind 24 sexuelle Übergriffe auf Frauen zu Silvester in Österreich auf einmal „absolut besorgniserregend“ (Zitat Robert Lugar), die 4200 Sexualdelikte im Jahr 2014 (also 10 pro Tag) waren es offenbar nicht.

Als ich von der Zahl 24 gelesen hatte, waren die ersten Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen: „Echt jetzt? Nur? Das passiert doch bitte jedes Jahr, jeden Samstag beim Fortgehen, in der Disko, auf der Straße, am Donauinselfest. Was soll also der ganze Aufruhr?!“ Ich hatte aber zunächst sehr große Angst es auszusprechen. Würde man mir Verharmlosung vorwerfen, Gutmenschentum, eine Rechtfertigung für die Täter? Dabei will ich ganz und gar nichts verharmlosen. Ich möchte keinen einzigen Asylwerber, Flüchtling oder sonst wen entschuldigen, wenn er eine Frau belästigt. Es gibt dafür keine Rechtfertigung. Aber eines frage ich mich: Warum jetzt? Warum war es bis jetzt allen egal? Warum bin ich als Jugendliche praktisch jedes Mal beim Fortgehen begrapscht worden und bin nicht einmal auf die Idee gekommen, jemanden anzuzeigen? Warum hatte ich Angst, man würde es als Lappalie abtun, man würde es belächeln? Warum wäre es jetzt anders, wenn ich sage, dass der Täter ein Flüchtling war? Warum?

Das Thema Selbstbestimmung der Frau scheint 2016 auf einmal „in“ zu sein. Es ist das Thema, das uns alle betrifft, das uns aufrüttelt, das zum Handeln aufruft. Denn wir haben jetzt eine Flüchtlingskrise. Und gegen missbrauchte Frauen konnte man schon immer schlecht argumentieren.

Salonfähig gemacht wurden „die Rechte der Frau“ gerade von denjenigen, die sich bis jetzt wenig darum geschert haben. Es ist jetzt edel, sich als Beschützer „unserer Frauen“ aufzuspielen. Ob sich die neuen Frauenrechtler vor der Massenüberflutung durch „grapschende Asylanten“ auch nur eine Sekunde für sexuelle Gewalt gegen Frauen eingesetzt haben, spielt dabei keine Rolle. Sie sind wütende Bürger, die sich zu wehren wissen, wenn Fremde sich an „ihren“ Frauen vergreifen. Frei nach dem Motto: „Ausländer raus: WIR grapschen hier!“

Palzer-Khomenko: Frauen werden als Waffen missbraucht

Titelbild: (c) Raimund Appel


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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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